Dax-Geflüster Privatanleger - Lektion gelernt?

Allein am Donnerstag hat der Dax 6 Prozent an Wert verloren  - und seine Talfahrt geht auch am Freitag weiter. Kein einfaches Umfeld für Investoren, weder für Profis noch für Privatanleger. Doch vor allem der Privatanleger hat dazugelernt. Zumindest auf den ersten Blick.
Von Arne Gottschalck und Lutz Reiche
Privatanleger: Gebannt, aber auch gelehrig?

Privatanleger: Gebannt, aber auch gelehrig?

Foto: dapd

Hamburg - MAN hätte eigentlich so etwas wie die Aktie der Wahl der Finanzexperten sein müssen. Das Unternehmen ist einer der Global Player und hob erst im Juli seine Prognose für Umsatz und Ergebnis für das laufende Jahr deutlich an. Aspekte, die Profiinvestoren gern lesen. Gefruchtet hat es nichts, das Wertpapier hat allein am Donnerstag gut 10 Prozent an Wert verloren. Dem Dax , in dem 29 weitere deutsche Vorzeigeaktien zu finden sind, ging es nur wenig besser. Er büßte gut 6 Prozent ein. Damit verschärft sich die Abwärtsbewegung des August weiter. Sicher vor diesen Verlusten ist nur, wer nicht dabei war. Insofern haben die Privatanleger recht, wenn sie sich aktuell von der Börse fernhalten.

Es ist das Kondensat jahrelanger Erfahrung - Finanzprodukte gehen nun einmal mit bestimmten Risiken einher. Aktien zum Beispiel können von massiven Kursverlusten getroffen werden, wie die vergangenen zwei Wochen demonstrierten. Anleihen unterliegen einem Emittentenrisiko. Ist dessen Bonität zweifelhaft, geraten zum Beispiel die Zinszahlungen in Gefahr. Dazu tritt, immer deutlicher, das politische Risiko. Was würde es zum Beispiel bedeuten, wenn Deutschland aus der Euro-Zone austräte? Oder Finnland eine Euro-Rettung blockierte? Profiinvestoren wie Templetons Anleihenmanager Michael Hasenstab widmen Fragen wie diesen einen Gutteil ihrer Zeit. Eine Menge Arbeit, die Privatanleger nicht leisten können.

Kein Wunder also, dass Mischfonds seit geraumer Zeit eine Renaissance erfahren haben und immer mehr Anleger deren Managern ihr Geld anvertrauen. Denn sie sollen genau jenen Spagat schaffen, für den Privatanleger keine Zeit haben - in unruhigen Zeiten den Aktienanteil zugunsten sicherer Anlagen reduzieren, in Aufwärtsphasen in umgekehrter Richtung. Das gelingt durchaus einigen. Zumindest legte der DJE Goldport Stabilitätsfonds, Bestplatzierter des Segments, seit Jahresbeginn um knapp 10 Prozent zu. Ein deutliches Plus also statt einer Null wie beim Dax. Ein Freibrief für den Kauf solcher Fonds ist das Ergebnis dennoch nicht. Denn es gibt auch Produkte wie den Nexus Global Opportunities, die mehr als ein Drittel ihres Werts verloren, wie die Ratingagentur Morningstar vorrechnet. Die gleiche Spreizung findet sich bei Dachfonds. Eine sorgfältige Auswahl zahlt sich also aus. Und die scheinen die Investoren, zumindest in Ansätzen, zu praktizieren. So konnte der Active-Fonds nur etwas über vier Millionen Euro bei den Anlegern einsammeln. Freilich hat die Finanzindustrie auch vergleichsweise neue Produkte im Angebot, die auf unruhige Phasen zugeschnitten sind.

Volatilitätsfonds zum Beispiel sollen aus Börsenschwankungen Kapital schlagen. Doch so recht gelingt das nicht. Zumindest erwirtschaftete der Beste seiner Zunft in diesem Jahr einen Ertrag von etwas über 3 Prozent - und die schlechtesten verloren Geld, bis zu 14 Prozent. Kein Wunder also, wenn diese junge Fondsgattung bei den Privatinvestoren nicht gerade beliebt ist.

Rein, raus - aus?

