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Hoher Gewinn, niedriger Kurs: Welche Aktien zum Kauf reizen

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Aktienkurs kontra Konzerngewinn Bluechips im Sonderangebot

Der Aktienmarkt hat seit dem Frühjahr 2010 eine rasante Rally hingelegt. Die Gewinne vieler Unternehmen stiegen jedoch noch schneller. Die Folge: Viele Firmen gelten derzeit als historisch niedrig bewertet. Nicht alle sind deshalb aber auch günstig zu erwerben.  

Hamburg - Beim Blick auf die aktuellen Aktienkurse schütteln manche Analysten nur mit dem Kopf. Zum Beispiel Volkswagen: Der Kurs des Konzerns stieg im vergangenen Jahr um mehr als 100 Prozent. Auch in diesem Jahr liegt das Papier wieder im Plus. Gemessen an den Erfolgen des Unternehmens und den blendenden Aussichten vor allem in Schwellenländern wie China ist das den Experten aber immer noch zu wenig. Sie empfehlen die VW-Aktie weiter zum Kauf - mit Kurszielen, die zum Teil 30 Prozent über dem aktuellen Niveau liegen.

Ähnlich ist es beim Premiumhersteller Daimler. "Beim aktuellen Kurs bekommt man nach herkömmlichen Bewertungkriterien die gesamte Truck-Sparte praktisch kostenlos", sagte kürzlich ein Autoanalyst zum manager magazin. "Und Daimler ist Weltmarktführer auf dem Lkw-Markt."

Die beiden deutschen Vorzeigefirmen sind nur zwei Fälle von vielen, an denen sich ein spannendes Phänomen aufzeigen lässt: Die Kurse an der Börse haben sich seit der Wirtschaftskrise zwar wieder erholt. Der Aufschwung der Realwirtschaft läuft aber so rasant, dass viele Unternehmen selbst auf dem neuen, deutlich höheren Niveau noch als günstig gelten können.

Ablesen lässt sich dies zum Beispiel am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), einer von vielen Kennzahlen, die zur Bewertung börsennotierter AGs herangezogen werden. Beim KGV wird der aktuelle Aktienkurs mit dem Gewinn eines Unternehmens ins Verhältnis gesetzt. Je höher die dabei entstehende Zahl, desto teurer ist die Aktie beziehungsweise das Unternehmen, so die Regel. Und je niedriger das KGV, desto günstiger der Aktienkauf.

"Aktuelle Attraktivität von Aktien"

Für manager magazin hat das Bankhaus Metzler auf Basis von Gewinnerwartungen für die kommenden zwölf Monate, die die Finanznachrichtenagentur Bloomberg zur Verfügung stellt, verschiedene KGVs für den deutschen und europäischen Markt berechnet und mit historischen Durchschnittswerten verglichen.

Das Ergebnis: Der Dax  weist derzeit ein durchschnittliches KGV von 10,3 auf. Der Schnitt der vergangenen fünf Jahre liegt mit 11,6 etwas höher. Ähnlich ist die Situation auf europäischer Ebene, allerdings auf niedrigerem Niveau: Einem gegenwärtigen KGV des EuroStoxx 50  von 9,5 steht ein Fünfjahresschnitt von 10,5 gegenüber.

"Der Unterschied erscheint zunächst nicht besonders groß", sagt Guido Hoymann, Leiter des Aktienresearchs bei Metzler. "Schaut man sich die Zahlen genauer an, wird die aktuelle Attraktivität von Aktien jedoch klarer." Hoymann rechnet vor: Aus dem Kehrwert des KGV ergibt sich die Rendite des entsprechenden Aktieninvestments. Bei einem KGV von 10 beträgt diese also 10 Prozent. "Verglichen zum Beispiel mit deutschen Staatsanleihen, die ja bei zehnjähriger Laufzeit kaum mehr als 3 Prozent bringen, ist das eine ordentliche Rendite", sagt der Fachmann. "Zumal auch bei Bundesanleihen das Anlagerisiko angesichts der europäischen Schuldenkrise und der Rettungsmechanismen inzwischen gestiegen ist."

Und damit nicht genug: Einige Branchen weisen sogar noch niedrigere KGV-Kennziffern auf. Die Banken etwa kommen laut Metzler derzeit auf einen Wert von 6,7. Bei der deutschen Autobranche steht im Schnitt eine 8,8 unter dem Strich, und das KGV von Versorgern wie RWE  oder Eon  beträgt im Durchschnitt 9,9.

