Angst an der Börse Dax verbucht größten Tagesverlust seit 2008

An der Börse ist die Angst zurück: Der Dax fährt ein Rekordminus ein und fällt auf 5600 Punkte. Europäische Großbanken verlieren teils mehr als 10 Prozent an Wert. Auch die Wall Street startet tief im roten Bereich. Nachdem weltweit die Konjunkturdaten auf einen Abschwung hindeuten, fürchten Anleger eine Rezession.
Auf der Flucht: Anleger verkaufen erneut in Scharen Aktien

Auf der Flucht: Anleger verkaufen erneut in Scharen Aktien

Foto: Andrew Gombert/ dpa

Frankfurt am Main - Der Dax (Kurswerte anzeigen) beschleunigte am Nachmittag seinen Abwärtstrend und schloss mit einem Minus von 5,8 Prozent bei 5602,80 Punkten. Das war der größte Tagesverlust seit November 2008. Ähnlich sah das Bild bei den anderen Indizes aus: Für den MDax (Kurswerte anzeigen) der mittelgroßen Werte ging es um 6,1 Prozent auf 8532,89 Punkte bergab, der Technologiewerte-Index TecDax  büßte 4,9 Prozent auf 686,54 Punkte ein.

In New York verlor der Dow Jones (Kurswerte anzeigen) der wichtigsten Standardwerte mehr als 500 Punkte oder rund 4 Prozent auf 10.937 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 (Kurswerte anzeigen) sank um ebenfalls 4 Prozent auf 1150 Zähler. In Paris ging der Leitindex CAC 40 (Kurswerte anzeigen) mit einem Verlust von 5,5 Prozent auf 3076,04 Punkte aus dem Handel. Die Großbank Société Générale (Kurswerte anzeigen) war mit einem Kursabschlag von 12,3 Prozent erneut größter Verlierer. In London erwischte es die Kollegen von Barclays  und Royal Bank of Scotland (Kurswerte anzeigen) mit jeweils minus 11 Prozent.

Grund waren Börsianern zufolge Berichte über einen erwarteten Anstieg der Arbeitslosigkeit sowie ein Anziehen der Inflation. Investoren fürchten offenbar eine Rezession, da in den USA und Europa die Zeichen auf Abschwung stehen. Am Nachmittag veröffentlichte die regionale Fed-Filiale in Philadelphia ihren Frühindikator zur Industrie. Der Index rutschte dramatisch von 3,2 Punkten im Juli auf minus 30,7. Werte unter Null zeigen schrumpfende Produktion an - ein Zeichen, dass zumindest in der wichtigen Industrieregion die Zeichen tatsächlich auf Rezession stehen.

Auch in Europa hat das Wachstum im zweiten Quartal gegenüber dem ersten Quartal spürbar nachgelassen, enttäuschende neue Zahlen kamen unter anderem vom britischen Einzelhandel. Die Analysten von Morgan Stanley senkten am Donnerstag ihre Prognosen für das weltweite Wirtschaftswachstum für das laufende und das nächste Jahr.

"Die Anleger sind durch das unbefriedigende Ergebnis des deutsch-französischen Gipfels in dieser Woche verunsichert", erläuterte ein Händler. "Einige fürchten vor allem die Finanztransaktionssteuer." Präsident Nikolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten diese Abgabe auf Börsengeschäfte vorgeschlagen.

Kleiner Verfall am Terminmarkt

Für zusätzliche Verunsicherung sorgte Händlern zufolge der kleine Verfall am Terminmarkt. Dort werden am Freitag die Optionen auf Indizes und Aktien fällig. Kaum jemand hatte mit einem so starken Kursrutsch in den vergangenen vier Wochen gerechnet. Der Dax hat seit dem Juli-Verfallstermin fast 19 Prozent verloren.

Wie stark der Druck vom Terminmarkt auf den Dax ist, zeigte der Einbruch am späten Vormittag. Ohne neue Nachrichten verdoppelte der Leitindex prozentual seine Verluste. Sämtliche Dax-Werte weiteten auf einen Schlag ihr Minus deutlich aus. "Da mussten einige Anleger ihre Positionen decken", erklärte ein Händler.

Commerzbank-Aktie verliert erneut zweistellig

Nachrichten zu Unternehmen rückten angesichts des Dax-Absturzes in den Hintergrund. So litten die Aktien des Dax-notierten Baustoffherstellers HeidelbergCement (Kurswerte anzeigen) unter schwachen Zahlen des Schweizer Konkurrenten Holcim  und büßten 9,5 Prozent auf 29,125 Euro ein. Die Aktien der Commerzbank  verloren 10,4 Prozent auf 1,899 Euro.

Die im SDax  gelisteten Titel von Air Berlin  sanken in dem trüben Umfeld um 3,95 Prozent auf 2,455 Euro, nachdem sie zuvor noch deutlich nach oben gesprungen waren. Unternehmenschef Joachim Hunold tritt ab, der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn soll Interimsnachfolger werden.

Euro verliert, Gold auf Rekordhoch

Belastet durch die Börsenturbulenzen verlor auch der Kurs des Euro stark. Die europäische Gemeinschaftswährung sank um mehr als zwei Cent auf 1,4275 US-Dollar. Im Vormittagshandel hatte der Euro noch zeitweise 1,4512 Dollar gekostet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs auf 1,4369 (Mittwoch: 1,4477) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,6959 (0,6908) Euro. "Die Verunsicherung an den Finanzmärkten ist sehr groß und darunter leidet der Euro", sagte You-Na Park, Devisenexpertin bei der Commerzbank.

Dagegen trieb der abermalige Einbruch der Aktienmärkte den Goldpreis am Donnerstag auf ein Rekordhoch. In der Spitze kostete eine Feinunze (rund 31 Gramm) des Edelmetalls 1826,45 US-Dollar. Ausschlaggebend für die aktuell starke Nachfrage nach Gold ist die schlechte Stimmung an den Aktienmärkten. Angesichts des Einbruchs flüchteten sich die Investoren in sichere Anlagen wie Gold, sagten Experten.

Ölpreise geben nach

Die Ölpreise gaben weiter nach. Am Abend kostete ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent (Kurswerte anzeigen) zur Oktober-Lieferung 107,54 US-Dollar. Das waren drei Dollar weniger als am Mittwoch. Der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI (West Texas Intermediate) sank um knapp vier Dollar auf 83,66 Dollar. Auch der Abstand zwischen den beiden Leitsorten, dem eine lokale Angebotsschwemme in Teilen Nordamerikas zugrundeliegt, hat damit einen Rekord erreicht.

Händler verwiesen auf anhaltende Sorgen wegen der schwächelnden Weltwirtschaft, insbesondere in den USA und in Europa. Zudem nannten sie die wöchentlichen US-Lagerdaten vom Mittwochnachmittag als Grund für die Verluste. Nach Zahlen des US-Energieministeriums sind die amerikanischen Ölvorräte in der vergangenen Woche deutlich gestiegen. Höhere Lagerbestände gelten als Hinweis auf eine schwächere Ölnachfrage.

Deutsche Staatsanleihen haben am Donnerstag beflügelt von Ängsten vor einer weltweiten Konjunktureintrübung Rekordwerte erreicht. Am deutschen Rentenmarkt sank die durchschnittliche Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere deutlich auf 1,93 (Vortag: 2,04) Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,64 Prozent auf 129,07 Punkte. Der Bund-Future gewann 1,25 Prozent auf 135,59 Punkte. Zeitweise kletterte er auf 136,26 Punkte und damit auf den höchsten jemals erreichten Stand.

ak/cr/mg/rtr/dpa-afx
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