Dax-Geflüster Was bringt der September?

Der August war für die Börsianer einer der verlustreichsten Monate seit langem, Konjunktursorgen und die Euro-Schuldenkrise drückten den Dax um 20 Prozent ins Minus. Im Moment spricht nicht viel dafür, dass die Kurse wieder steigen.
Von Arne Gottschalck und Christoph Rottwilm
Lieber nicht hinschauen: Die Börsianer hoffen, dass sich die verlustreichen Tage aus dem August im neuen Monat nicht wiederholen

Lieber nicht hinschauen: Die Börsianer hoffen, dass sich die verlustreichen Tage aus dem August im neuen Monat nicht wiederholen

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Hamburg - Wer in diesem Sommer schlechte Laune bekommen möchte, muss nur aus dem Fenster schauen - oder auf den Dax-Chart . Seit Anfang Juli hat der deutsche Leitindex in der Spitze fast 27 Prozent verloren. Richtig Dicke kam es im August: 25 Prozent runter, dann 5 Prozent wieder hoch. Und seither weiter im stetigen Auf und Ab.

Die Frage, die einmal mehr die Anleger bewegt, lautet nun: War's das? Ist die Korrektur ausgestanden und wieder mit steigenden Kursen zu rechnen? Oder haben wir es mit einer so genannten Bullenfalle zu tun, der kurzzeitigen Kurserholung in einem generell noch fallenden Markt?

Wer sich das beantworten will, muss zunächst eine klare Meinung über den weiteren Verlauf der Weltwirtschaft haben. Denn die Gründe für den Kursrutsch sind sattsam bekannt: Die Anleger blicken nervös auf die Euro-Schuldenkrise und die jüngsten Wirtschaftsdaten aus Europa und den USA. Das alles könnte glimpflich enden - es könnte aber auch zum Ende des weltwirtschaftlichen Aufschwungs führen, sprich: zu einer neuen Rezession.

Für die Beurteilung des derzeitgen Kursniveaus an der Börse ist das entscheidend. Denn geht der Aufschwung weiter und erfüllen die Unternehmen halbwegs die Gewinnerwartungen in den kommenden zwölf Monaten, dann dürfen die derzeitigen Bewertungen in vielen Fällen getrost als überaus günstig bezeichnet werden.

Geldregen im September: Wieder einmal hoffen Investoren auf die Fed

Kommt es jedoch anders, mündet also das Ruckeln im globalen Aufschwung tatsächlich in eine echte Phase sinkenden Wachstums in Europa und den USA, dann sind auch viele Gewinnprognosen nicht mehr zu halten. Vor allem Firmen zyklischer Branchen, etwa Autohersteller wie Volkswagen  oder Daimler  sowie IT-Unternehmen wie SAP , werden in dem Fall wohl zum Teil deutlich weniger verdienen. Gut möglich, dass sich in diesem Szenario selbst das derzeitige Dax-Niveau noch als zu hoch erweist.

Auch die Investmentprofis kennen diese Argumente - und sie sind hin- und hergerissen. "Wir haben die schwachen August-Tage an der Börse genutzt und die Aktienquote des PEH Empire wieder auf 25 Prozent erhöht", gibt sich etwa Sven Ulbrich, Vorstand der PEH Wertpapier AG, optimistisch. "Seit Ende Juli hatten wir die Quote mittels Absicherungsgeschäften zeitweise auf null abgesenkt." Mit seinem Fonds will Ulbrich nun "von der Erholung an den Märkten profitieren".

Auch Josef Kaesmeier, Chefvolkswirt der Bank Merck Finck, ist zuversichtlich. Ohne neue Schreckensmeldungen von der Euro-Krise könnte bei 5500 Dax-Punkten ein erster Boden gefunden sein, schreibt er in einem aktuellen Marktkommentar - und setzt seine Aktienampel wieder auf Grün.

Zusätzliche Hoffnung erhielten die Optimisten am späten Abend des vergangenen Dienstags, als in den USA das Protokoll zum jüngsten Zinsentscheid der Notenbank Fed veröffentlicht wurde. Daraus ging hervor, dass es im Führungskreis der Zentralbank offenbar maßgebliche Stimmen gibt, die für eine stärkere geldpolitische Unterstützung der US-Wirtschaft plädieren. An der Börse stieg daraufhin die Erwartung an die Fed, im September weitere Stützungsmaßnahmen zu beschließen - und mit den Kursen ging es ebenfalls nach oben.

