Bantleon-Ökonom Harald Preißler "Der Börsenhöhepunkt ist überschritten"

Anleger müssen unter den neuen Börsenbedingungen bereit sein,  Anlagearten vorübergehend aus ihrem Portfolio zu verbannen. Das sagt Bantleon-Chefökonom Harald Preißler im Interview. Und er erklärt, warum der Kauf deutscher Bundesanleihen in den kommenden sechs Monaten das Beste sei.
Rohstoffbörse in Chicago: "Niedrigere Anleihenzinsen in den Kernmärkten"

Rohstoffbörse in Chicago: "Niedrigere Anleihenzinsen in den Kernmärkten"

Foto: ? John Gress / Reuters/ REUTERS

mm: Herr Preißler, wie soll man langfristig sein Geld investieren?

Preißler: Die einfache Antwort, die man erhofft, gibt es nicht mehr. Dabei war es lange Zeit einfach für Anleger: Der Dax  und der deutsche Staatsanleihenindex RexP brachten seit 1967 durchschnittlich 6,5 Prozent Rendite. Es war also langfristig betrachtet egal, ob man Aktien oder Anleihen kauft, in beiden Fällen war die Rendite attraktiv. In Zukunft jedoch wird der Ertrag in allen Anlageklassen deutlich niedriger werden.

mm: Gleichzeitig fürchten Anleger höhere Inflation, was die reale Rendite aufzehren würde.

Preißler: Viele sagen deshalb heute: Aktien und Unternehmensanleihen sind besser als Staatsanleihen. Dahinter steckt produktives Kapital, nicht nur das Zahlungsversprechen von Politikern. Aber die Substanz von Unternehmen ist mindestens genauso gefährdet. Die Verschuldung des privaten Sektors ist zum Beispiel in den USA höher als die des US-Staats. Denn viele US-Unternehmen haben im Aufschwung fast nichts getan, um ihre Schulden zu senken. Das gilt zum Beispiel für viele Autohersteller. Außerdem sind viele Industriebetriebe, die ja als klassische Substanzwerte gelten, mittlerweile verkappte Banken.

mm: Dabei sind die Gewinnmargen der Unternehmen auf Rekordniveau. Können die Firmen dieses Niveau lange halten?

Preißler: Die Unternehmensgewinne sind in den vergangenen 20 Jahren deutlich stärker gestiegen als die Arbeitnehmerlöhne. Dafür gibt es drei Hauptgründe: Das ist erstens eine Begleiterscheinung der Globalisierung: Apple zum Beispiel produziert sein iPhone und iPad größtenteils in China, verlangt aber Preise wie in den USA. Außerdem haben viele Konzerne an Forschung und Entwicklung gespart, um höhere Dividenden an die Aktionäre zahlen zu können. Das dämpft langfristig die Produktivität. Und schließlich wurde die Wirtschaft über höhere Schulden angekurbelt anstatt über höhere Einkommen der Arbeitnehmer, doch dieses Modell ist durch die Finanzkrise ins Wanken geraten. Der nötige Schuldenabbau wird für Margendruck sorgen.

mm: Auch wenn die Gewinnmargen eher fallen als steigen dürften: Viele Unternehmen sind gesünder als viele entwickelte Staaten. Das gilt ja nicht nur für die USA und Europa, sondern auch für Japan, das mit dem doppelten der Wirtschaftsleistung verschuldet ist.

Preißler: Japan wird ein richtiges Problem mit seinen Staatsfinanzen bekommen. Das ist eher eine Sache der nächsten Quartale als der nächsten Jahre. Denn schon bald werden wegen der alternden Gesellschaft weniger japanische Sparer zur Verfügung stehen, um die Staatsanleihen zu kaufen. Dann müsste Japan höhere Zinsen zahlen als bisher, um ausländische Käufer anzulocken. Doch wenn die Zinsen steigen, reichen die Staatseinnahmen nicht mehr aus für den Schuldendienst und die Krise ist da.

mm: Wie können Investoren angesichts solcher Risiken überhaupt ihr Vermögen erhalten?

