Warnung vor Kurssturz Banker fordern schnellen Euro-Plan

In den Handelsräumen der Banken in London und Frankfurt herrscht Alarmzustand. Die Italien-Attacke könnte der Beginn eines tiefen, europaweiten Kursrutsches sein. Es sei denn, Politik und Notenbanker finden schnell eine große Lösung für die Euro-Schuldenkrise. Doch bald kommt die Sommerpause der Parlamentarier.
Börse in Frankfurt: Ratlose Blicke Richtung Kursanzeige

Börse in Frankfurt: Ratlose Blicke Richtung Kursanzeige

Foto: dapd

Hamburg - Die Korrektur ist da: In nur zweieinhalb Handelstagen hat der Aktienindex EuroStoxx 50  bis Dienstagmittag zeitweise 10 Prozent verloren, gemessen am Tagestief von 2613,92 Punkten.

"Das ist der Beginn eines Kursrutsches, der Europas Aktienindizes noch viel tiefer führen wird - es sei denn, Politik und Notenbanker finden in den nächsten Tagen eine große Lösung für die Euro-Schuldenkrise", sagt ein leitender Derivatehändler bei einer britischen Investmentbank in Frankfurt. An die zweite Möglichkeit - eine Erholung des Aktienmarkts wegen eines großen Rettungsplans der Politik - glaubt derzeit kaum jemand. "Das Ergebnis der langen Sitzung der europäischen Finanzminister zeigt, dass es schwierig für die Euro-Gruppe ist, mutige Maßnahmen zu beschließen", sagt Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der US-Großbank Citigroup.

Änderungen bei der Größe und dem Mandat des europäischen Rettungsfonds seien in nächster Zeit nicht zu erwarten, denn da müssten die nationalen Parlamente zustimmen, jedoch: "Die meisten nationalen Parlamente haben bis September Ferien", so Michels. Ferien im Parlament, Angst an der Börse: So unterschiedlich kann das Erleben der Schuldenkrise sein, je nachdem ob man Abgeordneter ist oder Börsenhändler, Minister oder Bankchef.

Während Wolfgang Schäuble im Deutschlandfunk am Dienstagmorgen sagte, man habe "ja auch Zeit für Griechenland", dessen Finanztragfähigkeit er stärken möchte, und keinen Grund sah, an Italiens Finanzkraft zu zweifeln, forderte Commerzbank-Chef Martin Blessing in einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von der Politik ein "Rendezvous mit der Wirklichkeit". Blessings Analyse: Griechenland brauche eine Umschuldung, Portugal und Irland gehe es nicht viel besser. Spanien und Italien seien in der Gefahr, sich anzustecken.

Was den Kursrutsch auslöste

Blessing schlägt vor, privaten Besitzern die griechischen Staatsanleihen 30 Prozent unter Nennwert abzunehmen und ihnen dafür neue Anleihen mit EU-Garantie, aber 30 Jahren Laufzeit und nur 3,5 Prozent Zinsen zu geben. Eine solche Lösung könne nicht freiwillig sein - daher bedeute sie den Zahlungsausfall, also die Staatspleite, Griechenlands. Die einzige Alternative dazu - dass die Europäische Union (EU), also der Steuerzahler, für die gesamten griechischen Staatsschulden einstehe - sei nicht akzeptabel.

Schäuble dagegen fordert zwar eine Beteiligung privater Gläubiger, will aber auf jeden Fall einen Staatsbankrott Griechenlands vermeiden, machte er in seinem Radiointerview deutlich. In Frankfurt glauben fast alle Finanzmarktexperten ebenso wie Commerzbank-Chef Blessing, das so etwas nicht gelingen kann. Das Vertrauen in die Politik schwindet immer weiter.

