Börsengang Rohstoff-Preisrutsch verpasst Glencore einen Dämpfer

Es ist ein Börsengang inmitten starker Preisturbulenzen: Die Aktien des Rohstoffhändlers Glencore starteten heute in London unter Ausgabepreis, doch dürfte am Ende des ersten Handelstags trotzdem der Aufstieg in den Leitindex FTSE 100 gelingen. Ob die verschwiegenen Glencore-Manager darauf vorbereitet sind, ist fraglich.
Glencore-Zentrale im schweizerischen Baar: Verschwiegener Herrenbund meets Börse

Glencore-Zentrale im schweizerischen Baar: Verschwiegener Herrenbund meets Börse

Foto: © Arnd Wiegmann / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Die Erwartungen waren hoch: Nach einer zweiwöchigen Roadshow hatte der weltgrößte Rohstoffhändler Glencore in der vergangenen Woche bereits einen Tag früher als geplant seine Bücher geschlossen. So hatten die beteiligten Banken etwas länger Zeit, um den heutigen Megabörsengang in London bis ins kleinste Detail vorzubereiten.

Seit vergangener Woche wurde die Aktie bereits am inoffiziellen Graumarkt gehandelt, heute (24. Mai) hat der offizielle Handel an der Londoner Börse begonnen. Es ist der größte Börsengang seit dem IPO von General Motors im vergangenen November.

Hoffnungen auf einen Kurssprung der Glencore-Aktie wurden zu Beginn des offiziellen Handels jedoch enttäuscht. Die Aktie wurde am Vormittag in London bei 524 Pence gehandelt und befand sich damit rund 2 Prozent im Plus gegenüber der Graumarkt-Notierung vom Vortag. Der offizielle Ausgabepreis der Aktie lag jedoch bei 530 Pence. In Hongkong werden die Papiere ab Mittwoch gehandelt.

Preisrutsch an den Rohstoffmärkten verhagelt das Börsendebüt

Die Preise an den Rohstoffmärkten waren in den vergangenen Tagen nach unten gerauscht - dies hatte auch die Glencore-Aktie im Graumarkt belastet. Zudem hatte Glencore-Chef Ivan Glasenberg noch die Preisspanne für den Börsengang kurz vor Ende des Bookbuildings deutlich angehoben. Vielen Investoren wurde in den vergangenen Tagen vorgeführt, welch starken Schwankungen ihr Rohstoff-Investment ausgesetzt ist.

Glencores Schritt aufs Parkett wird aller Voraussicht nach der größte Börsengang, den die Londoner City je erlebt hat. Dabei bringt der Rohstoffhändler nur rund 20 Prozent seiner Anteile an die Börse und will damit rund sieben Milliarden Euro erlösen. Die übrigen Anteile bleiben weiterhin in Händen von 500 Glencore-Managern, denen der Rohstoffhändler bisher vollständig gehörte.

Marktwert von knapp 40 Milliarden Euro - Durchmarsch in den FTSE

Ab heute wird sich für die verschworene Gemeinschaft der Glencore-Eigentümer im Steuerparadies Zug in der Schweiz einiges ändern. Mit einem voraussichtlichen Marktwert von knapp 40 Milliarden Euro wird der Schweizer Rohstoffhändler wohl gleich nach dem ersten Handelstag in den Londoner FTSE-Index aufgenommen werden. Nicht schlecht für eine Handelsfirma, die vor 37 Jahren mit fünf Partnern in einer Zuger Anwaltskanzlei begann.

Bisher haben nur Großinvestoren umfassenden Einblick in die wie ein Staatsgeheimnis gehüteten Glencore-Bücher bekommen. Der Fonds Aabar Investments aus Abu Dhabi soll mit 850 Millionen Dollar größter Einzelinvestor sein. Der saudische Milliardär Prince Alwaleed bin Talal und seine Investmentgesellschaft haben offenbar 400 Millionen Dollar in Glencor gesteckt und damit 3,6 Prozent der Aktien erworben. Außerdem sind verschiedene Staatsfonds, bekannte Namen wie Blackrock und große Banken wie die Credit Suisse als Ankerinvestoren im Gespräch.

Großinvestoren werden insgesamt fast ein Drittel der angebotenen Aktien kaufen. "Wir freuen uns über das große Interesse der Investoren an unserem Geschäftsmodell", sagte Glencore-Chef Glasenberg, der mit rund 15 Prozent der Aktien selbst der größte Einzelaktionär bleibt.

