Euro-Szenarien Was tun, wenn der Euro bricht?

Aus Angst vor Extremszenarien bringen immer mehr Anleger ihr Geld in Sicherheit. Doch jedes Szenario birgt andere Risiken und Chancen. Lesen Sie in Teil 1 unserer Serie zu Geldanlage in der Euro-Krise, was Investmentprofis für den Fall raten, dass die Europäische Währungsunion zerbricht.
Ende der Währungsunion: Was lange als undenkbar galt, ist nun ein mögliches Szenario

Ende der Währungsunion: Was lange als undenkbar galt, ist nun ein mögliches Szenario

Foto: Corbis

Hamburg - Je länger die Euro-Krise dauert, umso lauter werden die Unkenrufe: Es sieht nicht gut aus für die Zukunft der Währungsunion. Die gerade beschlossene Lösung für Griechenland wackelt schon wieder, die Unruhe am Anleihenmarkt wird nur mit massiven Stützungskäufen der Europäischen Zentralbank gedeckelt, quer durch den Kontinent nimmt die Beliebtheit des gemeinsamen Geldes ab. Laut einer Umfrage des Emnid-Instituts für "Bild am Sonntag" glauben 31 Prozent der Deutschen, dass der Euro dieses Jahrzehnt nicht überleben werde.

Ein Szenario, dass bislang als undenkbar galt. Europas Staaten haben sich vertraglich zu einem "immer engeren Zusammenschluss" verpflichtet, dessen stärkster Ausdruck bisher der Euro (Kurswerte anzeigen) ist. Ein Widerruf der Währungsunion oder auch nur ein Austritt einzelner Mitglieder ist nicht vorgesehen - egal, wie stark die wirtschaftlichen Kräfte Europas auseinanderstreben.

Berkeley-Ökonom Barry Eichengreen, der wohl profilierteste amerikanische Euro-Anhänger, hat die Frage bereits im Jahr 2008 untersucht: Könnte der Euro trotz der politischen Treueschwüre zerbrechen? Die wirtschaftlichen, rechtlichen und technischen Hürden seien hoch, aber überwindbar, so Eichengreen. Nur ein politisches Argument mache den Fortbestand der Union wirklich sicher: Die Eliten würden das Projekt der europäischen Einigung nicht gefährden wollen.

Doch gilt das auch heute noch, wenn selbst der Bundespräsident Front gegen die Euro-Retter macht?

Hans-Olaf Henkel: Zweiteilung des Euro bringt "geringeres Risiko"

Wer von einer Auflösung der Währungsunion überzeugt ist, steht vor einer schwierigen Frage: Wo ist das Geld noch sicher? Ratschläge fürs Investment möge er nicht geben, erklärt der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel gegenüber manager magazin. Zu den Auswirkungen des von ihm beworbenen Modells, den Euro in eine Nord- und eine Süd-Währung zu teilen, äußert er sich aber doch. Im Vergleich zu den Alternativen ergebe sich "das geringere Risiko eines Chaos".

Der Hauptvorteil der Zweiteilung sei die Chance für den Süden - zu dem Henkel auch die zweitgrößte Euro-Ökonomie Frankreich zählt -, mit einer abgewerteten Währung wieder preislich wettbewerbsfähig exportieren zu können. "Ein aufgewerteter Nord-Euro würde deutsche Exporte belasten", räumt Henkel ein. Dieses Risiko sei aber "überschaubar". Und im Gegenzug gebe es in der neuen Hartgeld-Union einen höheren Schutz vor Inflation.

"Wenn es möglich war, aus 17 Einzelwährungen eine zu machen", findet Henkel, "sollte es auch möglich sein, aus einer Währung zwei zu machen."

