Börsenausblick Der Wind wird rauer

An den Weltbörsen wächst die Nervosität. Die Schuldenkrise bedroht die Wirtschaftslage in Europa, in den USA enden bald die Stützungsmaßnahmen der Zentralbank. Eine wachsende Zahl von Marktbeobachtern sieht im jüngsten Absturz der Rohstoffpreise einen Vorboten für Kursverluste auf breiter Front.
Dunkle Vorahnung: Börsianer sehen die US-Wirtschaft vor großen Schwierigkeiten

Dunkle Vorahnung: Börsianer sehen die US-Wirtschaft vor großen Schwierigkeiten

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Frankfurt am Main - Der Gegenwind am Aktienmarkt wird rauer. In der kommenden Woche stehen eine Reihe von Konjunkturdaten an, die kaum Euphorie schüren dürften. Besonders skeptisch sind Experten bezüglich des Ifo-Index und der US-Auftragsdaten.

"Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass sich die zuletzt doch recht positive Entwicklung am Markt nicht so fortsetzen wird", sagt Aktienstratege Carsten Klude von MM Warburg. Der Höhepunkt der Wachstumsdynamik sei erreicht, in den nächsten Monaten werde die Konjunktur einen Gang zurückschalten.

Auch das griechische Schuldenproblem dürfte ein Belastungsfaktor bleiben. Die größte Sorge ist, dass die Staatsschuldenkrise zu einer Dauerkrise wird. Die Forderungen nach einer Umschuldung wurden zuletzt auch aus der Politik immer lauter, die Europäische Zentralbank (EZB) lehnt dies aber bislang kategorisch ab.

"Diese ungewisse Situation wird die Märkte auch in den nächsten Monaten immer wieder temporär belasten", schätzt die Landesbank Berlin. In der zu Ende gehenden Woche hat der Leitindex Dax  bereits knapp ein Prozent auf 7322 Punkte nachgegeben. Das Plus seit Mitte April liegt aber immer noch bei rund 5 Prozent, seit Mitte März sind es noch mehr als 10 Prozent.

Rohstoff-Schock sitzt Investoren noch in den Gliedern

Mittelfristig sehen die Experten den Dax auch weiter auf gutem Kurs. "Den Unternehmen geht es ja gut, und die Bewertungen sind angesichts der Gewinnsteigerungen moderat", erläutert Klude.

Immer noch in den Gliedern sitzt vielen Investoren der dramatische Preisverfall an den Rohstoffmärkten vor zwei Wochen. Experten sind sich uneins darüber, ob er eine ernstzunehmende Konjunkturabschwächung eingeläutet hat oder lediglich eine Konjunkturdelle. Die jüngsten US-Wirtschaftsdaten scheinen eher die zweite Sichtweise zu stützen. Neue Hinweise erhoffen sich Investoren von der US-Statistik zum Auftragseingang langlebiger Güter (Mittwoch). Die zweite Schätzung für das US-Bip folgt am Donnerstag.

Auf unserer Seite des Atlantik stehen Einkaufsmanagerindizes (Montag) und der Ifo-Geschäftsklimaindex (Dienstag) unter besonderer Beobachtung. Analysten gehen davon aus, dass sich die Stimmung bei den hiesigen Unternehmen und im gesamten Euroraum im Mai eingetrübt hat. Volkswirt Ralph Solveen von der Commerzbank weist darauf hin, dass der Ifo-Index auf den ersten Blick wohl höher liegen wird als im April. Dies hänge aber mit einer neuen Berechnungsweise zusammen, bereinigt dürfte sich ein anderes Bild ergeben. Solveen geht davon aus, dass sich vor allem die Geschäftserwartungen eingetrübt haben.

Marktstratege: "Es gibt gute Gründe, vorsichtig zu sein"

Spannend wird es in den kommenden Tagen für Commerzbank-Aktionäre: Die lang ersehnte Kapitalerhöhung steht an. Die Bank  muss dem zuletzt gesunkenen Aktienkurs offensichtlich Tribut zollen. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte am Donnerstag erfahren, dass die neuen Papiere - die dem Institut die noch fehlenden 5,3 Milliarden Euro zur Rückzahlung von Staatshilfen einbringen sollen - wohl mit einem deutlichen Abschlag ausgegeben werden.

