Dax-Geflüster Die Probleme von Eon und RWE mit Schwarz-Gelb

Die Atomwende in Berlin bescherte den Aktien von Eon und RWE starke Verluste. Zu starke, angesichts der nackten Fakten, meinen Analysten. Doch Schwarz-Gelb könnte noch Ungemach bereithalten. Und die langfristige Perspektive der Versorger ist ungewiss.   
Wie hältst du es mit schwarz-gelb, Schwarz-Gelb? Die Anleger fragen sich, welchen Atomkurs die Bundesregierung künftig einschlagen wird

Wie hältst du es mit schwarz-gelb, Schwarz-Gelb? Die Anleger fragen sich, welchen Atomkurs die Bundesregierung künftig einschlagen wird

Foto: dapd

Hamburg - War's das, oder kommt noch mehr? Die Frage stellt sich einmal mehr den Aktionären der Dax-Konzerne Eon und RWE. Seit Monaten erleben sie ein Wechselbad. Bis Frühjahr 2010 haussierten die Kurse, dann drehte sich das Blatt, unter anderem wegen der absehbaren Belastungen aus der neuen Brennelementesteuer. Die Folge waren Kursverluste von bis zu 30 Prozent.

Das gleiche Prozedere im neuen Jahr: Im Januar entdeckten die Anleger ihre Liebe zu den Energieriesen wieder. Die Kurse stiegen, bei Eon  auf mehr als 25 Euro, bei RWE  auf etwa 55 Euro. Dann kam Japan: Das Beben, der Tsunami - und die aufziehende Atomkatastrophe. In Berlin wich die Regierung gelenkig von ihrem umstrittenen Atomkurs ab - und für die Aktien der Versorger ging es erneut abwärts.

Inzwischen notiert das Papier von Eon bei rund 21 Euro. RWE ist unter die Marke von 43 Euro gerutscht. Allein seit dem Beben in Japan beträgt der Wertverlust beider Unternehmen etwa 10 Prozent.

Also, war es das, oder kommt noch mehr? Analysten sind sich beinahe einig: Gemessen an dem, was sich in den vergangenen Tagen tatsächlich am Umfeld und den Geschäftsaussichten der Konzerne geändert hat, sind die Kurse zu stark gefallen. Denn was ist passiert? Die Bundesregierung hat beschlossen die sieben ältesten deutschen Atommeiler für zunächst drei Monate vom Netz zu nehmen. Während dieser Zeit ruht zudem die vereinbarte Laufzeitverlängerung aller 17 deutschen Kernkraftwerke. Sie sollen einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden, heißt es in Berlin.

Die positiven Argumente überwiegen

Abgesehen davon, dass der Alleingang von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Werke abzuschalten und dabei zunächst den Bundestag zu umgehen, juristisch angezweifelt wurde. Einen Wertverlust der beteiligten Konzerne von 10 Prozent rechtfertigt er nach Einschätzung vieler Analysten nicht.

"Die Anleger sehen derzeit lediglich die Seite der negativen Auswirkungen durch das Wegfallen von Umsätzen aus den abgeschalteten Reaktoren", sagt etwa Patrick Hummel von der UBS. "Ein weiterer Effekt dieser Maßnahme, nämlich der steigende Strompreis, wird kaum zur Kenntnis genommen." Allein seit das Moratorium für die Laufzeitverlängerung bekannt wurde ist der Preis an der Strombörse in Leipzig um rund 10 Prozent gestiegen, so Hummel. "Das steigert die Gewinnmargen der Versorger", sagt der Analyst.

Hinzu kommt: Auch die Entwicklung am Gasmarkt spielt den Energiekonzernen derzeit in die Karten. Denn der Gaspreis am Spotmarkt, an dem sich auch die Verkaufspreise von Eon und RWE orientieren, ist zuletzt ebenfalls deutlich gestiegen. Gleichzeitig sorgt der sinkende Ölpreis für Entlastung auf der Einkaufsseite, wo die Versorger vielfach noch an Konditionen aus der Zeit der festen Gas-Öl-Koppelung gebunden sind. "Der so genannte Gas-To-Oil-Spread wird zurzeit immer geringer", sagt Sebastian Kauffmann, Analyst bei Cheuvreux Germany. "Für die Versorger ist das ein immenser Vorteil."

Insgesamt wiegen diese positiven Argumente die negativen mehr als auf, so die Analysten - aber die Kurse steigen trotzdem kaum. Der Grund liegt offenbar vor allem in der Ungewissheit darüber, wie es mit der Atompolitik in Berlin weitergeht. Was will Schwarz-Gelb, fragt sich die Börse - auch in ihrer Regierungserklärung am Donnerstag gab Kanzlerin Merkel im Bundestag keine klare Antwort darauf. "Die Politik stellt im Moment den größten Risikofaktor im Markt da", sagt Analyst Kauffmann. "Viele Anleger befürchten offenbar noch drastischere Einschnitte für die Versorger."