Risiken bei Banken und Versorgern, Chancen bei Autos und Logistik

Die Beispiele zeigen allerdings auch, dass der Blick auf die Zahlen allein kaum ausreicht, um zu einer vernünftigen Anlageentscheidung zu gelangen. Wichtig ist zudem der Blick in die Zukunft und eine kritische Einschätzung der Risiken und Unwägbarkeiten, die auf die Unternehmen zukommen.

Für die deutschen Geldhäuser beispielsweise sowie für die Energieversorger steht es da nicht unbedingt zum Besten. Nicht genug, dass die Banken zum Teil große Risiken in Bezug auf die europäische Schuldenkrise mit sich führen. Der Branche steht vielmehr auch eine umfangreiche Regulierung ins Haus, die sich merklich auf die Geschäftsaussichten auswirken könnte.

Ähnlich ist es mit den Versorgern. Spätestens seit Fukushima und der Energiewende in Berlin liegt die Zukunft der Konzerne, die bislang stark auf die Atomkraft gesetzt hatten, zum Teil im Ungewissen. Für die Aktien gilt daher: Billig ja - aber auch günstig? Zum Investment laden sie jedenfalls nicht eben ein.

Anders schätzen viele Analysten die Lage der Autobranche ein. Volkswagen , Daimler , BMW  und Porsche  gelten durchweg als weltweit gut aufgestellt. Vor allem in den Wachstumsmärkten der Schwellenländer machen alle vier gute Geschäfte. Dort steigt der Wohlstand, und deutsche Premiummarken sind gefragt.

Anleger haben die Risiken im Blick

Und selbst wenn es zu gelegentlichen Rückschlägen in der Absatzentwicklung kommen sollte, an der langfristigen Wachstumsperspektive der Branche zweifeln die meisten Branchenbeobachter ebenso wenig, wie an der daraus resultierenden Gewinndynamik. Und die ist schließlich entscheidend für weiterhin steigende Aktienkurse.

Sehr günstig sind nach Einschätzung von Lars Edler, Leiter Asset Allocation im Bereich der Anlagestrategie bei Sal. Oppenheim, derzeit auch die Aktien der europäischen Ölmultis, für die er ein Zwölfmonats-Forward-KGV von 7,6 errechnet hat. Aber wiederum ist wohl Vorsicht geboten: "Der Ölpreis bewegt sich auf hohem Niveau", sagt Edler. "Wenn er fällt, dürfte sich das auf die Kurse auswirken."

Auch bei Pharmafirmen hat der Experte Vorbehalte - trotz der mit einem KGV von 9,6 zurzeit ebenfalls historisch günstigen Bewertung. "Die Gesundheitssysteme leiden weltweit unter chronischem Geldmangel", so Edler. "Das wird sich künftig auch auf die Geschäfte der Pharmaindustrie auswirken."

Dennoch bleibt die Frage, warum angesichts so günstiger Bewertungen nicht schlagartig ein Run beispielsweise auf Auto- oder Logistikaktien einsetzt, die laut Metzler ebenfalls zu den attraktiveren Werten zählen. Metzler-Experte Hoymann hat eine einfache Erklärung: "Die KGVs beruhen auf Gewinnschätzungen für die Zukunft", sagt er. "Bis diese eintreten, kann jedoch noch viel passieren. Und Gründe, die die Planung der Unternehmen zunichte machen können, sind viele denkbar."

Ähnlich sieht es Ulrich Stephan, Global Chief Investment Officer für Privat- und Geschäftskunden der Deutschen Bank. "Die Euro-Schuldenkrise, die Unruhen in Nordafrika und Arabien, die Ungewissheit um die Konjunktur in den USA, die Inflationssorgen in Fernost - die Liste der Dinge, die Anlegern gegenwärtig Sorgen bereiten, ist lang", sagt er zu manager magazin. "All dies lastet derzeit auf den Kursen und verhindert, dass sich die KGVs von ihren historischen Tiefs entfernen."

Stephan ist jedoch optimistisch: Die Gewinnerwartungen für die kommenden Monate sind nicht exorbitant, meint er. Wenn nicht sehr viel schiefläuft, sollten sie sich also realisieren lassen. Und wenn nach und nach die Unsicherheiten aus dem Markt verschwinden, dürften auch die Kurse wieder steigen.

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