Ungewissheit beflügelt die Fantasie - und das Geschäft

Außer den Großinvestoren haben Anleger bisher kaum handfeste Informationen über den Rohstoffhändler. Noch beflügelt diese Ungewissheit die Fantasie der Anleger. Wenn Glencore erst einmal als FTSE-Schwergewicht gehandelt wird, werden Anleger aber Transparenz einfordern, zumal das Geschäft des Rohstoffhändlers äußerst volatil ist.

Im vergangenen Jahr hatte Glencore vom beispiellosen Boom an den Rohstoffmärkten profitiert, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank . "Die Glencore-Händler zählen zu den erfahrensten Rohstoffhändlern weltweit", erklärt Weinberg. "Sie haben den Markt genau beobachtet und jetzt den besten Zeitpunkt für ihren Börsengang gewählt: den vorläufigen Hochpunkt des Marktes."

Dank des Rohstoffbooms hatte Glencore im Jahr 2010 den Umsatz um 36 Prozent auf rund 100 Milliarden Euro steigern können, der Gewinn stieg sogar um 41 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro. Der Börsencoup des Rohstoffriesen könnte nun nicht nur den Höhepunkt, sondern auch das vorläufige Ende des Rohstoffbooms signalisieren. "In den vergangenen Tagen sind die Rohstoffpreise bereits deutlich in den Keller gegangen", sagt Weinberg. Der Markt trete im Anschluss an den Höhenflug der vergangenen Monate in eine Korrekturphase ein.

Um Anleger davon zu überzeugen, dass das Management nicht nur den Höhepunkt des Rohstoffbooms ausnutzt, um Kasse zu machen, haben sich die Geschäftsführer verpflichtet, ihre Anteile fünf Jahre lang zu halten. Glasenberg beteuert, er werde seine Anteile nicht verkaufen, so lange er bei Glencore arbeitet. Außerdem hat er Investoren eine Dividende in Höhe von einer Milliarde Dollar versprochen. Von ihren Transparenzpflichten im FTSE-Index werden sich die Schweizer damit nicht freikaufen können. Anfang nächsten Jahres wird der Konzern erstmals einen ausführlichen Jahresbericht vorlegen müssen.

Fünf Jahre Haltefrist für die Geschäftsführer

Glencore-Chef Ivan Glasenberg wird in Zukunft das Gesicht eines Konzerns sein, der im Fokus der Öffentlichkeit steht. Leicht wird er es dabei nicht haben. Denn der weltweite Handel mit Rohstoffen ist oft ein schmutziges Geschäft, und Glencore durch ein komplexes Beteiligungsnetzwerk an Minengesellschaften, Tankern, Raffinerien und Rohstofflagern schwer durchschaubar.

Nicht-Regierungsorganisationen werfen Glencore Menschenrechtsverletzungen und Umweltsünden vor. Und der Verwaltungsrat des Rohstoffhändlers ist nicht gerade mit Kommunikationsprofis besetzt. CEO Glasenberg und CFO Steven Kalmin machen als Exekutivmitglieder noch die seriöseste Figur. Aber was den Glencore-Chef bewegt hat, Anthony Hayward als Mitglied des Verwaltungsrats aufzustellen, bleibt ein Rätsel. Der Ex-BP-Chef, der die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nicht in den Griff bekam und Mitte 2010 gehen musste, hat sich bei seinem alten Arbeitgeber nicht unbedingt als Kommunikationsprofi in schwierigen Situationen erwiesen.

Auch Verwaltungsratspräsident Simon Murray ist als Repräsentant des Glencore-Reiches eher nicht vorzeigbar, wie er kürzlich in einem Interview unter Beweis stellte: Der 71-jährige Ex-Söldner der französischen Fremdenlegion erzählt gerne einmal Gruselgeschichten aus seiner Zeit in Algerien. Und jüngst erklärte er einer britischen Zeitung, dass Frauen einfach weniger engagiert im Job seien, weil sie nun einmal so viel mit Schwangerschaften und Kindererziehung beschäftigt seien. Von einer Frauenquote halte er dementsprechend nichts. CEO Glasenberg musste die Wogen mit einem Bekenntnis zu Corporate Governance retten und stellte einen CSR-Bericht in Aussicht.

Ob alte Haudegen wie Murray in einem börsennotierten Konzern richtig aufgehoben sind, bezweifeln Skeptiker schon jetzt. Immerhin stehen die illustren Manager mit ihrem fragwürdigen Ruf in bester Glencore-Tradition: Schon Gründer Marc Rich war jahrelang wegen Steuerbetrugs vom FBI verfolgt worden, bis ihn schließlich Bill Clinton an seinem letzten Amtstag begnadigte.

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