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Indizes im Vergleich: Schwach, schwächer, Dax

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Kurssturz an den Börsen Wenn bei Großinvestoren die rote Lampe leuchtet

Wenn Börsen weltweit abrutschen, dann hat das auch mit jenen Systemen zu tun, die Großinvestoren zur Begrenzung von Verlusten nutzen. Computergestützte "Portfolio Insurance" zwingt Vermögensverwalter zu Verkäufen - und dieser Absicherungsmechanismus verstärkt den Abwärtstrend.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Ein Minus von rund 13 Prozent in einer Woche, und das beim Dax , dem Anlegerliebling der vergangenen zwei Jahre. Und nicht nur der deutsche Leitindex verlor deutlich an Wert, weltweit knickten die Aktienkurse ein. Dafür gibt es viele Ursachen - und eine, die nicht so offen zutage tritt.

Die erste Verkaufswelle gewann nach Einschätzung von Börsianern durch die Erkenntnis an Schwung, dass die Verschuldung der Staaten ein zu gewichtiges Problem ist, um dauerhaft ignoriert zu werden. Und dass die jüngsten Beschlüsse der Politik zwar für Aufschub sorgen, das Problem aber nicht grundsätzlich angehen. Hinzu kommt die Sorge, dass die künftigen Sparprogramme die bereits schwächelnde Konjunktur abwürgen: Am Aktienmarkt steht die Stimmung seit Tagen auf "Verkauf".

Das ist zum Teil nüchterne Analyse, zum Teil Psychologie. Nach dem Motto: Wenn alle zum Ausgang rennen, kann das nicht falsch sein. Behaviouristen, die die Erkenntnisse der Psychologie auf die Börse anwenden, bezeichnen diesen Effekt als "Herding", als Herdentrieb.

Doch es gibt noch einen anderen Effekt. Er löst solche Entwicklungen nicht aus, verstärkt sie aber wie ein Katalysator eine chemische Reaktion.

Risikokontrolle CPPI: Wenn bei Großinvestoren die rote Lampe aufleuchtet

"Marktdominant sind institutionelle Investoren. Diese arbeiten in der Regel mit Risikobudgets. Das bedeutet, dass über eine technische Steuerung nach Kursverlusten Risikopositionen aufgelöst werden müssen", sagt Andreas Beck, Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau.

Die Rede ist von Computerprogrammen, die Risiken begrenzen sollen. Großinvestoren wie Banken oder Pensionsfonds nutzen diese Systeme. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung bei den quantitativ geprägten Häusern. Deren Geschäftsmodell besteht darin, die Wirklichkeit in Zahlen zu kleiden und auf deren Basis Geld anhand programmierter Kriterien zu verwalten. Steigt ein Index oder eine Aktie über diesen Wert, wird sie gekauft. Fällt sie, so wird sie verkauft. Vereinzelt ist das kein Problem - doch wenn viele Investoren sich auf ähnliche Parameter verlassen, wird aus vereinzelten Rinnsalen schnell ein breiter Strom.

Nicht nur bei quantitativ dominierten Investoren, auch in anderen Häusern kommen solche Arbeitshilfen zum Einsatz. "Portfolio Insurance", nennt Hans-Peter Schupp dieses Modell beim Namen, Constant Proportion Portfolio Insurance oder kurz und schneidig CPPI. Schupp ist Fondsmanager des Fidecum Contrarian Value Euroland.

Selbstverstärkender Trend - verkaufen, wenn alle verkaufen

Dieser Absicherungsmechanismus soll dafür sorgen, dass Risiken nicht den Erfolg der Gesamtanlage gefährden. Er löst bei Erreichen bestimmter Werte, sei es Kursziele, sei es Volatilität, entsprechende Börsenorder aus. Auch wenn der Investor vielleicht anderer Auffassung ist und beispielsweise deutsche Aktien für attraktiv hält - sie wird dennoch verkauft.

Die Systeme sind also ähnlich wie die Stop-Loss-Order, wie sie auch Privatanleger nutzen - nur eben mit einer ganz anderen Durchschlagskraft.

"Das ist ein selbstverstärkender Trend, nach unten wie nach oben. Es kann also bald genauso schnell wieder nach oben gehen", sagt Schupp. "Das überraschende war die Heftigkeit der Reaktion. Denn die Daten lagen ja seit Wochen auf dem Tisch, die Verschulung der Staaten oder die Tatsache, dass uns diesmal nicht der amerikanische verbrauchen retten wird, sondern vielleicht die BRIC-Länder."

"Wenn einer raus will, wollen alle raus", schreibt Klaus Stabel, Marktanalyst bei ICF Kursmakler. Vor einer Trendverstärkung warnt auch Uwe Lang, Börsenexperte der Swiss Invest. "Die Gefahr ist, dass man mittels der Computersysteme nur zu sehr auf Trends setzt, diese dann verstärkt und zu spät erkennt, wann eine Übertreibung erfolgt oder gar eine Blase sich bildet", sagt er. Jüngstes Beispiel sei der "irrationale Anstieg" des Schweizer Frankens.

Die Popularität der Exchange Traded Funds (ETF) macht das Ganze noch komplexer. Denn während der aktive Fondsmanager sich noch der Hoffnung hingeben kann, mit seiner Aufstellung besser zu liegen als der Index, sich vielleicht sogar der Marktunruhe entziehen zu können, heißt es bei ETF, die einen Markt nur abbilden, dann schnell "verkaufen".

Keine gesunde Entwicklung, meint Lang. "Das stimmt mich bedenklich, weil dann vergessen wird, dass Aktien ja Unternehmensbeteiligungen sind, also Sachwerte, und dieser Gesichtspunkt völlig verloren geht, wenn man nur ETF oder Zertifikate kauft, die im Grunde ja nur indirekte Beteiligungen sind. Als Besitzer von Aktien kann man diese auch mal als Inflationsschutz betrachten. Man sollte die Unternehmen, an denen man sich beteiligt, wirklich kennen und dann hinter ihren Zielen stehen."

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