Börsengänge Wer jetzt nicht da ist, hat es verpasst

Viele Börsenpläne werden derzeit zu den Akten gelegt. Klammheimlich jene, die noch nicht offiziell waren. Öffentlich und eher peinlich wohl demnächst jene, die schon großartig angekündigt wurden. Der Markt für Börsengänge könnte wieder für Jahre versiegen.
Von Cornelia Knust
Gutes Timing: Handelsbeginn der Pandora-Aktie am 15. Juni 2011 in New York

Gutes Timing: Handelsbeginn der Pandora-Aktie am 15. Juni 2011 in New York

Foto: HO/ REUTERS

München - 2011 sollte das Jahr werden, in dem große Börsengänge endlich wieder möglich sind - nach drei Jahren Flaute. Ein solides Spezialchemieunternehmen wie Evonik (früher Degussa) oder der bekannte Münchener Leuchtmittelhersteller Osram (eine Siemens-Tochter) wollten ab Herbst den Deutschen Aktienindex bereichern und reichlich Bares in die Kassen ihrer Inhaber spülen.

Doch die aktuelle Verfassung der Aktienmärkte dürfte das kaum zulassen. Die Lage ist sehr ernst, so die einhellige Meinung der Banker und Berater. Die Alarmzeichen der letzten Finanzkrise sind wieder da, vor allem der Vertrauensverlust unter den Banken. Da werden IPO-Planungen sehr schwierig.

"Die Fenster für Kapitalmarkttransaktionen gehen sehr schnell auf und zu", sagt Andreas Bernstorff, Chef Equity Capital Markets bei der Citigroup. "Wer im ersten Halbjahr nicht an die Börse gekommen ist, hat eventuell das ganze Jahr verpasst".

"Für großvolumige Börsengänge sehe ich derzeit große Schwierigkeiten", sagt ein erfahrener Manager bei einem der renommierten Beratungshäuser für Börsengänge. "Langfristiges Geld ist nicht am Markt". In diesem reinen Trading-Markt mit Kursschwankungen von um die 50 Prozent sei an ein IPO nicht zu denken. Erst bei einer Schwankungsbreite von unter 20 Prozent könne man die Begleitumstände als gut bezeichnen.

Kein Vertrauen

Der Vertrauensschwund geht noch weiter, weil bei schon vollzogenen Börsengängen die versprochenen Kursgewinne bisher ausgeblieben sind. "Die Skepsis gegenüber Banken, die große Emissionen organisieren, ist deutlich größer geworden", sagt der Berater. "Schon vor dem Niedergang an den Kapitalmärkten waren praktisch alle Börsengänge unter Wasser".

Investoren glaubten, dass die Konkurrenz unter den Banken zu groß sei, um ehrliche Aussagen zu Platzierungschancen zu bekommen, sagen Insider. Auch die Unternehmen, die Börsengänge planen, könnten nicht sicher sein, einen wirklich guten Rat von ihrem Konsortium zu bekommen, gerade wenn die Emittentengruppe sehr umfangreich sei. Zumal die Investmentbanken nur verdienten, wenn die Transaktion auch tatsächlich stattfinde; der erzielte Emissionspreis spiele beim Verdienst meist keine Rolle.

Noch ist kein Börsengang offiziell abgesagt. Die Börsenkandidaten hüllen sich in Schweigen und warten ab. Hapag-Lloyd-Eigner Tui  hat immerhin schon durchblicken lassen, dass der im Frühjahr wegen des Japan-Bebens verschobene Börsengang auch im Herbst nicht sicher ist. Viele Banker haben Hapag-Lloyd ohnehin nicht mehr auf dem Zettel: Zu sehr sind die Frachtraten unter Druck, zu stark mit der unsicheren Weltkonjunktur verknüpft ist der Wert, als dass eine wasserdichte Börsenstory daraus werden könnte.

Abwarten und hoffen

Evonik, obwohl diesmal gut vorbereitet, will die Entscheidung über den Börsengang Ende September fällen. Osram-Mutter Siemens  hatte das IPO für "Herbst" terminiert und zuletzt darauf hingewiesen, dass diese Jahreszeit ja fast bis Weihnachten reicht, auch wenn das Siemens-Geschäftsjahr schon am 30. September endet.

Abwarten und hoffen, scheint die Devise zu sein. "Ein deutlicher, starker Stimmungswechsel wäre nötig, um ein IPO in Deutschland möglich zu machen", sagt Bernstorff von der Citigroup. "Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass es ab Mitte Oktober oder im November wieder dazu kommt".