Weiterhin stehen ansonsten zahlreiche Hauptversammlungen von Unternehmen an. Unter anderem lädt die Deutsche Bank  am Donnerstag ein. Interessant wird die Reaktion der Aktionäre zu den Klagen in den USA; dort steht die Bank wegen ihrer Immobiliengeschäfte am Pranger.

Anleger werden auch genau darauf achten, ob Neuigkeiten aus Wolfsburg kommen, denn Volkswagen  will bis Monatsende sein Pflichtangebot für MAN  veröffentlichen. VW hatte kürzlich seinen Anteil an dem Lastwagenbauer auf über 30 Prozent aufgestockt und ein freiwilliges Übernahmeangebot angekündigt. Die Wolfsburger wollen auf diese Weise eine Allianz von MAN mit ihrer schwedischen Tochter Scania  vorantreiben.

Eine Änderung steht für den Frankfurter Handel an: Beginnend mit der neuen Woche wird der klassische Parketthandel auf das von der Deutschen Börse  betriebene System Xetra umgestellt. Der Börsenbetreiber und die Händler versprechen sich davon mehr Volumen vor allem bei kleineren Werten und im nachbörslichen Geschäft.

Wall Street rechnet mit Kursrutsch

In den USA sind Marktbeobachter noch ein wenig pessimistischer als in Europa. Der Wall Street stehe ein Kursrutsch bevor, sind sich Börsianer sicher. Doch bevor die Marktkorrektur kommt, könnten Investoren in der neuen Woche noch einmal zugreifen. Dabei dürfte allerdings Vorsicht die Kaufentscheidungen lenken. Als Favoriten nennen Experten die Aktien relativ konjunkturunabhängiger Unternehmen wie Versorger und Haushaltsproduktehersteller sowie Börsenschwergewichte mit kontinuierlicher Gewinnentwicklung.

Noch notiert die US-Börse in der Nähe von Mehrjahreshochs. Der S&P-500 hat in den vergangenen beiden Wochen die Gewinne seit Jahresbeginn behauptet. Bislang hat er 2011 etwa 6 Prozent zugelegt. Eine einschneidende Zäsur droht jedoch zur Jahresmitte. Ende Juni läuft das gigantische Anleihenkaufprogramm der US-Notenbank (Fed) aus, das der heimischen Wirtschaft auf die Sprünge helfen soll.

Analysten und Fondsmanager rechnen dann mit Kursverlusten an den Aktienmärkten, bei Rohstoffen und Euro. Als ersten Warnschuss werteten Marktteilnehmer den jüngsten Einbruch des Ölpreises.

Sichere Häfen gefragt

Auch den anziehenden Dollar sehen sie als Ausdruck einer geschwundenen Risikobereitschaft der Anleger. "Es gibt gute Gründe für eine Pause", sagt Marktstratege Richard Ross von Auerbach Grayson. "Es gibt gute Gründe, vorsichtig zu sein, und es gibt gute Gründe, Bargeld aufzutreiben, bevor im Sommer die Korrektur kommt und die Kaufgelegenheiten besser werden."

Starke Anlageimpulse sind vorerst nicht abzusehen. Die Berichtssaison der Unternehmen läuft allmählich aus. Geschäftszahlen vorlegen werden noch der Suppenhersteller Campbell, der Ketchupproduzent Heinz , der Modekonzern Polo Ralph Lauren und der Schmuckhändler Tiffany.

Auch die anstehenden US-Konjunkturdaten ziehen keine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Erwartet werden unter anderem frische Daten zu den Verkäufen neuer Häuser im April, die zweite Schätzung für die Wirtschaftsentwicklung im ersten Quartal sowie Zahlen zu den persönlichen Einkommen im vergangenen Monat.

Den Takt an der Wall Street könnte also erneut die Schuldenkrise in Europa bestimmen. Derzeit bewegen sich die Kurse von Euro , Rohstoffen und Aktien ungewöhnlich gleichförmig in dieselbe Richtung. "Wenn sich der Dollar weiter festigt, könnte dies Gegenwind für die Rohstoffe und den S&P bedeuten", sagt Marktstratege Ross voraus.

nis/rtr
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