Kommunikation in der Euro-Krise "Eine klare Linie kann Angst stoppen"

Immer wieder packt Anleger die Angst um die Zukunft des Euro. Sie durchtränkt die Börse, sie schleicht sich in die Realwirtschaft. Doch was macht die Angst so stark? Und was kann sie stoppen? Ein Gespäch mit dem Psychologen Karl-Heinz Hilberath.
Von Arne Gottschalck
Angst: Für Akteure am Finanzmarkt ist sie ein schlechter Ratgeber

Angst: Für Akteure am Finanzmarkt ist sie ein schlechter Ratgeber

Foto: Corbis

mm: Von Angst ist überall die Rede - sie scheint von der Börse in die Realwirtschaft zu diffundieren. Aber wie entwickelt sich Angst eigentlich?

Hilberath: Es ist zwischen Furcht und Angst zu trennen. Furcht sind die begründeten Gefühle. Wenn Sie auf einen Löwen treffen, dann können Sie Furcht haben und wegrennen. Sie sollten es sogar.

mm: Weil ich sonst im Magen des Löwen lande.

Hilberath: Genau. Angst ist dagegen etwas anderes, sie ist unbegründet. Prüfungsangst zum Beispiel, das ist völlig irrational. Das zeigt sich jetzt auch in der Bevölkerung. Viele kaufen Gold und Silber oder Immobilien zu horrenden Preisen.

mm: Was kann Angst stoppen?

Hilberath: Eine klare Linie. Ein Wackelkurs - heute so, morgen so - das schürt die Angst. Das ist auch ein Kommunikationsproblem und verschlimmert sich so stetig.

mm: Gibt es auch so etwas wie die Angst vor der Kommunikation selbst?

Hilberath: Ja. Sie betrifft die Politiker, aber auch die Presse. Bestimmte Themen sind zu Tabuthemen geworden. Aber Schweigen ist eben auch eine Form der Kommunikation - und zwar die schlimmste. Aussitzen ist keine Lösung. Denn die Deutschen fragen sich dann, wann das, was den Griechen auferlegt wird, hierzulande Einzug hält, wann also die Sozialsysteme, wann die Renten gekürzt werden. Das ist ein Glaubwürdigkeitsproblem.

mm: Wird das Glaubwürdigkeitsproblem dadurch verstärkt, dass die vielfache Fixierung auf Zahlenangaben viele Anleger fälschlich in Sicherheit wiegt?

Hilberath: Eine Scheinsicherheit sehe ich darin nicht - denn die Zahlen, wie sie sich in den Börsenindizes niederschlagen, sind ja höchst real.

mm: Aber bestimmte Kennzahlen werden inzwischen hinterfragt - denn im Rahmen eines geschlossenen Systems funktionierten sie, nicht aber bei äußeren Schocks.

Hilberath: Das stimmt, zum Beispiel die Wertigkeit eines AAA steht ab jetzt auf dem Prüfstand.

Angst fängt immer langsam an

mm: Was genau kann Kommunikation leisten?

Hilberath: Schauen Sie einmal zurück ins Jahr 2008, da sah es gesamtwirtschaftlich ja nicht gut aus. Doch Deutschland begann zu konsumieren, und das, obwohl zum Beispiel der Hamburger Hafen oder auch der Kölner Flughafen Entlassungen vornehmen wollte. Aber da hat die Politik nicht versagt, sondern klar kommuniziert. Und Sparguthaben für sicher erklärt, was die Menschen geglaubt haben, dass hat Unsicherheit und Angst genommen.

Darum ist heutzutage auch die Opposition in der Pflicht, nicht immer nur Nein zu sagen. Es braucht einen runden Tisch. Die demokratische Konkurrenz muss - die Wahlen sind ja erst mal vorbei - hinten anstehen, und es muss in der Sache mit einer Stimme gesprochen werden, um der Angst zu begegnen. Dort muss klar beschlossen werden, was geschehen soll. Will man Griechenland aus der Euro-Zone ausschließen? In Ordnung, aber dann muss man das auch sagen und tun. Oder will man das Land retten?

mm: Was würde das kosten?

Dann muss man vielleicht noch einmal 100 Milliarden Euro in die Hände nehmen und dann muss das auch einmalig bleiben. Egal wofür man sich entscheidet, es muss klar kommuniziert werden und darf dann nicht mehr hinterfragt werden. Notfalls müssen kurzfristig Fachleute schnell beraten, was richtig ist, wenn Politiker dazu nicht genügend wirtschaftliches Wissen haben. Was ja nicht schlimm ist, wenn man es klar und konsequent kommuniziert.

mm: Wie lähmend ist Angst tatsächlich?

Hilberath: Sehr lähmend. In der schlimmsten Form ist das eine Phobie. Sehen Sie, Angst fängt immer langsam an. Sie gehen zum Beispiel zur Wohnungstür und fragen sich, ob Sie den Herd ausgemacht haben. Völlig normal. Bei einer Phobie verlassen Sie die Wohnung nicht mehr, weil Sie nicht mehr an der Wohnungstür vorbeikommen, ohne den Herd zu überprüfen. Oder ein anderes Beispiel. Wenn Sie Angst davor hätten, Fahrstuhl zu fahren, dann nehme ich Sie an der Hand, steige in einen Fahrstuhl - einen gut gewarteten - und fahre ein paar Mal mit Ihnen auf und ab. Sie lernen es kennen und erkennen, dass Sie keine Angst haben müssen und die verliert sich und wird duch Sicherheit ersetzt.

mm: Können Menschen trotz Angst rationale Entscheidungen fällen?

Hilberath: Nur dann, wenn die Entscheidung ein Segment betrifft, das nicht von der Angst befallen ist. Die FDP zum Beispiel kann das momentan nicht, die kämpft um ihr Überleben und agiert irrational. Auf der anderen Seite - die deutsche Wirtschaft agiert ganz rational und hat keine Angst. Im Rahmen der Preissteigerungen der Rohstoffe fragt sich die Ruhrkohle AG, ob sie nicht wieder eine Zeche aufmachen soll. Und auch die Kohlesubventionen sind deutlich gesunken. Doch das interessiert derzeit niemanden. Das ist die Wirkung von Angst, dass positve Meldungen nicht mehr wahrgenommen werden.

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