Dax-Geflüster Geldflut spült die Sorgen fort

Die einflussreiche Agentur Standard & Poor's hält die weltweit führende Wirtschaftsnation USA nur noch für bedingt kreditwürdig - und die Börse bleibt unbeeindruckt. Das passt ins Bild, seit Monaten blenden die Aktionäre die Risiken für den globalen Aufschwung aus. Wie lange geht das noch gut?
Armes Land, reiche Konzerne: Während ein Schuldenberg die USA drückt, verdienen US-Konzerne wieder bestens. Das zählt an der Börse - globale Risiken werden ignoriert

Armes Land, reiche Konzerne: Während ein Schuldenberg die USA drückt, verdienen US-Konzerne wieder bestens. Das zählt an der Börse - globale Risiken werden ignoriert

Foto: Justin Lane/ dpa

Die Reaktion der Finanzmärkte kam prompt - aber sie hielt nicht lange. Als am Montag die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) den Ausblick für das Kreditrating der USA von stabil auf negativ senkte, ruckte es weltweit gehörig an den Börsen: In Frankfurt rutschte der Leitindex Dax  unter die Marke von 7000 Punkten, ein Minus von mehr als 2 Prozent. Der US-Aktienindex Dow Jones  gab ebenfalls um fast 2 Prozent nach. Der Euro  dagegen zog merklich an, ebenso wie der Goldpreis , der sich mit 1500 Dollar je Unze auf Rekordhöhen schwang.

Doch wenig später war der Schreck verflogen. Schon am Dienstag legten die Aktienkurse hierzulande wieder zu. Am gestrigen Mittwoch ging es dann noch einmal kräftig nach oben. Der US-Chipriese Intel  hatte beeindruckende Geschäftsergebnisse vorgelegt - dem Dax verhalf das zu einem Plus von fast 3 Prozent. Lange Zeit ganz oben auf der Gewinnerliste: Der Halbleiterhersteller Infineon , der im Kielwasser der großen Amerikaner zeitweise einen Wertzuwachs von mehr als 4 Prozent verbuchte.

Das Muster ist seit Monaten das gleiche: Immer wieder treffen externe Irritationen die Aktienmärkte. Und immer wieder lassen sich die Anleger davon kaum beeindrucken.

So war es bei vielen schlechten Nachrichten aus der europäischen Schuldenperipherie, so war es bei den Unruhen im Nahen Osten und Nordafrika, so war es bei der Katastrophe in Japan. Und so ist es diesmal, beim Warnschuss der Ratingexperten von S&P vor den Bug des US-Regierungsschiffs.

Dabei können viele dieser Einflüsse die Entwicklung der Wirtschaft und damit die der Aktienmärkte sehr wohl beeinträchtigen. Doch davon wollen die Anleger derzeit offenbar nichts wissen. Stattdessen nehmen sie jede gute Nachricht als Motivation für Aktienkäufe begierig auf - siehe den Geschäftsbericht von Intel  am Mittwoch, ebenso wie jene des Luxusgüterherstellers LVMH  sowie des Pharmariesen Johnson & Johnson  am Dienstag.

Rohstoffe gelten als teuer - Aktien noch nicht

Das Gute sehen, das Schlechte ausblenden - noch geht diese Strategie gut. Denn noch stimmen zwei wichtige Rahmenbedingungen. Erstens: Weltweit verfügen Investoren angesichts weiterhin niedriger Zinsen über viel Liquidität. Und die muss irgendwo hin. "Wir beobachten seit Längerem schon, dass Fundamentales durch Monetäres überlagert wird", erklärt Carsten Salzig, Vorstand beim Vermögensverwalter HWB Capital, das Phänomen. "Eigentlich ist eine Korrektur an den Börsen vor allem aufgrund der Schuldenprobleme überfällig. Die enorme Geldmenge, die nach Anlagemöglichkeiten sucht, verhindert jedoch immer wieder größere Kursrückgänge." Gesund sei das nicht, so Salzig.

Doch warum fließt das viele Geld ausgerechnet an den Aktienmarkt? Der Grund: Den Anlegern fehlen - zweite Voraussetzung - die Alternativen.

