Europa in Angst Finanzmärkte degradieren Italien zum Krisenstaat

Die befürchtete Eskalation ist eingetreten: Mit Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft Europas in den Schuldenstrudel hineingezogen worden. An der Börse in Mailand stürzen die Aktienkurse ab, Banken-Papiere müssen komplett aus dem Handel genommen werden. Europas Politiker versuchen verzweifelt, die Lage zu beruhigen.
Börsianer in Aufruhr: Schuldenstrudel zieht Europa nach unten

Börsianer in Aufruhr: Schuldenstrudel zieht Europa nach unten

Foto: SCOTT OLSON/ AFP

Mailand - An der Börse in Mailand herrscht Panik, der Finanzmarkt der drittgrößten europäischen Volkswirtschaft ist in Aufruhr. Der italienische Aktienleitindex FTSE Mib der 40 führenden Aktiengesellschaften Italiens verlor in den Minuten nach Handelsstart 4 Prozent und notierte am Morgen bei 17.569 Punkten; vor allem die Aktien italienischer Banken verloren stark an Wert.

Zeitgleich wird die Staatsfinanzierung für Italien immer kritischer. Am Dienstag kletterte der Preis, den Anleger als Gegenleistung für den Kauf italienischer Schuldtitel mit zehnjähriger Laufzeit fordern, Staatstitel erstmals seit 1997 - also noch vor der Euro-Einführung - über die Marke von 6 Prozent. In der Spitze lag die Rendite bei 6,016 Prozent mehr als einen Prozentpunkt über dem Niveau von Anfang Juli.

Doch der akutere Brandherd ist aktuell die Börse in Italien, und mit ihr die Aktienmärkte in ganz Europa: Panikverkäufe bei Europas Finanztiteln haben am Dienstag vor allem die Aktien der italienischen Unicredit ins Strudeln gebracht. So fiel der Preis der Unicredit-Titel in Mailand in der Spitze um 8 Prozent auf 1,06 Euro. Zwei Mal binnen zwei Stunden mussten die Titel an der Mailänder Börse wegen zu hoher Kursschwankungen ausgesetzt werden. Die Aktien haben allein seit Anfang Juli 30 Prozent an Wert verloren.

Auch die Papiere der Intesa Sanpaolo blieben unter Druck und verloren zweitweise 7,3 Prozent auf 1,4140 Euro, erholten sich dann aber deutlich und lagen am späten Vormittag noch 1,3 Prozent im Minus. Auch die meisten übrigen europäischen Bankenwerte gaben deutlich nach.

Ausverkauf auch in Frankfurt am Main

In Frankfurt verloren die Anteilsscheine der Deutschen Bank 3 Prozent auf 37,33 Euro, Commerzbank-Titel 2,5 Prozent auf 2,63 Euro. Im Stoxx50 führten Barclays die Verliererliste mit einem Abschlag von 4,3 Prozent an. Der Banken-Stoxx-Index verlor 1,6 Prozent. "Italien und Spanien sind jetzt ins Gerede gekommen, und das hat ein ganz anderes Kaliber als Griechenland, Irland und Portugal", erklärte Andrew Lim, Analyst bei der spanischen Bank Espirito Santo in London. "Das könnte eine echte Systemkrise sein. Das ist eine sehr reale Bedrohung, und die Panik wird zum Selbstläufer."

Führende europäische Politiker und Ökonomen versuchen verzweifelt, die Lage unter Kontrolle zu bekommen. In der aktuellen Situation müsse dafür gesorgt werden, "dass man in einer so nervösen Lage nicht die Ansteckungsgefahren verstärkt", sagte Bundesfianzminister Wolfgang Schäuble dem Deutschlandfunk. In Brüssel hatte die Euro-Gruppe zuvor beschlossen, die Notkreditlaufzeiten zu verlängern und die Zinsen zu senken, um die Krise einzudämmen. Die Euro-Zone sei in einer schwierigen Situation, da die zu hohen Schulden einiger Mitgliedsländer das Vertrauen gefährdeten: "Deswegen müssen wir gemeinsam handeln." Die Finanzminister der 27 EU-Staaten kommen am heutigen Dienstag in Brüssel zusammen, um eine gemeinsame Strategie zur Absicherung der europäischen Bankenbranche zu beraten.

Italienische Opposition sichert Verabschiedung des Sparpakets zu

Schäuble wies Befürchtungen zurück, nach Griechenland könne auch Italien Finanzhilfen der Europartner brauchen: Der italienische Finanzminister habe einen Haushaltsentwurf vorgelegt und es bestehe kein Zweifel, dass dieser im Parlament auch so beschlossen werde. "Sobald das so ist, wird auch diese Spekulation wieder zurückgehen." Bislang erhalten Griechenland, Irland und Portugal Unterstützung von den Europartnern und dem IWF.

Auch die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, versucht Sorgen über Italien zu dämpfen: "Italien hat ganz klar im Moment mit Problemen zu tun, die im Wesentlichen von den Märkten befeuert wurden", sagte sie am Montag (Ortszeit) in Washington. Einige der Wirtschaftsdaten des Landes seien "exzellent"; ein großer Teil der Schulden werde im Inland gehalten. Das bedeutet, dass der Einfluss internationaler Märkte begrenzt ist.

Die Direktorin der globalen Finanzfeuerwehr zeigte sich aber zugleich überzeugt, dass "die italienische Regierung zusammen mit ihren Partnern darauf ein Auge hat". Allerdings sei ebenso klar, dass sich das italienische Wirtschaftswachstum verbessern müsse. Zusammen mit den beschlossenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Schuldensituation sei dies entscheidend, um die Lage wieder zu normalisieren. Italien ächzt unter einem riesigen Schuldenberg von 1,84 Billionen Euro - das Land ist damit allein für fast ein Viertel der Staatsschulden aller 17 Euroländer verantwortlich.

Die italienische Mitte-Links-Opposition hat inzwischen eine Verabschiedung des Sparpakets bis Ende der Woche zugesichert. Bis Donnerstag könne der Senat, bis Sonntag das Abgeordnetenhaus dem 40 Milliarden Euro umfassenden Programm zum Abbau der Staatsverschuldung zustimmen, sagte die Fraktionschefin der Demokratischen Partei im Senat, Anna Finocchiaro. Auch andere Oppositionsparteien haben ihre Bereitschaft signalisiert, schnell zuzustimmen. Finanzminister Giulio Tremonti kündigte in Brüssel an, vorzeitig das Treffen mit seinen Euro-Zonen-Kollegen zu verlassen. Er wolle die Arbeiten am Sparpaket abschließen, sagte er vor Journalisten.

kst/dpa-afx/rtr
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