Dax-Geflüster Justieren, nicht jubilieren

Es knirscht an der Börse, der Dax kommt nicht mehr recht von der Stelle. Kein Wunder, denn die deutsche Konjunktur dürfte inzwischen auf ihrem Höhepunkt stehen, Jubelmeldungen künftig seltener werden. Helfen kann nur einer - der Anleger selbst.
Von Arne Gottschalck
Meldungen wie die sinkenden Industrieaufträge in Deutschland lasten auf dem Dax: Für Anleger bedeutet das, ihr Portfolio zu justieren, nicht einfach über jede Nachricht zu jubilieren - wie in der Vergangenheit

Meldungen wie die sinkenden Industrieaufträge in Deutschland lasten auf dem Dax: Für Anleger bedeutet das, ihr Portfolio zu justieren, nicht einfach über jede Nachricht zu jubilieren - wie in der Vergangenheit

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Hamburg - Unrecht gut gedeiht nicht, diesen etwas altväterlichen Spruch hätte vielleicht Bernard Madoff berücksichtigen sollen, nicht aber deutsche Anleger. Da wäre eher das forsche "sell in may and go away" passend. Denn viel mehr kommt nicht, die deutsche Wirtschaft dürfte mehr oder weniger auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft angelangt sein. Und da an der Börse die Aussichten auf die Zukunft gehandelt werden, wäre eben jenes "sell in may" keine schlechte Idee.

In der Tat machen sich auch Anlageprofis inzwischen so ihre Gedanken. Schon mit Blick zurück. "Im Durchschnitt fallen die Erträge am Aktienmarkt in der Zeit von Mai bis September niedriger aus als im übrigen Jahr", beobachtet Ad van Tiggelen von ING Investment Management. "Das war auch im vergangenen Jahr der Fall: Die Angst vor einem Double-Dip beherrschte die Sommermonate und führte zu Gewinnmitnahmen an den Aktienmärkten sowie verstärktem Interesse an Anleihen."

Und heute? Der Aktienmarkt "reife", wie es die Fondsgesellschaft Threadneedle formuliert. Mit anderen Worten, Investoren können ihre Gewinne schon einmal mitnehmen, einiges ist offenbar ausgereizt. Threadneedle selbst macht das zumindest so, schreibt ihr Chief Investment Officer Mark Burgess - "in jenen Segmenten, die sich stark entwickelt haben und nun voll bewertet aussehen." Auch andere Experten sind etwas skeptischer als noch vor wenigen Monaten.

Der Chefvolkswirt der Saxo Bank zum Beispiel, Steen Jakobsen: "Einerseits sind wir für Aktien bullish (...). Gleichzeitig sind wir aber auch skeptisch. Unsere Bottom-up-Analyse zeigt, dass sich die Produktionskosten im Aufwärtsdruck befinden und Löhne kaum noch niedrig gehalten werden können." Die Inflation also als Spielverderber?

Aber auch andere Faktoren könnten die Rolle des Störenfrieds wirtschaftlichen Wohlergehens spielen. So hat eine Umfrage von Barings Investment ergeben, dass professionelle Anleger die Ungewissheit, ob die überschuldeten Volkswirtschaften in der Lage sind, ihre Schulden abzubauen, in den kommenden sechs Monaten als die stärkste Bedrohung für das Anlagenwachstum ausgemacht haben. Immerhin 72 Prozent der Befragten sehen das so.

Eher seitwärts als aufwärts

Und van Tiggelen führt auf, "die globalen Wachstumsindikatoren scheinen ihren Höchststand bereits erreicht zu haben, insofern dürften die positiven Ertragsüberraschungen in den kommenden Quartalen nachlassen." Und unter anderem diese Überraschungen sind es, die die Börsenkurse nach oben treiben. "Die Zentralbanken drehen bereits wieder an der Zinsschraube und eine Verlängerung der quantitativen Lockerung in den USA über Juni hinaus ist äußerst unwahrscheinlich." Und bei Syz Asset Management kommt man daher zum Schluss, dass die ersten Zeichen einer Seitwärtsbewegung in Europa zu beobachten seien. 2010 habe Deutschland mit seiner Dynamik die ganze Region mit fortgerissen. Doch eben jene Dynamik lasse nun nach. Zeit sich von Aktien zu verabschieden? Zumindest, genauer hinzusehen.

Das indes wirft eine Frage auf - wo sind die Alternativen zu den Aktien? Oder vielmehr, wo liegen die Alternativen für Aktien in den Augen der Investoren? Zum Beispiel der Pensionskassen oder der Assekuranz, die 2008 mit einer Aktienquote von 0,8 Prozent beendete, aktuellere Daten dürften ähnlich aussehen.

Rohstoffe? Die Anlageklasse hat seit geraumer Zeit deutlich an Wert gewonnen und immer mehr Experten bezweifeln, dass es so weiter geht. Silber  beispielsweise hat seinen Wert seit der Lehman-Pleite fast vervierfacht, zuletzt aber deutlich verloren - weil Investoren ausgestiegen sind. Auch die Emerging Markets werden gern als Alternative für die Aktien aus den arrivierten Märkten genannt. Doch das Thema Inflation wird auch dort kaum an Bedeutung verlieren. Aktien könnten also trotz der skizzierten Probleme weiter an Wert gewinnen - wenn denn die Anleger dieser Anlageklasse konsequent die Treue halten. Wenn.

Immerhin, die Investoren nehmen das jüngste Ruckeln an den Börsen offenbar ernst, wie die steigende Beliebtheit der Mischfonds zeigt, Fonds also, die zwischen Aktien und Anleihen hin und her schalten können. 2010 flossen ihnen fast 14 Milliarden Euro zu. Allein im Januar und Februar kam noch rund eine weitere Milliarde hinzu. Doch die Frage, wie die angemessene Aktiengewichtung aussieht, haben die Investoren auch mit diesem Schritt nicht geklärt, sondern nur delegiert. Und ob der Fondsmanager mit seiner Einschätzung dann Recht hat, bleibt abzuwarten.

Van Tiggelen zumindest prognostiziert bereits jetzt: "Vor uns liegt wahrscheinlich ein illiquider, volatiler Sommer, in dem Aktien sich überwiegend seitwärts bewegen werden - einerseits geprägt von zunehmend positiveren Unternehmensrahmendaten und andererseits vom etwas nachlassenden Wirtschaftswachstum." Oder anders ausgedrückt - die Zeit der einfachen Gewinne geht zu Ende.

Mehr lesen über Verwandte Artikel