Doch es gibt noch ganz andere Varianten, wie die Union sich auflösen könnte - mit völlig unterschiedlichen Konsequenzen für die Geldanlage. "Griechenland oder Portugal sind Kandidaten, den Euro freiwillig aufzugeben, statt eine jahrelange interne Abwertung mit sinkenden Löhnen und steigender Arbeitslosigkeit auszuhalten", meint Tim Ohlenburg vom Londoner Center for Economic and Business Research. Anleger müssten daraus aber nur einen Schluss ziehen: "Geld in ein Land mit Abwertungsrisiko zu investieren wäre ein Desaster." Kerneuropa würde der Austritt weniger kleiner Länder nach seiner Ansicht kaum treffen.

UBS: "Vom Wechselkursgewinn der Mark profitieren"

Anders wäre es mit einem einseitigen Austritt Deutschlands oder einer chaotischen Auflösung der gesamten Union, die laut Eichengreen wahrscheinlich darauf folgen würde. "Deutschlands Exportindustrie hätte mit einer rapide aufwertenden D-Mark und wiedererstarktem Wettbewerb aus den Nachbarländern zu kämpfen, während deutsche Banken eine Billion Euro an Darlehen in Neuen Drachmen, Lire, Escudos und dergleichen zurückbekämen", warnt Jacob Kirkegaard vom Washingtoner Peterson Institute for International Economics. Der Berliner Ökonom Michael Burda erklärte in der "Welt am Sonntag" sogar, das würde "den deutschen Mittelstand mit einem Schlag auslöschen".

Als Herausforderung für Deutschland sieht US-Ökonom Eichengreen einen massiven Zustrom von Kapital im Fall einer Wiedereinführung der D-Mark. "Das Ergebnis wären Inflation, ein boomender Aktienmarkt und emporschnellende Hauspreise", meint der Volkswirt. Gedämpft würde der Effekt vielleicht durch vergleichsweise niedrige Zinsen.

"Eine Auflösung der Euro-Zone sehen wir nicht als wahrscheinlich an", stellt Chef-Anlagestratege Mark Andersen von der Vermögensverwaltung der Züricher Großbank UBS  klar. Er sehe allenfalls kleine Länder wie Finnland, wo die Unzufriedenheit mit dem Euro wächst, auf dem Weg nach draußen. Sollte es aber doch so kommen, würde er erwarten, dass in Euro lautende Ansprüche in die neuen Währungen übertragen würden - auch wenn dieser Schritt ohne Beispiel sei. "Dann könnten beispielsweise Halter deutscher Bundesanleihen vom Wechselkursgewinn der neuen Mark profitieren", sagt Andersen.

"Geldvermögen in fast jeder Form ist abzulehnen"

Max Otte hält diese Wette für zu gefährlich. "Jetzt Bunds zu kaufen, würde ich nicht empfehlen, ebenso wenig Unternehmensanleihen", sagt der Leiter des Kölner Instituts für Vermögensentwicklung. Es sei viel zu unklar, was tatsächlich mit den Euro-Ansprüchen geschehen würde - außerdem seien die aktuellen Zinsen viel zu niedrig, "in einer normalen Welt" müsste der Staat die doppelte Rendite für seine Schuldscheine bieten. "Geldvermögen in fast jeder Form ist heute abzulehnen, ob in Euro, Dollar oder Yen", meint Otte. "In solch extrem unsicheren Zeiten ist es wichtig, sich auf einfache Grundsätze zu besinnen."

Und die heißen: "Realwerte wie Gold  oder Land und fundamental unterbewertete Aktien". Die von vielen Anlegern in jüngster Zeit als Fluchtburg gesuchten deutschen Immobilien empfehle er jedoch nicht, "denn die Preise sind einfach zu hoch und die Zukunftsaussichten durchwachsen". Viele Aktien dagegen würden nach Ottes Auffassung auch einem Euro-Crash standhalten, etwa Markenartikler (siehe die unten aufgeführten Musterportfolien). "Mit Exportunternehmen muss man vorsichtig sein", räumt er ein. Doch komplett meiden müsse man den Sektor nicht. Otte verweist auf die Schweiz: "Sie sehen, dass die Franken-Aufwertung  den Unternehmen zu schaffen macht, sie aber sicher nicht umwerfen wird."