Der Absturz der Aktienkurse begann am vergangenen Freitag, die Ursache dafür war jedoch Dienstag vor einer Woche die Herabstufung Portugals auf Ramschstatus durch die Ratingagentur Moody's. Viele Großanleger sind durch gesetzliche Vorschriften gezwungen, nur Anleihen mit guter Bonität zu halten und mussten deshalb - wegen einer von der Politik erlassenen Vorschrift - portugiesische Staatsanleihen verkaufen, als ihr Status auf Schrottniveau sank. "Erst stiegen die Risikoaufschläge für Portugal, dann für Griechenland und Irland", sagt der Derivatehändler in Frankfurt. Um sich gegen eine Eskalation der Euro-Krise abzusichern, griffen Anleger dann auch zu Kreditderivaten ("Credit Default Swaps", CDS), die Versicherung gegen einen Zahlungsausfall Spaniens und Italiens bieten. "Da gab es vergangene Woche noch Liquidität - inzwischen allerdings auch kaum noch", sagt der Händler.

Während der Kreditmarkt schon ab dem vergangenen Dienstag in den Krisenmodus umschaltete, blieben die Aktienmärkte zunächst seltsam unbeeindruckt. Der Kursrutsch dort folgte erst am Freitag - nach enttäuschenden US-Arbeitsmarktdaten, vor allem aber aufgrund von wachsenden Sorgen um Italien.

Vorbereitung auf die nächste Finanzkrise

Mehrere Nachrichten weckten die Angst vor einer römischen Schuldenkrise, analysieren die Strategen der Großbank Credit Suisse: Die Sparvorschläge der Regierung enttäuschten, denn die Kürzungen um 40 Milliarden Euro treten erst nach dem Ende der Amtszeit von Ministerpräsident Silvio Berlusconi 2013 in Kraft - oder auch nicht.

Außerdem erstarkten Zweifel an Italiens Rechtsstaat, als bekannt wurde, dass Berlusconis Holding Fininvest weiterhin nicht bereit ist, eine Strafe an ein anderes Unternehmen zu zahlen, obwohl nun auch ein Berufungsgericht die Strafe bestätigt hat. Die Folge: Italienische Banken wie Unicredit  und Intesa  haben seit Freitag zeitweise mehr als ein Viertel ihres Börsenwerts eingebüßt. Die Rendite italienischer Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit stieg auf 5,69 Prozent, den höchsten Wert seit der Einführung des Euro. Anleger fliehen in die als am sichersten geltenden Anlagen, so wie Bundesanleihen und den Schweizer Franken. Der US-Volatilitätsindex VIX, der die Schwankungsanfälligkeit der Börse misst und als Angstbarometer gilt, sprang am Montag regelrecht um 15 Prozent in die Höhe, auf 18,4 Punkte.

Alarmglocken läuten

"Das sind noch keine Krisenniveaus, aber die Alarmglocken läuten", sagt der Frankfurter Derivatehändler. Falls es keine große Lösung der Euro-Krise gebe, könne der Dax schnell von aktuell gut 7000 auf nurmehr 6300 Zähler stürzen. Denn, und das ist ein weiterer Hauptgrund der Börsenschwäche: Der positive Effekt des Milliardenrettungsprogramms der USA ("Quantitative Easing II", QEII) für den Finanzmarkt lässt nach.

Gerade dieses billige Geld hatte den Markt geflutet und die Kurse nach oben getrieben, sagt ein Londoner Investmentbanker. "Den 30. Juni 2011, das Ende von QEII, sollte jeder von uns im Kalender fett angestrichen haben", sagt der Banker. " Seitdem fühle ich mich, als ob ich das Kapital eines Buches zu Ende gelesen habe und weiß, wie es weitergeht."

Die Schlussfolgerung des Investmentbankers aus Euro-Schuldenkrise, US-Schuldenproblemen und dem Ende des Milliardenrettungsprogramms QEII: "Jeder muss sich fragen, ob er auf eine zweite Finanzkrise vorbereitet wäre." In Frankfurt und London scheinen das gerade viele Investoren zu tun - und zu verkaufen.

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