Dax-Geflüster "Konzerne sind verlässlicher als Staaten"

Griechenland, Italien, USA: Angst vor Staatspleiten lässt die Märkte zittern. Ausgerechnet jetzt suchen Finanzprofis gezielt nach einzelnen Aktien. Während Staatsanleihen als potenzielle Schrottpapiere gelten, werden Aktien als neue sichere Anlage entdeckt und dürften langfristig Gewinner der Krise sein.
US-Präsident Obama: Der erbitterte Streit mit Republikanern und Tea Party entnervt auch Investoren

US-Präsident Obama: Der erbitterte Streit mit Republikanern und Tea Party entnervt auch Investoren

Foto: AFP

Man stelle sich vor: Ein großer US-Konzern, Weltmarktführer und durchaus systemrelevant, kämpft seit Wochen gegen die drohende Insolvenz. Eine aufstrebende Führungskraft, die es auf den Chefsessel abgesehen hat, blockiert mit Hilfe weit reichender Seilschaften die vorläufige Rettung. Beim vierten Krisentreffen binnen vier Tagen herrscht ihn der Vorstandschef an, er möge nicht mit dem Feuer spielen - und verlässt entnervt den Raum.

Der eskalierende Konflikt zwischen US-Präsident Barack Obama und dem Verhandlungsführer der Opposition, Eric Cantor, macht Finanzprofis immer nervöser. "Die US-Politik bietet derzeit ein unwürdiges Schauspiel", sagt der Fondsmanager und Vermögensverwalter Hendrik Leber. Sollten die USA auch nur kurzfristig zahlungsunfähig werden, wären die Folgen unabsehbar. Wären die Vereinigten Staaten ein Unternehmen, würde sich Leber eine solche Unternehmensführung nicht bieten lassen und die Aktie verkaufen.

Weltweit schwindet derzeit das Vertrauen in Staaten und ihre Staatsanleihen, die einst als Hort der Stabilität galten. Auch China, größter US-Gläubiger, schickte eine Warnung nach Washington. Staatsanleihen - vor allem Anleihen europäischer Peripheriestaaten - seien skeptisch zu sehen, meint Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees bei der Vermögensverwaltung Carmignac.

Gründe für die Flucht aus Anleihen gibt es genug. In den USA sind die Fronten zwischen Präsident Obama und den oppositionellen Republikanern so verhärtet, dass selbst das Undenkbare möglich scheint und die USA ihre Top-Bonitätsnote verlieren könnten. In Italien hat sich die Unicredit  im großen Stil mit scheinbar sicheren italienischen Staatsanleihen eingedeckt - und geriet in dieser Woche in schwere Turbulenzen, als Regierungschef Silvio Berlusconi die Bedeutung des Sparens mal wieder kleinredete.

Selbst Käufer deutscher Bundesanleihen fragen sich inzwischen häufiger, wie sicher deutsche Anleihen wirklich sind - wenn Deutschland potenziellen Pleitestaaten immer mehr Geld zur Verfügung stellen muss.

Gestern noch sicherer Hafen - morgen schon ein Schrottpapier

"Bei vielen Staatsanleihen stimmt das Verhältnis von Rendite und Risiko nicht mehr", sagt Leber. Was gestern noch als sichere Anlage galt, könnte schon morgen ein Schrottpapier sein. Das hat Folgen für die Vermögensverteilung weltweit - und stärkt potenziell die Nachfrage nach Aktien.

"Europas Stärke liegt in den Unternehmen", sagt Alexander Scurlock, Fondsmanager der Fondsgesellschaft Fidelity. Man müsse "klar unterscheiden zwischen der Wirtschaft als Ganzes und den einzelnen Unternehmen". Vor allem einzelne Konzerne aus dem Dax  seien global außerordentlich erfolgreich und zählten zu den am besten geführten Unternehmen der Welt. Eine Eintrübung der Stimmung am Markt wegen der Schuldenkrise eröffne "Chancen für Stockpicker".

"Ich vertraue zum Beispiel Südzucker  und Nestlé  mehr als Italien oder Griechenland", ergänzt Leber. Ein global aufgestellter Konzern mit geringen Schulden, stabilem Cashflow und hoher Dividendenrendite dürfte langfristig besser durch die Schuldenkrise kommen als einzelne Staaten, deren Regierungschefs von einem Krisentreffen zum nächsten eilen.

Also BASF  statt Bundesanleihen, Fiat  und Eni  statt italienische Staatspapiere? "Aktien werden als neue sichere Anlage entdeckt", sagt Leber. "Es gibt immer wieder Gelegenheiten, inmitten eines politischen Trümmerfelds solide, unterbewertete Unternehmen zu finden." So leide auch der italienische Autobauer Fiat  unter den aktuellen Italien-Sorgen: Dabei hat Fiats Kerngeschäft nichts mit der Staatsverschuldung zu tun, und die Aktie habe Chancen durch einen möglichen Börsengang von Chrysler in den USA.

Finanzielle Repression - wohin nur mit dem Geld?

Auch Aktien werden leiden - doch nicht so lange

Die Schuldenkrise und das wachsende Misstrauen gegenüber dem Schulden-Management der Staatschefs drücke die Bewertungen und schaffe auf diese Weise Einstiegsmöglichkeiten bei ausgewählten Aktien, meint auch Rory Bateman, Leiter europäische Aktien bei der Fondsgesellschaft Schroders. Den Schwerpunkt sollten Investoren auf robuste, international tätige Unternehmen aus den europäischen Kernstaaten setzen, so Bateman.

Natürlich werden auch Aktien stark unter Druck geraten, sollten die USA, Italien oder Griechenland pleitegehen und Schockwellen in die globalen Finanzmärkte aussenden. Kaum eine Anlageklasse wird sich solchen Turbulenzen entziehen können: "Krisen sind anstrengend und tun kurzfristig weh - das gilt auch für Unternehmensbeteiligungen", sagt Leber. Er ist jedoch überzeugt: Aktien werden sich schneller erholen und langfristig besser entwickeln.

Finanzielle Repression: Wohin nur mit dem Geld?

Das Geld einfach in Sicherheit zu bringen - sprich Aktien und Anleihen zu verkaufen und das Vermögen als Papiergeld auf dem Sparkonto zu bunkern - ist für Vermögensverwalter keine Alternative. Der Grund: Die Notenbanken drucken immer mehr Papiergeld und fluten damit die Märkte, die Zinsen sind extrem niedrig, die Inflationsraten ziehen an.

Bill Gross, Gründer des weltgrößten Anleiheninvestors Pimco, nennt dies "finanzielle Repression" durch die Staaten: Sparer werden schrittweise enteignet und zu riskanteren Investments gezwungen, da Währungen wanken und Zinsen auf dem Sparkonto niedriger sind als die Inflationsraten. Wohin also mit dem Geld? Wer nicht ausschließlich auf Gold vertraut und keine weiteren Staatsanleihen kaufen will, dem bleiben Unternehmensanleihen - oder eben Aktien.

"Aktien könnten der Krisengewinner werden - als die neue sichere Anlage der Zukunft", sagt Leber. Selbst innerhalb der Krisenländer könne man jetzt nach günstig bewerteten Aktien fischen - wenn man die Nerven dazu hat.

Aktien in der Euro-Krise: Kaufen, wenn andere kneifen

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