Dax-Geflüster Wer langweilig ist, wird schneller reich

Rohstoffpreise rauschen nach unten, der Dax gerät ins Stocken: Wie sollen sich Anleger verhalten, wenn das Börsenfieber nachlässt? Die Antwort der "Value-Investoren" lautet: Geld auch mal liegen lassen, auf keinen Fall aufregende Dinge tun. Aufregung kann teuer werden. Langeweile lohnt sich.
In der Ruhe liegt die Kraft: Investieren sollte eine langweilige Angelegenheit sein, sagt Nobelpreisträger Paul Samuelson. Belohnt wird Risiko-Aversion meist mit höherer Rendite

In der Ruhe liegt die Kraft: Investieren sollte eine langweilige Angelegenheit sein, sagt Nobelpreisträger Paul Samuelson. Belohnt wird Risiko-Aversion meist mit höherer Rendite

Foto: Corbis

Jens Hansen investiert Millionensummen. Er redet leise und in einem Tonfall, dem man nicht länger lauscht als unbedingt nötig. Der Fondsmanager hält nichts von Visionen und hasst heiße Wetten. Er will auf gar keinen Fall Begeisterung wecken. Er besucht nicht mal Firmen. Der Mann ist so langweilig, dass er seine Kunden elektrisiert: 10,6 Prozent durchschnittliche Rendite weist einer seiner Investmentfonds seit 1999 aus. Pro Jahr.

Warum meidet dieser Millionen-Mann die Aufregung? "Aufregung an der Börse zu suchen, ist ein sehr teures Hobby", sagt Hansen. "Wer aufregende Dinge erleben will, sollte sich lieber einen Ferrari kaufen." Er hält es mit dem US-Ökonomen und Nobelpreisträger Paul Samuelson: "Investieren sollte eine langweilige Angelegenheit sein."

Geld, das er für die Kunden der "ValueInvest Asset Management" gewinnbringend anlegen muss, hat Hansen reichlich. Doch er hält es für Zeitverschwendung, Konzerne zu besuchen, um den neuesten Trend, die nächste Killer-Applikation als erster aufzuspüren. "Ich bin ein Mann von mittlerer Intelligenz", sagt Hansen. "Wenn mir die Topmanager eines Konzerns etwas vormachen wollen, dann wird es ihnen gelingen."

Also keine internen Präsentationen, keine Flüsterschätzungen, kein Geraune um das "next big thing". Stattdessen: Zahlen, Zahlen, Zahlen. Genauer: Zahlenreihen. Über Umsatz und Gewinne, freie Liquidität, Verschuldungsraten, gezahlte Dividenden, erzielte Umsatz-, Dividenden- und Gesamtkapitalrenditen. Das alles betrachtet über viele Jahre, selbstverständlich. Wer so etwas übersteht, bekommt bei einem Waschmittelproduzenten wie Henkel  , einem Chemiekonzern wie BASF  oder einem Cornflakes-Hersteller wie General Mills schon mal Herzklopfen.

Wenn Henkel für Herzklopfen sorgt

Der aus Dänemark stammende Hansen ist ein sogenannter "Value Investor". Ebenso wie der deutsche Fondsmanager Hendrik Leber (Acatis) oder der US-Investor Vitaliy Katsenelson (Investment Management Associates) versuchen diese Fondsmanager, Strategien des legendären Investors Warren Buffett auch in ihren Portfolios umzusetzen. "Das bedeutet: Bewerten, abwarten, zuschlagen", sagt Acatis-Gründer Leber. "Wir investieren in die Rentabilität von Unternehmen und spekulieren nicht auf Hoffnung."

Die Kennzahlen von vielen tausend Unternehmen jagen Value-Investoren durch ihre Computerprogramme und ermitteln so den nach ihrer Meinung "fairen Wert" der Firmen. Erst wenn die Bewertung eines Unternehmens an der Börse auf 65 Prozent des "fairen Wertes" fällt, erwägt Hansen den Kauf. Ein fettes Sicherheitspolster in Höhe von 35 Prozent muss sein - schon deshalb, um Aufregung zu vermeiden.