"50 Prozent Psychologie, 50 Prozent Psychatrie"

Es gibt jedoch auch skeptische Stimmen. Zum Beispiel die von Joëlle Morlet-Selmer, Senior Portfolio Managerin beim französischen Assetmanager Mandarine Gestion und dort zuständig für europäische Nebenwerte. "Es besteht die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung", sagt sie. "Die Wirtschaft schwächelt, die Menschen gehen weniger einkaufen und das wiederum lastet auf der Wirtschaft."

Oder von Björn Jesch, Chief Investment Officer im Private Wealth Management Deutschland der Deutschen Bank . Er verweist zwar ebenfalls auf die derzeit niedrigen Bewertungsniveaus bei Aktien und sieht durchaus Kurspotenzial bei deutschen und amerikanischen Substanzwerten sowie in den asiatischen Schwellenländern. "Aber natürlich muss der Aktienanleger viel Zeit und gute Nerven mitbringen", so Jesch.

Damit spricht er einen entscheidenden Punkt an. Denn die rationale Abwägung von Konjunktur- und Gewinnerwartungen sowie Bewertungskennzahlen ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere wird geprägt durch die psychologischen Aspekte des Börsengeschehens, also zum Beispiel der Angst vor weiteren Vermögenseinbußen oder einer an sich schlichten Frage, die viele Anleger jedoch am meisten quält: Was werden wohl die anderen tun? Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen spielt die Psychologie an der Börse eine besonders große Rolle.

"Es gibt den Spruch, dass Märkte zu 50 Prozent Psychologie sind", sagte kürzlich der Behavioral-Finance-Experte Conrad Mattern im Interview mit manager magazin Online. "In einer Phase wie jetzt kann man diese Aussage noch ergänzen. Da sind die restlichen 50 Prozent dann auf der Psychiatrie."

Politik steigert die Turbulenzen

Was das praktisch bedeutet kann man auf dem Kurszettel sehen. Dort ist der August-Rutsch zuletzt übergegangen in ein ständiges Auf und Ab, bei dem der Dax zum Teil mehrmals am Tag die Richtung wechselt. Jede kleinste Nachricht wird von Anlegern zum Anlass genommen, in den Markt einzusteigen oder sich rasch wieder zurückzuziehen. Es regiert die Nervosität und die Spekulation auf den schnellen Euro. Viel Vertrauen, so viel scheint klar, ist im vergangenen Monat verloren gegangen. Mit langfristiger Perspektive gehen daher derzeit wohl die wenigsten Investoren zu Werke.

Und als wäre das noch nicht genug, trägt auch die Politik noch zur Steigerung der Turbulenzen bei. Erst vor kurzem hatten einige europäische Länder beschlossen, bestimmte Leerverkäufe zu verbieten. Experten zufolge weichen Investoren nun als Reaktion darauf zum Beispiel aus Frankreich, Spanien und Italien nach Deutschland aus, wo sie weiterhin ungehindert auf fallende Dax-Werte setzen können.

Die Folge: Kursprognosen werden noch schwieriger, sowohl langfristige, als auch kurzfristige. Da hilft womöglich bestenfalls noch ein Blick auf die historische Entwicklung. Und siehe da: Im Schnitt hat der August immer Verluste gebracht, und zwar in den Jahren 1980 bis 2010 minus 0,7 Prozent pro Jahr.

Anlegern dürfte das allerdings nur ein schwacher Trost sein. Denn die diesjährige Performance des Sommermonats fiel so stark aus der Reihe, dass dadurch das langjährige Mittel auf minus 1,3 Prozent beinahe verdoppelt wurde. Hinzu kommt, dass erfahrungsgemäß auch der September nicht viel Gutes erwarten lässt. Denn mit einer durchschnittlichen Performance von minus 2,2 Prozent zählt auch er traditionell zu den ziemlich mauen Börsenmonaten. Den Anlegern bleibt also vorerst vielleicht nur die Hoffnung auf den Spätsommer jenseits der Börse.

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