Börsenausblick "An eine Lösung für Griechenland glaubt kaum einer mehr"

Angesichts des griechischen Schuldendramas werden die Märkte immer nervöser. An eine Lösung, die alle glücklich macht, glaubt fast niemand mehr. Der Dax könnte zusätzlich unter Druck setzen, dass die deutsche Wirtschaft offenbar nicht mehr so schnell wächst wie zuletzt.
Rot dominiert: Die Athener Börse zeigt die derzeit vorherrschende Richtung an

Rot dominiert: Die Athener Börse zeigt die derzeit vorherrschende Richtung an

Foto: Petros Giannakouris/ AP

Frankfurt am Main - Das Gezerre um weitere Griechenland-Hilfen wird nach Einschätzung von Börsianern auch in der neuen Woche die Richtung des Dax vorgeben. "Immer weniger Leute rechnen mit einer nachhaltigen Lösung", sagt Aktienstratege Tobias Basse von der NordLB.

Der wachsende Widerstand in den Geberländern gegen neue Zahlungen und die Proteste der griechischen Bevölkerung gegen den rigiden Sparkurs erschwerten eine Einigung. Auch die Experten der Landesbank Berlin (LBB) sind skeptisch: "Angesichts der verhärteten Fronten könnte sich die Hängepartie über das zweite Rettungspaket weiter hinziehen."

Vor diesem Hintergrund warteten Anleger gespannt auf das EU-Finanzministertreffen am Montag. Der Politik stehe ein Spagat bevor, betont Aktienstratege Basse. "Man muss bei allen Aussagen zu Griechenland nicht nur auf die Wähler, sondern auch auf den Kapitalmarkt schauen."

Fortschritte in den Verhandlungen um ein neues Hilfspaket für Griechenland hatten den europäischen Aktienmärkten zu Wochenschluss noch einmal Schwung gegeben. Finanzwerte stiegen zu den größten Gewinnern auf, nachdem Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel betont hatten, dass private Gläubiger nur auf freiwilliger Basis an einer Sanierung Griechenlands beteiligt werden sollen. Der Dax  (Kurswerte anzeigen) schloss am Freitag 0,8 Prozent höher bei 7164 Zählern. Auf Wochensicht hat der Leitindex damit 1,3 Prozent gewonnen - das erste Plus seit sieben Wochen.

Analysten erwarten sinkende Konjunkturindikatoren

Das Thema Griechenland drängt die Konjunkturdaten in den Hintergrund. In Deutschland stehen der ZEW- (Dienstag) und der Ifo-Index (Freitag) auf der Agenda. In beiden Fällen rechnen Analysten mit einem Rückgang. "Sind dies die ersten Vorboten für ein Ende des Aufschwungs in Deutschland?", fragt Commerzbank-Analystin Ulrike Rondorf. "Wir glauben dies nicht. Zwar sind die besten Zeiten für die deutsche Wirtschaft vorbei, aber das konjunkturelle Umfeld bleibt im historischen Vergleich überdurchschnittlich."

Von Unternehmen wurden nur wenige Termine angekündigt: Am Mittwoch will Deutsche-Post-Konkurrent FedEx  Quartalsergebnisse veröffentlichen. Für den darauffolgenden Fronleichnamstag, der in einigen Bundesländern Feiertag ist, hat Oracle  seine Zahlen anberaumt. Die Bilanzen des Netzwerkausrüsters gelten als Gradmesser für die Geschäftsentwicklung der High-Tech-Branche weltweit.

Zum Wochenstart werden die Gewichtungen der Unternehmen in den Indizes angepasst. Einen großen Sprung nach vorn macht dabei die Commerzbank , deren Gewicht im Dax sich in etwa vervierfachen wird.

Griechenland wird Schulden niemals tilgen, glauben US-Experten

In der neuen Woche wollen außerdem die Modekette Adler (Mittwoch) und die Immobilienkette Prime Office (Freitag) den Sprung auf das Börsenparkett wagen. Den zweiten Anlauf für den Börsengang nimmt China Specialty Glass. Der Sicherheitsglashersteller hat für Montag zu einer Pressekonferenz geladen, am gleichen Tag wie der chinesische Kartonhersteller Youbisheng, der im Juli an die Börse strebt.

Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA dürfte die griechische Schuldenkrise an den Märkten erneut das wichtigste Thema der kommenden Woche werden. Nach den Kursverlusten der vergangenen Wochen an den US-Börsen macht sich abgesehen davon an der Wall Street eine abwartende Stimmung breit. Verstärkt wird diese durch das Auslaufen des als "QE 2" bekannten Fed-Programms zum Ankauf von Staatsanleihen Ende am des Monats.

Investoren warten daher bereits mit Spannung, was der Chef der US-Notenbank Ben Bernanke nach der zweitägigen Fed-Sitzung am Mittwoch zu sagen haben wird. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler zeigen sich skeptisch, dass Griechenland jemals in der Lage sein wird, seinen Schuldenberg von inzwischen 340 Milliarden Euro abzutragen. Auch am Anleihemarkt herrscht weiter Nervosität über eine möglicherweise bevorstehende Zahlungsunfähigkeit des Landes.

Serie schlechter Konjunkturdaten setzt US-Aktien zu

Die Investoren am Aktienmarkt scheinen dagegen zuversichtlich zu sein, dass die EU Griechenland ohne größere Verwerfungen am Markt wird retten können. Auch Bob Doll von Blackrock teilt diese Auffassung. "Wir werden Heftpflaster finden und wir werden uns durch diese Kreditprobleme durchwurschteln", sagt er. "Es könnte ziemlich düstere Konsequenzen nach sich ziehen, diesem Weg nicht zu folgen." Er rechne deswegen damit, dass die beteiligten Parteien eingreifen werden.

In den USA selbst ist der Markt von einer Serie schlechter Konjunkturdaten gebeutelt worden. Seit Ende April hat der S&P 500 etwa 7 Prozent verloren, der Nasdaq  fast 9 Prozent - nahe an dem Wert, der an der Wall Street als "Korrektur" bezeichnet wird.

Einige Investoren warten unter diesen Umständen auf den Sommer. Es herrsche eine große Unsicherheit am Markt, sagte David Joy von Ameriprise Financial. "Ich glaube, vor dem Labor Day wird es wieder Gelegenheiten zum Einstieg geben", erklärte er unter Hinweis auf dem US-Feiertag am 5. September.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte  gewann am Freitag 0,4 Prozent auf 12.004 Punkte. Der breiter gefasste S&P stieg um 0,3 Prozent auf 1271 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor 0,3 Prozent auf 2616 Stellen. Nach sechs Wochen mit Verlusten konnten damit Dow und S&P mit einem Zuwachs aus der Woche gehen: Beim Dow betrug er 0,4 Prozent. Beim S&P stand ein hauchdünnes Plus von 0,04 Prozent. Der Nasdaq dagegen fiel dagegen um ein Prozent.

nis/rtr
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