Norwegen, Dänemark oder Tschechien - Hauptsache Krone

Wer sich auf eine Euro-Auflösung einstellt, sollte in zwei Phasen vorgehen, empfiehlt UBS-Anlagestratege Andersen. Denn ganz sicher würde die Zeit des Bruchs heftige Marktverwerfungen bringen. "Wer dieses Risikoszenario spielt, sollte zunächst sein Geld so sicher wie möglich anlegen", sagt Andersen. Es könne ratsam sein, zunächst alle Finanzanlagen in der Euro-Zone zu meiden. Trotzdem könnten Anleger ihr Geld durchaus flüssig halten und ganz in der Nähe parken.

"Die skandinavischen Währungen sind attraktiv", meint Andersen. Besonders gelte das für die norwegische Krone, die für eine solide, von Öleinnahmen gestützte Wirtschaft stehe - "und sie ist mit Unterschied zum Schweizer Franken noch nicht zu teuer". Die dänische Krone sei ein Sonderfall, weil bisher an den Euro gebunden. Wenn die Nationalbank diese Wechselkursbindung aufgebe, setze sie großes Potenzial frei, meint Andersen. Dänemark sei "so etwas wie ein Deutschland ohne Euro" - also mit großem Aufwertungsdruck, wenn auch mit Risiken etwa im Immobiliensektor und den Banken.

Auch in den Nicht-Euro-Staaten Osteuropas könnten sich die Anleger umsehen. "Auch Tschechien bietet eine sehr solide Wirtschaft, die eng an die deutsche Exportindustrie gebunden ist und großen Wert auf hartes Geld legt", sagt Andersen. Deshalb könne auch die tschechische Krone eine Alternative für die erste Phase sein.

Nach dem Bruch auch Chancen in den Ex-Euro-Ländern

Sobald die neuen Währungen existieren und die Wechselkurse innerhalb der jetzigen Euro-Zone frei sind, könne man auch hier die Chancen nutzen, rät Andersen. "In Staaten wie Italien, die dank abgewerteter Währung wieder wettbewerbsfähig wären, könnte man auf Aktien der Exportindustrie setzen." Unternehmen, die stark von der Binnennachfrage abhängen, sollte man dort aber meiden. Denn steigende Importpreise würden die Kaufkraft der Italiener schmälern.

In Deutschland wäre es dann genau umgekehrt. "Hier hätten die Exporteure den Schaden, aber der Konsumsektor wäre von einer Last befreit", so Andersen.

Doch es könnte ja auch noch ganz anders kommen. Das entgegengesetzte Extremszenario wäre eine völlige Fiskalunion, in der die Euro-Staaten ihre wirtschaftlichen Unterschiede einebnen und so die Fliehkräfte überwinden. Lesen Sie am Montag in Teil 2 der Serie, wie Anleger sich für diesen Fall wappnen könnten.

Musterportfolien für den Euro-Bruch

Börsenprofi und Buchautor Max Otte empfiehlt Anlegern, die ihr Geld über die Euro-Krise retten wollen und erst in fünf Jahren oder später benötigen, folgende Aufteilung eines Vermögens von 100.000 Euro:

20.000 Euro in Gold 

Der Rest in 16 Aktien à 5000 Euro, vor allem starke Konsum- und Rohstoffwerte: Nestlé , Procter & Gamble , Anheuser-Busch , Richemont , Fielmann , McDonald's , United Internet , Novartis , Sanofi-Aventis , Total , KWS Saat , K+S , L'Oréal , Geberit , Bechtle , Sixt .

Ein kleineres Vermögen von 20.000 Euro würde Otte sogar zur Hälfte in Gold parken, die restlichen 10.000 Euro auf zehn dieser Aktien verteilen: Nestlé, Procter & Gamble, Anheuser-Busch, Richemont oder Fielmann, McDonald's, United Internet, Novartis, Sanofi-Aventis, Total, KWS Saat oder K+S.

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