Dax-Geflüster Anleger leiden unter der Übertreibung der Übertreibung

Übertreibungen gehören zur Börse, wie die abgelaufene Woche deutlich demonstriert. Doch die Stärke der Pegelausschläge nimmt zu. Und das liegt auch an den Finanzhäusern selbst.
Von Arne Gottschalck
Scheinbare Erholung: Das Verhalten der Börsen verunsichert Investoren

Scheinbare Erholung: Das Verhalten der Börsen verunsichert Investoren

Foto: JUAN MABROMATA/ AFP

Hamburg - Was für eine Woche. Am Montag stürzte der Dax  zwischenzeitlich um 7 Prozent ab und setzte damit seine Tauchfahrt der vergangenen Woche fort. Am Dienstag dann ging es wieder an die Oberfläche, der Index schloss knapp im Plus. Am Mittwoch gewann der Index zuerst kräftig an Wert, um dann einzubrechen. Und so weiter. Die Entwicklung hat mit den allgemeinen Risiken zu tun, vor allem aber mit den Investoren selbst.

"90 Prozent der Marktteilnehmer folgen Momentum- und Relative-Stärke-Regeln - auch die CPPI - und werden bei steigenden Kursen zu Käufen und bei fallenden Kursen zu Verkäufen genötigt", erklärt zum Beispiel Christoph Bruns. Er ist Fondsmanager und Geschäftsführer der Boutique Loys. Und verweist darauf, dass viele Investoren ihre Orders vom Computer geben lassen. Dass sie vor allem darauf setzen, bestehende Trends auszunutzen. "Ökonomisch überzeugend ist das nicht." Denn es bedeutet, dass viele Investoren Trends vor allem verstärken.

Ein Korrektiv wie eine breite Schicht Privatanleger, die einer Aktie auch langfristig die Treue halten, fehlt. Denn sie haben sich von der Börse verabschiedet. Allein im zweiten Halbjahr 2010 kehrten eine halbe Million von ihnen der Börse den Rücken, verzeichnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Und der jüngste Rücksetzer wird weitere potenzielle Investoren verschreckt haben, vermutet Frank Alexander de Boer vom Vertriebs- und Beratungsunternehmen Max.xs. Ziehen die verbliebenen Profiinvestoren ihr Geld also reihenweise ab, kommt die Börse daher sofort deutlich ins Rutschen.

Auf der einen Seite schafft diese Entwicklung Luft für Investoren wie Bruns. "In der Tat hat der jüngste Kurseinbruch großartige Einstiegschancen beschert. Etliche Aktien können mit guter Sicherheitsmarge gekauft werden." Die Sicherheitsmarge ist der Preisabschlag, mit dem eine Aktie unter ihrem üblichen Preis notiert - und damit ein Sicherheitspolster für künftige Kursschwankungen.

Auf der anderen Seite sorgt die Entwicklung für deutlich erhöhte Unruhe. Denn massenhafte Käufe können die Kurse ebenso schnell und deutlich wieder nach oben treiben. Einfach deshalb, weil die Investoren, die derzeit abwarten, plötzlich auf das Börsenspielfeld stürmen. Solch kräftiges Ab und Auf dürfte künftig häufiger geschehen - selbst im Verlauf eines einzigen Handelstages.

Seitenlinie statt Unterstützungslinie

Die Folge davon können Fehleinschätzungen der Wirtschaftslage sein, und damit der allgemeinen Investmentbedingungen. Das derzeitige Kursniveau beispielsweise, hervorgerufen auch durch die hastigen Verkäufe, entspricht nach Meinung der VP Bank in etwa der Dax-Lage mitten in einer Rezession. Dabei befindet sich die deutsche Wirtschaft - zumindest aktuell noch - in durchaus guter Verfassung: Die Unternehmen verdienen zumeist gut, Fabriken sind ausgelastet, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden eingestellt, die Steuereinnahmen aus den erhöhten Gewinnen und der steigenden Beschäftigung steigen.

Die Analysten der VP Bank stehen mit ihrer Warnung vor Fehlsignalen durch überschießende Kursbewegungen nicht allein. Ähnlich die Einschätzung jenseits des Atlantiks. Kursstürze wie etwa das Tagesminus des Dow Jones  von 500 Punkten am 4. August seien ungerechtfertigte Marktübertreibungen, sagt beispielsweise Ken Taubes, US-Investmentchef bei Pioneer Investments. Mit anderen Worten: Die Investoren könnten die Seitenlinie jederzeit verlassen, das Spielfeld betreten und Aktien kaufen. Die Wirtschaftslage würde das rechtfertigen. Dumm dann nur, dass diese Bewegung den Keim für den nächsten - deutlichen - Rücksetzer bereits in sich trüge.

Was zum Beispiel geschähe, wenn eine Ratingagentur Frankreich das Dreifach-A aberkennt? Genau darüber wird aktuell laut nachgedacht. "Die Zurückstufung der Bonität der USA durch die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's wird nicht der letzte Schritt dieser Art gewesen sein", sagt Alan Valentiner, Geschäftsführer und Direktor Fixed Income bei Johannes Führ Asset Management: "Die Liste der Staaten mit schlechter Bonität ist lang. Und das Abwertungskarussell wird sich weiter drehen."

Auf den ersten Blick hat das nichts mit dem Aktienmarkt zu tun. Doch nur auf den ersten. Banken zum Beispiel können AAA-Staatsanleihen in ihren Büchern halten, ohne dafür Eigenkapital zu hinterlegen, so will es das Gesetz. Wird aus einer Dreifach-A-Anleihe aber eine solche mit einem doppelten A, dann muss die Anleihe plötzlich mit Kapital hinterlegt werden. Und das in einem Umfeld, in dem Banken sowieso um Kapital ringen. Sie müssten also möglicherweise Wertpapiere verkaufen, vielleicht Aktien, um sich das dringend benötigte Kapital zu verschaffen, überlegt Thomas Hartauer von Lacuna. Das gleiche Szenario könnte drohen, wenn Deutschland seinen Status als "AAA"-Nation verlöre.

Auch Exchange Traded Funds (ETF), die neuen Lieblinge der Finanzindustrie, könnten sich zum Zündstoff für neuen Unruhen entwickeln. Denn nicht alle bilden die Indizes auf vergleichsweise hölzerne Weise nach, indem sie die darin befindlichen Aktien kaufen, sondern indem sie Swaps nutzen. Statt der Aktie finden sich also Papiere darin, deren Erträge gegen andere getauscht werden, die ihrerseits den Erträgen des Dax ähneln. Rechnerisch kein Problem, doch wer Vertragspartner dieser Swaps ist, ist für den Anleger nur schwer zu verstehen. Und geht so ein Swap-Partner in die Insolvenz, kann das neue Börsenbeben auslösen.

Runter, dann wieder rauf, das Ganze verstärkt durch das Verhalten der Investoren - keine guten Aussichten.

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