Kurssprung nach US-Deal Telekom-Aktionäre im Freudentaumel

Die Deutsche Telekom verkauft ihre US-Tochter, und die Anleger frohlocken. Sie feiern das Ende des problematischen US-Geschäfts als Erfolg nach vielen frustrierenden Jahren. Aber Achtung: Der Deal könnte am Ende die Qualität der T-Aktie als Dividendenlieferant in Gefahr bringen.
T-Mobile-laden am Times Sqaure in New York: An AT&T verkauft

T-Mobile-laden am Times Sqaure in New York: An AT&T verkauft

Foto: dapd

Bonn/New York - Die Aktionäre haben ihr Urteil gefällt: Sie finden den Deal der Deutschen Telekom mit dem US-Konkurrenten AT&T richtig gut. Um mehr als 13 Prozent ging es mit dem Kurs der Telekom-Aktie am heutigen Montag nach oben - die meisten T-Aktien-Inhaber dürften sich gar nicht mehr daran erinnern, wie sich ein solcher Kurssprung anfühlt.

Auch die Analysten äußern sich mehrheitlich positiv über die geplante Transaktion, viele stuften das Magenta-Unternehmen spontan herauf. Die Unicredit etwa setzte die Aktie der Deutschen Telekom von "Hold" auf "Buy". Analyst Hugh McCaffrey von Goldman Sachs sprach gar von einem Kurspotenzial von 16 Prozent.

Der Tenor der Experten-Urteile ist klar: Mit der Aktion befreie sich die Telekom auf einen Schlag von ihrem schwächelnden US-Geschäft - und das zu einem sehr guten Preis. Mit rund 34 Millionen Kunden liegt T-Mobile USA auf Platz vier im US-Mobilfunkmarkt, und zwar mit sinkender Tendenz. Allein im Schlussquartal 2010 verlor das Unternehmen netto rund 320.000 Vertragskunden. Mit den Wettbewerbern Verizon Wireless (knapp 100 Millionen Kunden), AT&T (etwa 95 Millionen) und Sprint Nextel (50 Millionen Kunden) kann die Telekom-Tochter kaum noch mithalten.

Der Preis begeistert die Analysten

Zwei Gründe werden für die Misere genannt: Erst vergaß die Telekom rechtzeitig in ein hochwertiges Datennetz für mobiles Internet zu investieren. Dann hatte sie beim Exklusivvertrieb von Apples Iphone das Nachsehen - den sicherte sich in den USA vor vier Jahren AT&T. "Um langfristig wettbewerbsfähig zu sein, müsste die Telekom vermutlich fünf bis sieben Milliarden Dollar in die Infrastruktur investieren", sagt Equinet-Analyst Adrian Pehl. Hinzu kämen nach seinen Schätzungen bis zu zwei Milliarden Dollar für den Erwerb zusätzlicher Frequenzbereiche. "Da T-Mobile nur rund ein Drittel der Kunden von AT&T und Verizon hat, würden sich diese Investitionen erst vergleichsweise spät amortisieren."

Umso erfreulicher, dass ausgerechnet einer dieser Wettbewerber zur Lösung der Probleme beiträgt: Für 39 Milliarden Dollar (27,5 Milliarden Euro) will die Telekom ihre Tochter T-Mobile USA an AT&T veräußern. 25 Milliarden Dollar erhielte der Konzern in bar, den Rest in Form von Aktien. Die Telekom würde dadurch mit 8 Prozent zum größten Einzelaktionär am bisher zweitgrößten Mobilfunkanbieter der USA, der durch die Übernahme mit dann etwa 130 Millionen Kunden zur Nummer eins aufsteigen würde. Es müssen nur noch die Regulierungsbehörden zustimmen.

Vor allem der Preis, den die Telekom für die US-Tochter erzielt, begeistert die Experten. Nach Angaben von Unicredit-Analyst Thomas Friedrich liegen die vereinbarten 27,5 Milliarden Euro etwa sechs Milliarden Euro über dem von ihm geschätzten Unternehmenswert. Laura Janssens von der UBS schrieb, der Wert liege um etwa drei Euro je Aktie über ihrer Schätzung und circa 50 Prozent über der Markterwartung.

Nach Einschätzung von Heike Pauls von der Commerzbank gibt es zwar noch ein Restrisiko, dass der Deal an der Ablehnung der Wettbewerbsbehörden scheitern könnte. Die Chancen auf einen erfolgreichen Verkauf standen jedoch nie besser, so die Analystin. Kommt er zustande, hält sie einen Kurs von 13 Euro für vernünftig. Zum Vergleich: Auch nach dem Kurssprung heute notierte das Papier bei weniger als 11 Euro.

Bleibt die T-Aktie zuverlässiger Dividendenlieferant?

