Kursrutsch an den Börsen "Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht"

Wenn es an der Börse richtig abwärts geht, ist für vernünftige Argumente wenig Platz. Investmentexperte Conrad Mattern erklärt, was in Panikphasen wie zurzeit in den Köpfen der Anleger vor sich geht - und warum es wohl noch weitere Verluste geben wird.
Händler an der Wall Street: Zurzeit entzieht sich die Kursentwicklung weitgehend der Vernunft

Händler an der Wall Street: Zurzeit entzieht sich die Kursentwicklung weitgehend der Vernunft

Foto: Richard Drew/ AP

mm: Herr Mattern, der deutsche Aktienindex Dax  fällt derzeit massiv, obwohl die Fundamentaldaten der Unternehmen gut sind. Wie lässt sich ein solches Verhalten der Anleger erklären?

Mattern: Es hat sich schon oft genug gezeigt, dass Aktienmärkte und fundamentale Entwicklungen nicht eng zusammenhängen. Anleger sind nun mal nicht rational, sondern schwanken immer wieder zwischen Gier und Furcht. Die Unternehmensdaten stammen aus der Vergangenheit. Doch die Zukunft beeinflusst die heutigen Börsenentwicklungen. Nun haben die Marktteilnehmer Angst, dass die USA in eine Rezession abgleiten und die Turbulenzen in Griechenland noch größer werden. Deshalb reichen ein paar positive Unternehmenszahlen nicht aus, um die Märkte zu stützen.

mm: Verstärkt die Angst vor dem drohenden Crash die aktuelle Angst der Investoren?

Mattern: Natürlich. In der Regel verhalten sich Anleger immer in der gleichen Art und Weise. Neue Informationen werden zunächst weniger stark bewertet oder sogar ignoriert, was man in der Behavioural Finance als Konservatismus bezeichnet. Wenn immer mehr Informationen die neue These stützen, wird sie dann endlich wahrgenommen. Märkte reagieren also erst einige Zeit, nachdem sich die fundamentalen Daten verändert haben. Im Herbst 2008 ging Lehman Brothers Pleite, doch die Nachwirkungen haben sich bis März 2009 negativ auf die Märkte ausgewirkt, obwohl dann keine weitere Bankpleite die Märkte erschüttert hat. In der Zwischenzeit war die Unsicherheit groß, ob das Thema damit abgeschlossen war oder noch weitere Banken Bankrott machen würden.

mm: Ist das aktuelle Geschehen bereits als Börsenpanik zu werten - oder ist das nur eine vorübergehende Schwächephase?

Mattern: Im Prinzip ist Panik nur eine Steigerungsform von Angst. Es gibt den Spruch, dass Märkte zu 50 Prozent Psychologie sind. In einer Phase wie jetzt kann man diese Aussage noch ergänzen. Da sind die restlichen 50 Prozent dann auf der Psychiatrie. In der vergangenen Woche war ganz klar Panik da. Dass die Kurse jetzt nochmals nach unten gegangen sind, ist eine ganz typische Phase. Nach solchen Verluste gibt es im Markt kurze Gegenbewegungen. Aber es kommt so gut wie nie vor, dass der Markt danach sofort durchstartet. Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht.

Erst eine Phase der Kapitulation beendet die Panik

mm: Manche Kommentatoren im Markt meinen, dass jetzt ein guter Zeitpunkt zum Einstieg bei ausgesuchten Aktien ist. Sehen sie das auch so?

Mattern: Es ist immer der richtige Zeitpunkt bei bestimmten Aktien einzusteigen. Doch es ist schwierig, das zu verallgemeinern. Grundsätzlich gibt es Phasen, in denen das Risiko höher ist. Jeder Anleger muss für sich entscheiden, wie groß seine Risikobereitschaft ist. Wer jetzt einsteigt, kann zwar höhere Risikoprämien einfahren - er kann aber auch höhere Verluste erleiden.

mm: Gibt es bereits Anzeichen dafür, dass die Panik an den Börsen wieder nachlässt?

Mattern: Im Moment sehe ich das noch nicht. Es gibt noch genügend Investoren, die überlegen, ob man jetzt schon einsteigen kann. Bevor eine Panik abflaut, kommt üblicherweise die Phase der Kapitulation. In den Jahren 2008 und 2009 war der Tiefpunkt an den Aktienmärkten erst erreicht, als die Investoren aufgegeben hatten und glaubten, alles gehe den Bach runter. Als die Aktienkurse dann entsprechend niedrig waren, stiegen Investoren mit hoher Risikobereitschaft ein und die Kurse zogen wieder an. Genauso wird es auch diesmal sein.

mm: Woran machen Sie das fest?

Mattern: Noch vor zwei Wochen hieß es in vielen Sentiment-Umfragen, dass die Anleger viel zu entspannt seien und keine Angst hätten. Das war falsch. Ob es jetzt anders aussieht, wird sich Anfang nächster Woche zeigen. Doch Marktindikatoren wie die Put-Call-Ratio sind inzwischen sehr hoch. Wir sind erstmal nicht weit von einem solchen Panik-Punkt entfernt. Doch ob dieser bereits gestern da war, wage ich zu bezweifeln.

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