Die drei möglichen Zukunftsszenarien

Nüchtern betrachtet sind vor allem drei Szenarien denkbar. Nummer eins: Nach dem Laufzeitmoratorium von drei Monaten hat sich das Geschehen beruhigt und - vielleicht wichtiger noch - die meisten Landtagswahlen sind gelaufen. Die Regierung könnte zum alten Kurs zurückkehren, die Laufzeitverlängerungen also wieder in Kraft setzen - alles wäre wie zuvor. Diese Alternative wäre aus Sicht der Investoren vermutlich am angenehmsten für die Unternehmen - sie erscheint den Anlegern aber offenbar zurzeit nicht sehr wahrscheinlich.

Szenario zwei: Der Druck der Öffentlichkeit hält an, Berlin sieht sich zu drastischen Schritten gezwungen und setzt womöglich einen Ausstieg aus der Kernenergie in Gang, der das Tempo, das 2000 von Rot-Grün im Atomkonsens mit der Energiewirtschaft vereinbart wurde, sogar noch übersteigt. Für die Aktionäre wäre das wohl der schlechteste Fall, denn beispielsweise die Brennelementesteuer würde die Unternehmen weiterhin belasten, Einnahmen aus den längeren Laufzeiten, die Analysten zufolge vor allem in späteren Jahren, ab 2017 also, zum Tragen kämen, fielen jedoch in der Rechnung weg. Die Kursentwicklung der vergangenen Tage lässt vermuten, dass die Investoren diese Variante nicht ausschließen.

Die dritte Möglichkeit ist ein Mittelweg: Die umstrittene Laufzeitverlängerung, die in den vergangenen Monaten schon tausende Demonstranten auf die Straßen trieb, wird wieder einkassiert, Schwarz-Gelb kehrt zurück auf die Linie, die einst von Rot-Grün vorgegeben wurde. Das würde bedeuten, dass von den jetzt abzuschaltenden sieben Atomkraftwerken mindestens vier wieder ans Netz gehen könnten. Lediglich Neckarwestheim würde ziemlich sicher nicht mehr hochgefahren. Für die Werke Biblis 1 und Isar 1 stünde das Aus kurz bevor.

Eine Ungewissheit bleibt

Die Anleger erwarten diese Entwicklung offenbar nicht, andernfalls wären die Kurse nicht so weit in den Keller gerauscht. Für Analyst Peter Wirtz von der WestLB ist dies aber der wahrscheinlichste aller Fälle. "An der Börse ist zurzeit eingepreist, dass alle sieben Meiler abgeschaltet bleiben", sagt Wirtz. "Ich erwarte für die betroffenen Werke aber eher eine Rückkehr zur alten Ausstiegsstrategie von Rot-Grün."

Doch ganz gleich, wie es mit der Atompolitik weitergeht, eine Ungewissheit bleibt: Sind die Versorger überhaupt zukunftsfähig aufgestellt? Zweifel scheinen angebracht. Eon etwa steckt mitten im Konzernumbau. Schulden müssen abgebaut, Beteiligungen zurückgefahren und neue Geschäftsfelder erschlossen werden. Ein Erfolg ist noch längst nicht abzusehen.

Beim Thema neue Energien sind Eon und RWE zwar spät aufgewacht. Analysten zufolge sind die deutschen Konzerne dort aber im internationalen Vergleich inzwischen vergleichweise gut aufgestellt. Doch reicht das für die erhofften Marktanteile, Umsätze und Gewinnmargen in den kommenden Jahren?

"Der Wandel im Energiemarkt wird dazu führen, dass die deutschen Versorger zurückfallen", sagt ein Analyst zu manager magazin. "Denn einerseits können sie die erforderlichen Investitionen zum Beispiel für internationale Netzkapazitäten nicht alleine stemmen. Und andererseits sind die Kosten pro Einheit produzierten Stroms zum Beispiel bei der Solar- und Windkraftnutzung deutlich höher, als etwa bei der Kernenergie."

Beides werde den Konzernen zu schaffen machen, so der Experte. Zudem treten beim kleinteiligen Geschäft mit Windparks und Photovoltaikanlagen neue Wettbewerber auf den Plan: Finanzinvestoren, Stadtwerke, Privatanleger. Sie alle werden ihr Stück vom Kuchen beanspruchen. Für die etablierten Energiekonzerne wird dann möglicherweise nicht mehr so viel übrig sein.

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