11 Euro, 13 Euro - wer dem Papier der Deutschen Telekom schon lange die Treue hält, kann über solche Beträge wohl nur lachen. Denn von seinen einstigen Höchstständen ist die Aktie damit immer noch weit entfernt. Für knapp 15 Euro kamen in den neunziger Jahren die ersten T-Aktien auf den Markt. Der Marketingaufwand seinerzeit war gewaltig - und die Enttäuschung der Anleger hinterher groß. Schauspieler Manfred Krug, der beim ersten Börsengang 1996 kräftig die Werbetrommel rührte, entschuldigte sich später sogar bei den frustrierten Investoren, die seiner Empfehlung gefolgt waren.

Dabei kamen die Anleger der ersten Stunde noch vergleichsweise glimpflich davon. Beim zweiten Börsengang 1999 verkaufte das Unternehmen seine Aktien zu einem Ausgabepreis von 39,50 Euro und nahm damit mehr als zehn Milliarden Euro ein. Ein Jahr später, bei der dritten Emission, mussten Anleger sogar 66,50 Euro berappen.

Die T-Aktie wurde auf diese Weise zur ersten "Volksaktie" in Deutschland, für die sich auch private Anleger begeisterten, die zuvor kaum am Aktienmarkt aktiv waren. Auf mehr als 50 Prozent steigerte der Konzern seinen Streubesitz. Als Großaktionäre blieben allerdings die staatseigene KfW Bank (17 Prozent) und der Bund (15 Prozent) im Boot. Zudem halten die Finanzinvestoren Blackstone (4,4 Prozent) und Blackrock (3,4 Prozent) nennenswerte Anteile.

Und anfangs entwickelte sich der Kurs für die Neuaktionäre auch überaus zufriedenstellend. Auf mehr als 100 Euro kletterte das Papier zu Beginn des Jahrtausends. Dann kam jedoch der jähe Absturz - und der hängt auch mit dem Engagement in den USA zusammen.

Abschreibungen, Verluste - und die Talfahrt der Telekom-Aktie

Denn der Erwerb von Voicestream, des Unternehmens also, aus dem später T-Mobile USA wurde, stand schon zu Beginn unter keinem guten Stern. Der Kaufpreis von fast 40 Milliarden Euro, den der seinerzeitige Telekom-Chef Ron Sommer für das Unternehmen zahlte, erwies sich als viel zu hoch. Die Folge waren Abschreibungen, Verluste - und die Talfahrt der Telekom-Aktie auf das heutige Kursniveau.

Immerhin: Bei Preisen von acht, neun oder zehn Euro erwies sich die Aktie in den vergangenen Jahren noch stets als verlässlicher Dividendenlieferant im Depot. Zahlen des Dienstleisters Bloomberg zufolge liegt die Dividendenrendite seit drei Jahren über 7 Prozent - mit steigender Tendenz.

Die Krux ist jedoch: Nach dem Megadeal in den USA könnte sich das ändern. Der Grund ist eine einfache Rechnung, die Analyst Tarkan Cinar von der WestLB aufmacht. "Grundlage für die Dividende von derzeit 70 Cent je Aktie ist der Free Cash Flow von 6,5 Milliarden Euro auf Konzernebene", sagt Cinar. "Nach dem Verkauf von T-Mobile USA entfallen jedoch etwa 1,8 Milliarden Euro Cash Flow, die die Tochter bisher beisteuerte." Übrig bleiben 4,7 Milliarden Euro. "Wenn weiterhin 3,2 Milliarden Euro für Dividenden aufgewendet werden, was bei 70 Cent je Aktie erforderlich ist, dann bleiben nur noch 1,5 Milliarden Euro Cash Flow übrig", sagt Cinar. "Für Aktivitäten zum Beispiel in Osteueropa könnte das ziemlich wenig sein."

Im Klartext: Der Analyst befürchtet, dass der Telekom künftig das Geld für Investitionen fehlt, wenn sie an der Dividendenpolitik festhält. In einer Analystenkonferenz sagte Telekom-Finanzvorstand Timotheus Höttges zwar heute morgen, an den Dividenden für 2011 und 2012 werde nicht gerüttelt. Doch was kommt danach.

Eine Möglichkeit ist, auch die künftige Beteiligung an AT&T in die Kalkulation einzubeziehen. Bisherigen Zahlen zufolge müssten von dort jährlich etwa 450 Millionen Euro in die Telekom-Kasse fließen. Experte Cinar ist jedoch skeptisch: "Das Unternehmen hat einen hohen Preis für T-Mobile USA gezahlt", sagt er. Auf eine nachhaltige Zahlung aus den USA, so der Analyst, sollte man in Bonn langfristig besser nicht vertrauen.

mit Nachrichtenagenturen

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