Auch die Zertifikate haben nicht so geglänzt wie die entsprechenden Broschüren. Beispiel Bonuszertifikate. Die beziehen sich auf einen Basiswert, zum Beispiel die Aktien von MAN , und zahlen mit Endfälligkeit mindestens den Nominalwert dieses Papiers zuzüglich eines möglichen Bonus. Es sei denn, der Kursverlauf des Basiswerts berührte oder durchbrach die untere Schwelle - dann ist der Bonus unwiederbringlich verloren. Der Anleger glaubt also gegen Kursstürze gefeit zu sein. "Doch im Moment größter Gefahr entzieht ihnen die Konzeption dieser Bonuszertifikate das Netz", sagt Thomas Mai von der Bremer Verbraucherzentrale.

Und genau das geschieht öfter als man denkt. Nach einer aktuellen Untersuchung der Ratingagentur Scope für manager magazin sind die Marktturbulenzen zwischen dem 27. Juli und dem 9. August einem Großteil der Papiere schlecht bekommen. Bis zum Börsenschluss am Dienstag hatten 30,3 Prozent der Bonuszertifikate auf Aktien und Indizes die untere Schwelle gerissen. Damit war der Bonusmechanismus für fast ein Drittel dieser Papiere deaktiviert, das Zertifikat hat seinen eigentlichen Mehrwert gegenüber dem direkten Aktieninvestment verloren.

Aber auch hier scheinen Privatanleger ihre Lektion gelernt zu haben. Denn viele von ihnen haben sich in den vergangenen turbulenten Handelstagen von ihren Discount- und Bonuszertifikaten getrennt. So hat sich das Verkaufsvolumen für Discountzertifikate an der Börse Stuttgart in der Zeit vom 1. bis 5. August gegenüber der Vorwoche auf rund 192 Millionen Euro mehr als verdreifacht. Das Verkaufvolumen für Bonuszertifikate schnellte im selben Zeitraum auf 265,2 Millionen Euro empor und versechsfachte sich damit sogar. Die Börse Stuttgart ist der Haupthandelsplatz in Deutschland für derivate Wertpapiere. Rund zwei Drittel des börsichen Handels mit verbrieften Derivaten in Deutschland werden hier abgewickelt.

"Das war schon ein kleiner Dax-Crash, den wir da gesehen hatten. Und in solchen Phasen greifen bei vielen Kunden automatische Verkaufsaufträge", begründet Norbert Paul, Derivatehändler an der Börse Stuttgart, den enormen Anstieg der Verkaufsvolumina. Mit anderen Worten, etliche Anleger haben zuvor über ein Stopp-Loss eine Grenze gezogen, bei deren Unterschreiten die Papiere eben automatisch abgestoßen werden. "Man darf die Anleger nicht unterschätzen. Die meisten Privatanleger sind heute viel aufgeklärter als noch vor zehn Jahren", so Paul.

Statt dessen setzen sie daher lieber auf Gold. "Trotz des starken Preisanstiegs nehmen die wenigsten Anleger Gewinne mit", berichtet zum Beispiel Benjamin Summa, Sprecher der Goldhändlers Pro Aurum. "80 Prozent der Kunden sind nach wie vor bei uns auf der Käuferseite." Die Wertentwicklung des Edelmetalls gibt ihnen recht.

Damit stehen Privatanleger, zumindest statistisch gesehen, gar nicht schlecht da. Aktien? Zuletzt gemieden, zumindest im Vergleich zu breiter streuenden Fonds. Neue und komplexe Produkte? Nicht sofort und unbesehen gekauft. Und mit Gold opportunistisch auf einen Trend gesetzt. Der Privatinvestor hat offenbar einiges gelernt. Nun steht nur noch eine Lektion aus. Doch sie ist die schwierigste und steht im diametralen Widerspruch zum Sicherheitsdenken der Deutschen. Nämlich rechtzeitig wieder bei Aktien zuzugreifen und den irgendwann folgenden Börsenaufschwung nicht - wie so oft - zu verpassen. Immerhin, das Deutsche Aktieninstitut (DAI) verbucht im ersten Halbjahr 2011 einen leichten Anstieg der Aktionäre und aktiennaher Fondsinvestoren.

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