Preißler: Investoren müssen zwischen zwei Möglichkeiten wählen: Sie können die größtmögliche Sicherheit wählen und deutsche Staatsanleihen kaufen zu extrem unattraktiven Renditen. Für Bundespapiere mit fünf Jahren Laufzeit gibt es gerade einmal 2 Prozent Rendite pro Jahr, das ist nichts! Wem das nicht reicht, der muss mehr Risiko eingehen, um höhere Renditen zu erzielen. Dann muss er dieses Risiko aber auch aktiv bewirtschaften.

"Enorme Fehlallokationen von Kapital in China"

mm: Welche Rendite ist denn überhaupt realistisch, in den kommenden Jahren?

Preißler: Wir werden sowohl niedrigere Anleihezinsen in den Kernmärkten sehen als auch niedrigere Gewinne am Aktienmarkt. Statt 6,5 Prozent Rendite pro Jahr wie durchschnittlich in den vergangenen Jahrzehnten müssen Anleger sich auf 4 Prozent Rendite oder weniger einstellen. Ein schlechtes Anlagejahr führt da schnell zu Vermögensverlusten.

mm: Also bleibt abzüglich der Verwaltungsgebühren und der Teuerungsrate ein realer Vermögensverlust.

Preißler: Das ist das fatale an der Situation. Der Abbau der Schulden verhindert ja gerade, dass wir höhere Zinsen bekommen. Wir sind gefangen in einer Phase niedriger Zinsen, weil sonst Staaten zusammenbrechen, und dem Zwang zum Schuldenabbau. Der geht auch zu Lasten der Gewinne am Aktienmarkt.

mm: Sind Investitionen in Wachstumsmärkten wie China ein Ausweg?

Preißler: In China kommt es seit Jahren zu einer enormen Fehlallokationen von Kapital. Die Anzeichen sind am Immobilienmarkt gut sichtbar, in den unbewohnten Neubauten der chinesischen Geisterstädte. Noch dazu wird China schon bald unter einer alternden Bevölkerung leiden. Schließlich besteht dort ein nicht unerhebliches politisches Risiko. Denn autoritäre Regime sind nicht dauerhaft stabil, das haben die Aufstände in Nordafrika gezeigt. Statt wie bisher 8 bis 12 Prozent Wirtschaftswachstum wird das Land bald eher sechs Prozent Wachstum haben. Dann wird auch die Weltwirtschaft eher um 3,x Prozent wachsen anstatt um 4,x Prozent.

mm: Was ist also Ihre Strategie für die Anleger?

Preißler: Investoren müssen häufiger und stärker als bisher ihr Geld zwischen den Anlageklassen wie Aktien und Anleihen verschieben. Dabei müssen sie bereit sein, einzelne Anlageklassen vorübergehend völlig aus ihrem Portfolio zu verbannen. Unser Analysemodell dafür basiert auf dem Konjunkturzyklus.

mm: Ist jetzt die Zeit, mehr Risiko zu wagen, um die Rendite zu steigern?

Preißler: Nach zwei Jahren Aufschwung ist der Höhepunkt durchschritten. Anleger sollten jetzt zwar nicht alle Aktien und Unternehmensanleihen verkaufen, aber für die nächsten sechs Monate möglichst sichere Anlagen kaufen, also vor allem deutsche Bundesanleihen. In den vergangenen drei Monaten sind deren Kurse trotz der niedrigen Verzinsung wegen der Krisengefahr gestiegen, das wird auch in den kommenden Monaten so bleiben.

mm: Dann ist der Aufschwung ihrer Meinung nach schon vorüber?

Preißler: Nein, wir erleben eine typische Schwächephase in der Mitte eines Wirtschaftsaufschwungs. Wenn wir die durchschritten haben, geht es wieder aufwärts, vermutlich noch ein oder zwei Jahre lang. Einen erheblichen Anstieg des Risikos erwarte ich danach erst wieder ab 2014.

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