Eisern wiederholt ein Siemens-Sprecher, an den Börsenplänen für Osram ändere sich nichts. Die Spekulationen über eine Aussage von Siemens-Finanzchef Joe Kaeser bei der Vorlage der Halbjahreszahlen wischt er als Übersetzungsfehler vom Tisch.

Kaeser hatte angedeutet, dass ein Börsengang nicht unbedingt mit einem IPO verbunden sein müsse und so eine Abspaltung (Spin-off) ins Spiel gebracht. Dabei würde Siemens seine Aktionäre mit Osram-Aktien zu einem bestimmten Preis beschenken. Der Wert der Siemens-Aktien erhielte einen anteiligen Abschlag.

Großer Imageschaden

"Damit würde Siemens strategische Klarheit dokumentieren", sagt der Manager aus einem IPO-Beratungshaus. "Oft ist die Reduzierung der Unsicherheit ein Wert an sich. Außerdem würde so einem Wertverfall des Assets Osram vorgebeugt".

Jeder Aktionär könne dann selbst entscheiden, ob er der Ansicht ist, dass die Performance des Unternehmens außerhalb des Mutterkonzerns besser sein werde als mit der Mutter zusammen, sagt Martin Steinbach, bei der Beratungsgesellschaft Ernst & Young "Head of IPO und Listing Services". Wenn der Streubesitz groß genug sei, und die Aktie es in einen großen Index schaffe, dann werde sie schon deshalb ausreichend gehandelt, weil die großen Investoren die Indizes in ihren Portfolios nachbildeten.

Skeptischer ist da Olaf Wandhöfer, Partner bei Bain & Company und Experte für Corporate Finance. Bei einem Spin-off habe der Verkäufer keinerlei Einnahmen aus dem Börsengang. Selbst wenn die Muttergesellschaft gerade nicht so dringend Geld brauche, sei das keine wirklich befriedigende Lösung. Doch er weiß: "Unternehmen scheuen es, IPOs absagen zu müssen. Die Vorbereitung war ein Riesenaufwand, und die Absage ist ein großer Imageschaden".

Es muss nicht peinlich sein, einen Börsengang zu verschieben, sagt dagegen Steinbach von Ernst & Young: "Es ist im Gegenteil professionell, sofern man alles getan hat, um ihn zum Erfolg zu führen, aber die an den Märkten geforderten Abschläge auf den Unternehmenswert einfach zu hoch sind".

Nur zum Preis von X

Deshalb fahren Finanzinvestoren oftmals zweigleisig. Sie planen neben dem IPO immer auch den Verkauf an einen strategischen oder anderen Finanzinvestor, sagt Wandhöfer von Bain: "Unternehmen sollten das auch tun, schon um die Preise hochzuhalten". Wenn allerdings kein Investor in Sicht ist und das IPO die einzige Exit-Möglichkeit, dann wird es eng. "Sobald Unsicherheit in den Markt kommt, wird es sofort schwierig", sagt Wandhöfer. "Dann sagen die Investoren, wir haben kein Interesse, oder es geht nur zum Preis von X".

"Die Verträge mit den Emissionsbanken und Dienstleistern sollten immer auch einen Plan B beinhalten", sagt Steinbach von Ernst & Young. "So sollten Verabredungen zu Gebühren und Kosten Klauseln für den Fall aufweisen, dass der Börsengang nicht stattfinden kann oder erst später". Steinbach plädiert für die Form des Kick-off IPO: "Das Zeitfenster ist heute eher ein Spalt als eine große Tür. Da muss man in jedem Moment dafür gut vorbereitet sein".

Haben klassische Börsengänge in diesem Umfeld überhaupt noch eine Zukunft? "Der Markt für IPOs ist nicht strukturell tot, es wird ihn immer geben", sagt Wandhöfer. Doch: "Wenn diese Volatilität in Zukunft bleibt, wird der Trend wohl in Richtung Privatplatzierung gehen. Eigenkapital erhält man schließlich nicht nur über die Börse".

Den Privatanleger hat irgendwie niemand mehr auf der Rechnung, hat er sich doch in Deutschland seit Jahren hartleibig gezeigt und hätte auch gar nicht die Aufnahmefähigkeit für die Volumina großer Börsengänge. "Man sollte den Privatanleger nicht ganz vernachlässigen", sagt dagegen Steinbach. "Der Marketingaufwand ist zwar höher, aber gerade für kleinere Emissionen sind Privatanleger der Lender of Last Resort".

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