Die Aktie von Microsoft  zum Beispiel hat Hansen auf diese Weise im Frühjahr 2009 herausgefiltert und ins Depot genommen. Aber er hat mit seiner Strategie auch den Kauf vieler angesagter Aktien wie etwa Apple  verpasst, die sich in den vergangenen Jahren prächtig entwickelt haben. "Das ist nicht zu vermeiden", sagt Hansen. "Man muss akzeptieren, dass man Gelegenheiten versäumt." Schlimmer wäre, die eigenen Kriterien in Frage zu stellen: "Man schlägt den Markt nicht durch höhere Intelligenz, sondern durch Disziplin."

Auch Leber fischt mit Geduld und Gleichmut nach unterbewerteten Unternehmen - Eigenschaften, die so gar nicht zur hektischen Aktivität in den weltweiten Handelssälen passen wollen. Ein Starinvestor soll schnell, flexibel, meinungsstark und emotional sein? "Lieber nicht", sagt Leber. Wer glaube, schlauer zu sein als der Markt, sei in der Regel bald ärmer als der Markt.

Finger weg vom Finanzsektor

Value-Investoren wie Hansen oder Leber erzielen die Performance ihrer Fonds auch nicht dadurch, dass sie die kleine Zahl der extrem hoch bewerteten Börsenstars herausfiltern. Sie begrenzen stattdessen durch ihre strikten Auswahlkriterien Risiken und halten mehrheitlich Aktien, die seltener abstürzen. "Investieren heißt, Fehler zu vermeiden", sagt Hansen. Wer seine Verlustrisiken begrenze, erziele auf lange Sicht eher hohe Renditen als derjenige, der sich regelmäßig in riskante Wetten stürzt.

Mit Aktien wie der Deutschen Bank  oder der Commerzbank hält sich Hansen derzeit gar nicht erst auf. "Ich kenne niemanden, der aktuell die Bilanzen und Risiken im Bankensektor wirklich versteht - darum ist die gesamte Branche für uns außen vor."

Das Interesse von Hansen wecken nicht global agierende Investmentbanken, sondern kreuzbrave Hersteller von Konsumgütern und Haushaltswaren. "Der Cornflakes-Hersteller General Mills zum Beispiel zählt wahrscheinlich zu den langweiligsten Aktiengesellschaften der Welt - aber General Mills zahlt seit 112 Jahren eine anständige Dividende", sagt Hansen. In diesen Worten klingt fast schon ein Hauch von Begeisterung mit.

"Fehlbewertungsnischen" sind spannender als Highflyer

Auch Hansens Konkurrent Leber hält es nicht so mit den "Highflyern" der Börse. Er will lieber "Fehlbewertungsnischen" nutzen und zum gegebenen Zeitpunkt in Unternehmen einsteigen, die er für unterbewertet hält. "Der Energieversorger RWE  ist derzeit so billig wie seit 20 Jahren nicht", sagt Leber - doch ob auf dem aktuellen Niveau das Sicherheitspolster bereits groß genug ist, lässt er offen. "Man muss warten können und es auch mal aushalten, nichts zu tun", sagt Leber.

Ein Feind der großen Geste ist auch der US-Investor Vitaliy Katsenelson, der im vergangenen Jahr mit seinen Publikationen über "Seitwärtsmärkte" für Aufsehen in der Branche gesorgt hat. Katsenelson geht davon aus, dass sich die Börsenmärkte auch im kommenden Jahrzehnt insgesamt seitwärts bewegen werden - ein schlichtes Index-Investment in den Dax  oder den Dow Jones  helfe also nicht weiter. Um eine zufriedenstellende Gesamtrendite zu erzielen, sei daher die Auswahl von dividendenstarken Werten sowie der Kauf einzelner Aktien zum richtigen Zeitpunkt wichtig. "Man sollte niemals Aktien kaufen, nur um investiert zu sein", rät Katsenelson. "Wenn es keine unterbewerteten Aktien gibt, sollte man lieber sein Cash auf dem Konto behalten."

Auch das klingt eher langweilig. Aber es hilft, versichert Hansen. Wer auf Dauer erfolgreich investieren wolle, sollte sich darin üben, Gras beim Wachsen zuzusehen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.