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Fotostrecke: Wo Leerverkäufe künftig verboten sind

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Verbot von Leerverkäufen Börsenprofis zweifeln am Politiker-Eifer

Das Leerverkaufsverbot in Frankreich, Spanien, Italien und Belgien wird von der deutschen Regierung begrüßt. Nicht alle Finanzexperten sind genauso begeistert. Die Börsenprofis staunen über den einseitigen Regulierungsentschluss.
Von Kristian Klooß

Hamburg - Die Börsenaufseher verschiedener europäischer Länder haben auf die heftigen Börsenturbulenzen der vergangenen Tage reagiert. Das Ergebnis: ein Verbot von Leerverkäufen. Bei einem solchen Geschäft leihen sich Investoren beispielsweise Aktien eines Unternehmens, um sie umgehend zu verkaufen. Sie hoffen darauf, dass der Kurs bis zum Ende der Leihfrist fällt und sie die Papiere billiger zurückkaufen können. Die Differenz bleibt den Anlegern als Gewinn.

Der Präsident der französischen Börsenaufsicht AMF, Jean-Pierre Jouyet, verkündete ein Verbot solcher Geschäfte für elf am französischen Markt notierte Banken und Versicherungen. 15 Tage soll der Ausnahmezustand dauern. Bei den Unternehmen handelt es sich um Axa , April Group, BNP Paribas , CIC, CNP Assurances, Crédit Agricole, Euler Hermès, Natixis, Paris Ré, Scor und - allen voran - die Société Générale .

Denn vor allem die Gerüchte um mögliche Zahlungsschwierigkeiten der Société Générale hatten eine neue Verkaufslawine an den europäischen Aktienmärkten losgetreten. Es sind genau diese falschen und oft mit gleichzeitigen Leerverkäufen verbundenen Gerüchte, denen jetzt durch das Verbot von Leerverkäufen Einhalt geboten werden soll.

"Man merkt, wie die Politiker dazu lernen", sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim. Anders als in der Vergangenheit würden die Leerverkäufe jetzt nicht verboten, weil jemand wette, sondern weil jemand falsche Gerüchte verbreite. "Gegen Letzteres gibt es zwar Gesetze", sagt der Finanzmarktexperte. Nur sei ein Verstoß eben schwer nachzuweisen. "Deshalb hat man jetzt entschieden, das Instrument zu verbieten."

Wobei Leerverkäufe allerdings aus Sicht der Märkte ein Instrument seien, dass durchaus sinnvoll sei. "Es muss ja auch die Wette erlaubt sein, dass etwas schiefgeht", sagt Burghof. "Dies zu verbieten, macht meiner Ansicht nach keinen Sinn."

Gestreute Gerüchte sind das eigentliche Problem

Mit dieser Ansicht steht Burghof nicht allein da. "Wenn Aktien überbewertet sind, werden die Kurse sinken - so oder so", sagt Franz-Josef Leven, Finanzmarktexperte vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). Mit Leerverkäufen gehe es nur schneller. "Das eigentliche Problem der Leerverkäufe sind die falschen Gerüchte."

Die Lösung, die von den Börsenaufsichten in Europa jetzt gefunden worden sei, vergleicht der Finanzmarktexperte mit dem Verbot eines Hammers. Dieser werde von den meisten genutzt, um einen Nagel in die Wand zu schlagen und nicht, um jemandem den Kopf damit einzuhauen, so der DAI-Experte. "Der Gesetzgeber hat jetzt gesagt, an dieses einfache Gesetz hält sich keiner, also nehmen wir allen den Hammer weg."

Dass der Leerverkauf oft mit der Streuung falscher Marktgerüchte einhergeht, daran zweifelt auch Fidel Helmer nicht, Leiter des Wertpapierhandels beim Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Ein Leerverkaufsverbot macht seiner Ansicht nach aber keinen Sinn. "In normalen Zeiten ist das Instrument Leerverkauf ja durchaus sinnvoll. Es bringe Liquidität in ein Papier, dessen Kurs ja auch genauso nach oben ausreißen könne", sagte Helmer.

