Dax-Geflüster Atomdebatte führt Solar-Anleger in die Irre

Die Kurse der deutschen Solaraktien sind seit Beginn des Reaktorunglücks in Japan stark gestiegen. Die Atomwende in Berlin könnte auch den Firmen aus der Photovoltaikbranche nutzen, glauben offenbar viele Anleger. Experten zufolge täuschen sie sich jedoch. 
Von Arne Gottschalck, Christoph Rottwilm und Nils-Viktor Sorge
Wartung von Solar-Anlagen in China: Die Konkurrenz aus Fernost macht den deutschen Firmen zu schaffen

Wartung von Solar-Anlagen in China: Die Konkurrenz aus Fernost macht den deutschen Firmen zu schaffen

Foto: CHINA DAILY/ REUTERS

Hamburg - Die Chartverläufe sind irritierend. Unmittelbar nach Bekanntwerden des schweren Reaktorunglücks in Japan sprangen die Kurse von Solaraktien hierzulande steil nach oben. Das Papier von Solarworld etwa legte binnen weniger Tage um etwa 40 Prozent zu, für den Pennystock Conergy ging es sogar um mehr als 100 Prozent ins Plus.

Inzwischen haben die Aktien zwar große Teile der Gewinne wieder eingebüßt. Das ändert jedoch nichts an der Überlegung, die offenbar dahinter steht: Die Anleger sehen die dramatischen Ereignisse im japanischen Kernkraftwerk Fukushima, verfolgen die Hauruck-Atomwende in Berlin - und glauben, in den Firmen der Solarbranche die Gewinner ausgemacht zu haben.

Dass die Investoren hierzulande damit keineswegs allein stehen, zeigt ein Blick über die Grenzen hinweg: Auch der weltweit gestreute Bloomberg-Global-Leaders-Solar-Index verzeichnete seit dem Erdbeben in Japan ein klares Plus, ebenso, wie der Photovoltaik-Aktien-Index des Fachmagazins "Photon", in dem ebenfalls Unternehmen aus aller Welt vertreten sind.

Und tatsächlich: Der Solarbranche wird nach wie vor großes Wachstum prophezeit - die Frage ist nur, ob ausgerechnet die deutschen Firmen daran einen nennenswerten Anteil haben werden. "Der langfristige Ausblick für den Solarsektor ist stark", sagt etwa Frédéric van Parijs, Energieexperte bei ING Investments.

Weltweites Wachstumspotenzial

"Weltweit wird die Solarkraftnutzung weiter ausgebaut werden", meint auch Theo Kitz, Analyst bei Merck Finck. "Vor allem in den USA besteht noch großes Potenzial." Die Ereignisse in Japan könnten dem Markt durchaus einen Schub verpassen, so Kitz. "Viele Regierungen überdenken ihre Energiepolitik, ähnlich wie die deutsche", sagt er.

Doch aus hiesiger Sicht hat die Sache einen Haken: Vieles spricht dafür, dass gerade vielen deutschen Solarfirmen eher eine schwierige Zukunft bevorsteht. Das geht schon damit los, dass der Branche wohl hierzulande künftig weitere Kürzungen der Förderung durch das Erneuerbare Energien Gesetz bevorstehen.

Hinzu kommt der immense Kostendruck: Vor allem chinesische Unternehmen machen sich schon heute aggressiv auf dem Weltmarkt breit. Die Dominanz der Unternehmen aus Fernost macht ein Blick in den Photon-Photovoltaik-Index deutlich: Von 30 Unternehmen kommen zehn aus China und sechs aus Taiwan. Aus Deutschland dagegen sind lediglich vier Firmen im Index vertreten.

Die Übermacht kommt nicht von ungefähr. Vor allem die chinesischen Hersteller können günstiger produzieren und daher auch niedrigere Preise bieten. "Die Asiaten haben einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber den Deutschen", sagt Erkan Aycicek, Analyst bei der LBBW. Und Hans Kühn, Geschäftsführer der Unternehmensberatung PRTM in Frankfurt, meint: "Die chinesischen Hersteller sind schneller und konsequenter gewachsen, die deutschen haben bei ihrer Expansion der Komplexität des Geschäfts nicht genügend Rechnung getragen."

Nur wenige deutsche Firmen aussichtsreich aufgestellt

Noch wird den deutschen Firmen von Fachleuten zwar ein Qualitätsvorsprung eingeräumt. Der könnte aber in den nächsten Jahren schrumpfen. Um im globalen Wettbewerb mithalten zu können, ist daher die richtige Positionierung gefragt. Experten fordern vor allem zweierlei: Eine internationale Präsenz und eine möglichst umfangreiche Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette in diesem Geschäft.

"Die deutschen Hersteller müssen global expandieren", sagt etwa Unternehmensberater Kühn. "Sie müssen Kosten senken und Wirkungsgrade schneller steigern als ihre Wettbewerber."

Nach Ansicht von Thomas Hartauer, Vorstand des Investmenthauses Lacuna, verspricht es zudem mehr Erfolg, wenn neben der Herstellung von Photovoltaikanlagen auch die Projektierung größerer Parks sowie die Betriebsführung ins Geschäftsmodell aufgenommen wird. "So lassen sich zusätzliche laufende Umsätze generieren", sagt er. "Einige deutsche Hersteller setzen das bereits erfolgreich um."

Solar- und Wind noch längst kein Ersatz für Atomkraft

Ein Problem bleibt indes der gesamten Solarbranche. Und das begrenzt die Wachstumsperspektiven derzeit noch erheblich: Weil die Sonne nicht regelmäßig scheint, kann sie derzeit noch nicht als Lieferant für die Grundlast im Stromnetz herhalten. Das gleiche gilt übrigens für den Wind: Die beiden prominenten Vertreter der neuen Energien taugen momentan vor allem zum Ausgleich von Spitzenbelastungen. Erst wenn geeignete Speicher zur Verfügung stehen, können sie beispielsweise die Atomkraft vollständig ablösen, so die Experten.

Als Fazit bleibt für Anleger daher: Die Kursgewinne der deutschen Solaraktien in den vergangenen Tagen waren wohl etwas übertrieben. "Unserer Ansicht nach sind die Zuwächse nur teilweise gerechtfertigt", sagt auch Lacuna-Experte Hartauer.

Wer langfristig in Solarwerte investieren will, muss dagegen sehr genau hinschauen. Analyst Kitz von Merck Finck etwa glaubt, dass Solarworld gut für künftige Herausforderungen aufgestellt ist. "Solarworld hat Werke im wichtigen Markt der USA", sagt er. "Auch finanziell steht das Unternehmen solide da." Erst am gestrigen Donnerstag präsentierte Solarworld einen Rekordumsatz im vergangenen Jahr. Und auch Firmenchef Frank Asbeck hat die Zeichen der Zeit offensichtlich erkannt: Die Auslandsumsätze sollen künftig von derzeit 60 Prozent auf 75 Prozent weiter steigen.

Und abgesehen davon? Womöglich lohnt ein Blick auf den chinesischen Aktienmarkt.

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