Rohstoffe oder Edelmetalle zum Beispiel haben sich in den vergangenen Monaten enorm verteuert - das Risiko von Rückschlägen wird inzwischen als sehr hoch eingeschätzt. Erst am Mittwoch etwa knackte der Preis für eine Feinunze Gold  erstmals die 1500-Dollar-Marke. Und der Chart der Silber-Notierung löst schon beim bloßen Anblick Schwindelgefühle aus - nicht mehr lange, und die Unze ist für weniger als 50 Dollar kaum noch zu haben.

Und Anleihen? Insbesondere der Markt für Staatsanleihen lädt nicht zum Investment ein. Auch dort hat auf der einen Seite bereits viel Geld für Kursanstiege gesorgt, die Rede vom Risiko einer Bondblase macht seit Langem schon die Runde. Hinzu kommen auf der anderen Seite die Schuldenprobleme vieler Länder, die auf Investments direkt durchzuschlagen drohen.

Die USA sind nicht der größte Risikofaktor

Dabei dürften die USA mit ihrer gigantischen Verschuldung kaum der größte Risikofaktor sein. Zwar stimmen die nackten Tatsachen nicht optimistisch: Ein Haushaltsdefizit von etwa 10 Prozent im laufenden Jahr, eine Gesamtverschuldung von annähernd 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), dazu eine historisch hohe Arbeitslosigkeit, ein nach wie vor schwächelnder Häusermarkt, der zusätzlich auf den Konsum drückt, und last but not least eine politische Elite im Herzen Washingtons, die sich über die nötigen Maßnahmen zur Bewältigung der nationalen Probleme alles andere als einig ist.

Andererseits sind die USA nach wie vor die stärkste Wirtschaftsmacht weltweit. Etwa ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung gehen allein auf ihr Konto, wie Jörg Zeuner, Chefökonom der VP Bank, in einem Kommentar betont.

Und damit nicht genug: Gegenüber europäischen Staaten verfügen die USA über zwei weitere Vorzüge. Zum einen haben die USA im Gegensatz zu beispielsweise Griechenland oder Portugal noch keine Probleme mit der Refinanzierung. Die Rendite zehn Jahre laufender US-Bonds etwa liegt gegenwärtig bei etwa 3,5 Prozent, jene der gleichlaufenden portugiesischen Papiere bei bis zu 9 Prozent. Zum anderen verzeichnet die US-Wirtschaft laut VP-Ökonom Zeuner ein höheres Potenzialwachstum als die Euro-Zone.

S&P will maximal zwei Jahre warten

Daraus wiederum folgt zweierlei. Zum ersten: Experten schätzen die Risiken von Staatsanleihen auf dem alten Kontinent deutlich höher ein. Eine Ansicht, die durch die aufkommenden Gerüchte über einen bevorstehenden griechischen Schuldenschnitt noch verstärkt wird.

Zweitens: Weder US- noch europäische Staatsanleihen reizen die Investoren derzeit so sehr wie die Aktienmärkte. "Am Bondmarkt kommen vor allem Papiere aus dem Unternehmenssektor infrage", sagt etwa Christian Fischl, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Huber, Reuss & Kollegen in München. "Und da ist in der Regel wiederum der Kauf der jeweiligen Aktien vorzuziehen." Fischl hält vor allem viele deutsche Standardaktien nach wie vor für günstig bewertet.

Das Fazit lautet daher: Die Anleger werden wohl auch künftig stärker auf Kaufanreize schielen und negative Einflüsse so gut es geht ausblenden. Allein schon, weil sie kaum Alternativen sehen. Doch dieses Verhalten wird sich auf Dauer nur durchhalten lassen, wenn es der Politik gelingt, ihre Finanzprobleme unter Kontrolle zu behalten.

Dafür wiederum ist seit Wochenbeginn zumindest eine Deadline bekannt. US-Präsident Barack Obama hat den Ernst der Lage offenbar erkannt und will in den kommenden zwölf Jahren vier Billionen Dollar einsparen.

So lange wollen die Ratingexperten von S&P jedoch nicht warten. Sie pochen auf eine Konsolidierung des US-Haushalts bis 2013 - bis dahin stehe die Wahrscheinlichkeit, dass die USA ihr Toprating verlieren, bei 33 Prozent, so die Ratingagentur.

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