Abgesehen davon gebe es über die Leerverkäufe hinaus andere Instrumente, die eine ähnliche Problematik in Bezug auf das Streuen von Gerüchten mit sich brächten. "Man denke nur an Derivate", sagt Helmer. Auch jene Börsenplätze, an denen kein gleichwertiges Verbot bestehe und Aktien trotzdem gehandelt würden, könnten das Verbot aushebeln.

Ganz so pessimistisch ist Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut gegenüber dem Leerverkaufsverbot nicht. "Beim Leerverkauf haben wir einen Hebel in der Hand, das heißt, Spekulanten arbeiten mit geliehenem Geld." Jetzt blieben nur die diejenigen übrig, die Aktien wirklich hielten. "Und beim Kauf von Optionen sind in der Regel die Zeiträume länger, während Leerverkäufe meist kurzfristig im Intraday-Geschäft stattfinden."

Neu ist das Leerverkaufsverbot nicht

Neu ist das Verbot von Leerverkäufen im Übrigen nicht. In Deutschland untersagte beispielsweise die Bafin 2008 im Zuge des durch die Lehman-Pleite eingeleiteten Einbruchs der Börsen für mehrere Monate lang den Leerverkauf von Finanztiteln.

Ein Gesetz zum Verbot von ungedeckten Leerverkäufen bei Staatsanleihen von Euro-Ländern und den Aktien von zehn deutschen Finanzkonzernen, das die deutsche Regierung im Alleingang im Mai 2010 durchgesetzt hatte, sorgte damals allerdings EU-weit für Kritik. Die EU-Kommission und andere europäische Regierungen beschwerten sich über das eigenmächtige und offenbar nicht abgestimmte Verhalten der Bundesregierung.

Damals standen Leerverkaufsgeschäfte indes noch im Verdacht, unter anderem den Wertverfall griechischer Staatsanleihen beschleunigt zu haben.

Und damals ging der Schuss für die Bundesregierung zunächst auch nach hinten los: Der Euro  fiel gegenüber dem Dollar  auf ein neues Vierjahrestief, die Aktienbörsen in Deutschland und Europa gaben deutlich nach. Bafin-Präsident Jochen Sanio sah sich kurz nach Verkündung des Verbots gezwungen, im Bundestag klarzustellen, dass das "deutsche Bankensystem, insbesondere die börsennotierten Banken", solvent ist. "Das Verbot von Leerverkäufen diene "allein der Beseitigung von Missständen im Handelsgeschehen."

Holland zieht nicht mit

Heute sieht sich die Regierung hingegen in ihrem Handeln bestätigt. Nach dem Vorstoß aus Frankreich, Italien, Spanien und Belgien, verlangt auch sie ein europaweites Verbot hoch riskanter Aktiengeschäften. Das Ministerium unterstütze die von den vier Ländern beschlossenen Maßnahmen, sagte Sprecher Martin Kreienbaum am Freitag in Berlin. Für eine Ausweitung des Verbots "setzen wir uns auch europaweit ein".

Auch die EU-Kommission erwartet schon bald eine einheitliche Regelung zum Verbot von Leerverkäufen in der Europäischen Union. "Die Verhandlungen sind enorm vorangekommen. Wir sind einer Einigung sehr nahe", sagte eine Sprecherin der Kommission am Freitag in Brüssel. Allerdings ist noch ungewiss, wie weit ein mögliches Verbot gehen wird.

Dass eine Einigung indes keine Formsache ist, zeigt der Blick in die Niederlande. Die dortige Börsenaufsicht AFM will dem Beispiel der vier weiteren Euro-Länder nicht folgen und gestattet weiterhin Aktien-Leerverkäufe. Die AFM teilte am Freitag mit, nach Beratungen mit der europäische Finanzmarktaufsicht ESMA und den Börsenaufsichten anderer Länder sei die Entscheidung gefallen, in den Niederlanden derzeit kein entsprechendes Verbot zu erteilen.

Die Finanzmärkte würden genau beobachtet, hieß es weiter. Es bestehe die Auffassung, dass Leerverkäufe "unter normalen Umständen" eine wichtige Rolle für die Preisfindung spielten.

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