Freitag, 6. Dezember 2019

Kurssturz "Massive Attacken aus London und New York"

Börse in New York: Die globale Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig - doch Spekulationen am Anleihenmarkt sorgen für große Nervosität unter Investoren

Am Markt für Kreditausfallversicherungen könnte sich die Zukunft der Euro-Zone entscheiden. Denn dort schießen Spekulanten Italien und Spanien sturmreif und verschärfen so die Krise, sagt Analyst Folker Hellmeyer. Die EZB sollte sich mit "unorthodoxen Methoden" dagegen wehren. 

mm: Herr Hellmeyer, der Ausverkauf am Aktienmarkt geht weiter. Yen und Schweizer Franken steigen trotz Intervention der Notenbanken. Renditen spanischer und italienischer Anleihen sind gefährlich gestiegen. Ist die Angst des Marktes vor einem globalen Konjunktureinbruch berechtigt?

Hellmeyer: Die Angst ist berechtigt. Es gibt starke Belastungfaktoren wie die europäische und die US-amerikanische Defizitkrise. Schon allein ihre psychologische Wirkung für die Märkte ist nicht zu unterschätzen. Gleichwohl präsentiert sich die globale Wirtschaft aus meiner Sicht bemerkenswert widerstandsfähig. Wir haben bis jetzt kein ernst zu nehmendes konjunkturelles Problem. Der Lager-, Investitonsgüter- und der Konsumzyklus präsentieren sich in Topverfassung. Doch das politische Risiko und damit das systemische Risiko für das Finanzsystem überlagern derzeit diese positiven Aspekte.

mm: Was meinen Sie damit genau?

Hellmeyer: Die Frage ist, ob Italien und Spanien über den Markt für Kreditausfallversicherungen in die Kapitalmarktunfähigkeit getrieben werden.

mm: Spekulanten heizen jetzt also die Krisenstimmung an?

Hellmeyer: Ja, und zwar gewaltig. Wir beobachten derzeit massive Attacken auf Italien und Spanien. Dabei gab es in dieser Woche keine Nachrichten, die diese Angriffe rechtfertigten. Im Gegenteil: Die Juni-Defizitdaten von Spanien waren im Monats- und im Jahresvergleich rückläufig. Spanien fährt einen eisernen Konsolidierungskurs, liegt absolut in der Spur.

mm: Wer spekuliert gegen die Euro-Länder?

Hellmeyer: Die Attacken kommen eindeutig aus London und New York. Es sind große Hedgefonds, die ihre Spekulationsmacht einsetzen. Dabei ist Europa mit Blick auf Neuverschuldung und Reformtempo das Paradepferd auf internationaler Bühne. Im Vergleich zu den USA, Japan oder Großbritannien hat die Euro-Zone die deutlich niedrigeren Neuverschuldungsdaten. Wir reformieren aggressiv, die anderen nicht. Die EZB steht für Stabilitätspolitik, wir monetarisieren Staatsschulden nicht, sondern ziehen die eingeschossene Liquidität wieder aus den Märkten ab. Man versucht jetzt, dieses Paradepferd zu schlachten. Am Ende geht es dabei auch um hegemoniale Macht an den Finanzmärkten und in der Realwirtschaft.

mm: Kann die durch Spekulanten ausgelöste Panik, wie Sie meinen, kurzfristig realwirtschaftliche Folgen haben, etwa dass Kreditvergabe und Kreditnachfrage zum Erliegen kommen und sich die Krise damit verschärft?

Hellmeyer: Genau diese Gefahr besteht. Das konjunkturelle Risiko liegt in einem politischen Risiko der Euro-Zone, das entscheidend bestimmt wird durch die Attacken wie zuletzt jetzt auf Italien und Spanien.

mm: Ist EU-Kommissionschef Barroso nicht höchst unvorsichtig, wenn er Gipfelergebnisse kleinredet und Zweifel am Rettungsfonds sät?

Hellmeyer: Seine Äußerungen waren wenig geschickt. Wir haben in den vergangenen anderthalb Jahren eine verwirrende Vielstimmigkeit hinsichtlich der adäquaten Mittel zur Krisenbekämpfung gesehen. Wer Probleme nachhaltig lösen will, sollte hinter verschlossenen Türen arbeiten und nicht mit jeder Äußerung an die Öffentlichkeit gehen.

mm: Merkel, Sarkozy und Zapatero sprechen heute ob der rasanten Börsentalfahrt miteinander. Was erwarten Sie von dem Treffen?

Hellmeyer: Mein bescheidener Rat wäre, die Erfahrungen der Finanzkrise 2008/2009 zu berücksichtigen. Die letzten 18 Monate der Krisenbekämpfungspolitik in der Euro-Zone waren von Vorfestlegungen und einem minimalistischen Anspruch gekennzeichnet. Wenn man von einer solchen Krise bedroht ist, müssen die Abwehrmaßnahmen größer ausfallen.

mm: Welche Optionen hat die Politik noch, die Märkte zu beruhigen? Oder sind alle Mittel bereits ausgereizt?

Hellmeyer: Nein, das sind sie nicht. Die USA, Japan und Großbritannien monetarisieren ihre Staatsschulden und bestimmen damit zum Großteil den Preis ihrer Anleihen an den Finanzmärkten mit. Das machen wir in Europa bis jetzt nicht, was Ausdruck unserer Stabilitätskultur ist. Wenn es aber alle anderen tun und die Euro-Zone ihren Aufschwung nicht gefährden will, wird sie womöglich zu gleichen Mitteln greifen müssen.

mm: Was heißt das konkret?

Hellmeyer: Ich halte gemeinsame Euro-Bonds nach wie vor für die beste Lösung. Man könnte auch den Fonds weiter aufstocken. Die eigentliche Problemlösung sehe ich aber nicht im fortgesetzten Aufkauf von Staatsanleihen. Da bewegen wir uns in einem einfach gestrickten Primärmarkt. Der Preis der Staatsanleihen bestimmt sich über die Kreditausfallversicherungen, also den CDS-Markt, der völlig unreguliert ist. Dort arbeiten Investoren mit Hebeleffekten und maximaler spekulativer Kraft. Es ist ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, dass sich durch Staatsanleihenkäufe der Markt für Kreditausfallversicherungen bändigen lässt.

mm: Europa sollte also eine möglichst rasche Regulierung des CDS-Marktes einfordern?

Hellmeyer: Das sollte es, doch Großbritannien und die USA dürften sich dem wohl verweigern. Will man diese Märkte im Zaum halten, bedarf es einer internationalen Vereinbarung. Die Euro-Zone sollte sich daher zumindest überlegen, ob Sie diesen Markt mit unorthodoxen Mitteln selbst aufmischt.

mm: Wie soll das funktionieren?

Hellmeyer: Sie könnten zum Beispiel als Verkäufer am CDS-Markt auftreten und versuchen, den Spekulanten damit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das muss schnell gehen. Jeder Tag, der verstreicht, erhöht das Risiko für Spanien und Italien, über die CDS-Märkte kapitalmarktunfähig geschossen zu werden. Findet Europa nicht zusammen, sehe ich eine Krise auf uns zukommen, die die Lehman-Krise noch in den Schatten stellen dürfte. Denn heute sind die Staatshaushalte viel belasteter als seinerzeit. Die öffentliche Hand hat kaum noch Spielräume - sie kann nicht noch einmal Billionensummen in die Hand nehmen wie in den Krisenjahren 2008 und 2009.

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