Atompolitik Merkel löst Strompreisrally aus

Die Strompreise an der Leipziger Energiebörse spielen verrückt. Auch die Kurse für CO2-Zertifikate ziehen an. Experten führen die Preisrally mit darauf zurück, dass Kanzlerin Merkel bei sieben AKW den Stecker zieht. Das könnte Unternehmen und Verbraucher noch teuer zu stehen kommen.
Preisrally in Leipzig: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Sommer 2010 die Energiebörse EEX besuchte, ahnte sie noch nicht, dass sie gut ein halbes Jahr später unter dem Eindruck der Atomkrise in Japan deutsche AKW vom Netz nehmen würde

Preisrally in Leipzig: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Sommer 2010 die Energiebörse EEX besuchte, ahnte sie noch nicht, dass sie gut ein halbes Jahr später unter dem Eindruck der Atomkrise in Japan deutsche AKW vom Netz nehmen würde

Foto: Jan Woitas/ dpa

Hamburg - Der Blick auf den Bildschirm lässt selbst einen Kenner wie Elmar Thyen innehalten. "Das geht jetzt ab hier", entfährt es dem Sprecher der Aachener Energiehandelsgesellschaft Trianel, als die Eilmeldung über die Schließung von sieben Atomkraftwerken in Deutschland über den Monitor flimmert. Die Preise für CO2-Verschmutzungsrechte an der Leipziger Energiebörse EEX ziehen sprunghaft an. Auch die Preise für Strom-Terminkontrakte machen noch einmal einen Satz nach oben.

Was sich hier auf dem Bildschirm abzeichnet, könnte Unternehmen und Verbraucher in diesem Jahr noch teuer zu stehen kommen.

Kostete am vergangenen Freitag die Megawattstunde Strom zur Lieferung im zweiten Quartal noch rund 50 Euro, schnellte der Preis am Dienstag in der Spitze auf rund 62 Euro in die Höhe. In etwa um den gleichen Betrag verteuerten sich Kontrakte zur Lieferung im kommenden Jahr und für das Jahr 2013. Unternehmen, die jetzt noch Strom für das zweite Jahresviertel benötigen, müssten also deutlich tiefer in die Tasche greifen.

"Wir gehen davon aus, dass sich die Megawattstunde im Jahresmittel zwischen sieben und zehn Euro verteuern wird", sagt Tobias Federico, Chef des auf die Energiewirtschaft spezialisierten Analysehauses Energy Brainpool im Gespräch mit manager magazin. Weil der Großhandelspreis für Endverbraucher aber nur einen Teil des Strompreises ausmacht und die Stromversorger die höheren Beschaffungskosten nicht eins zu eins an den Endverbraucher weiterreichen könnten, dürfte die KKW-Stillegung die Privathaushalte vermutlich mit einem um 7 Prozent höheren Strompreis belasten, schätzt Federico.

Überkapazitäten im zweistelligen Gigawattbereich im deutschen Markt

Dabei wird die Entscheidung, sieben ältere Meiler vorerst für drei Monate vom Netz zu nehmen, zu keinem Zeitpunkt zu einem Stromengpass führen, versichert die Bundesregierung. Zahlreiche Kraftwerke, die den Strom zwar teurer produzieren als Kernkraftwerke, könnten jederzeit zugeschaltet werden. "Es gibt derzeit Überkapazitäten im zweistelligen Gigawattbereich im deutschen Markt. Gehen die sieben Meiler vom Netz, werden wir das nicht spüren", sagt auch Thyen.

Der Preissprung an der Börse, der Unternehmen und Verbraucher über kurz oder lang einholen wird, sorgt daher auch für Kritik.

"Fundamental ist dieser Preisanstieg nicht zu rechtfertigen. Der Markt wird durch Spekulation bewegt. Wir haben erhebliche Überkapazitäten in Deutschland, so dass der Ausfall der in Rede stehenden Kraftwerke voll kompensiert werden kann", sagt Ben Schlemmermeier, Chef der LDB-Beratungsgesellschaft in Berlin.

Marktbeobachter erklärten gegenüber manager magazin, dass Händler ein geringeres Angebot und damit steigende Strompreise erwarten. Sie deckten sich bereits jetzt zu günstigeren Beträgen massiv ein. Das Handelsvolumen an der EEX für Terminkontrakte stieg nach Angaben der Börse bis zum Nachmittag auf etwa das Dreifache eines herkömmlichen Handelstages.

Folgt man den Experten, üben eine ganze Reihe von Faktoren Einfluss auf den Strompreis aus. Auch der Ausfall der Atomkraftwerke in Japan trägt indirekt dazu bei, wie Thyen im Gespräch mit manager magazin erläutert. Um die Stromversorgung sicherzustellen, muss das Land jetzt deutlich mehr Kohle und Gas zur Stromerzeugung importieren, was den Weltmarktpreis dieser Rohstoffe mit in die Höhe treibt. Damit verteuere sich auch die Stromproduktion hiesiger Kohle- und Gaskraftwerke.

Kehrtwende in der Atompolitik wird die Unternehmen belasten

Angesichts der Tatsache, dass mit dem Laufzeit-Moratorium für die älteren Kernkraftwerke im zweiten Quartal rund 7000 Megawattstunden aus dem Strommarkt genommen werden, dürften die Kapazitäten der teurer produzierenden Kohle- und Gaskraftwerke verstärkt nachgefragt werden. Kohle- und Gaskraftwerke müssen aber kostspielige Zertifikate für ihren Ausstoß des Klimakillers CO2 kaufen, was ihre Produktionskosten und somit den Strompreis zusätzlich klettern lässt.

Thyen schätzt, dass durch die dreimonatige Stilllegung der AKW zusätzliche Verschmutzungsrechte für rund zehn Millionen Tonnen CO2 erforderlich sind, um die Kapazitäten der Kernkraftwerke durch Kohle- und Gaskraftwerke abzufangen. In der Konsequenz steigen die Preise für die Verschmutzungsrechte in die Höhe. Die CO2-Preise erreichten am Dienstag den höchsten Stand seit zwei Jahren.

Und noch ein Umstand treibt die Preise an der Strombörse: Da die KKW-Betreiber ihre Strommengen in der Regel bis zu drei Jahre im Voraus am Terminmarkt verkaufen, wird der Großhandelsmarktpreis durch Ersatzbeschaffungen zusätzlich verteuert. "Obwohl die KKW-Kapazitäten wegfallen, bleiben die Lieferverpflichtungen bestehen. Die KKW-Betreiber müssen dann den Strom am Großhandelsmarkt zu gestiegenen Preisen zurückkaufen", sagt Experte Federico.

Unternehmen sitzen jetzt in der Klemme

Ob es sich bei den Preissteigerungen an der Energiebörse Leipzig nur um einen kurzfristigen Effekt handelt oder die Preise nachhaltig anziehen, sei nur schwer einzuschätzen, sagen die Experten. Dies dürfte vor allem davon abhängen, ob die sieben KKW nach Ablauf der drei Monate abgeschaltet bleiben oder nicht.

Letzteres, also ein Wiederhochfahren alter Kernkraftwerke, halten politische Beobachter im derzeitigen Umfeld kaum für durchsetzbar.

Die erneute Kehrtwende der schwarz-gelben Koalition in der Atompolitik dürfte die Energiekosten für Deutschlands Unternehmen also nach oben schrauben. Damit stellt sich für viele Firmen die Frage, ob sie ihren künftigen Strombedarf schon jetzt zu wahrscheinlich noch niedrigeren Preisen einkaufen sollten. Einen pauschalen Rat geben die Experten hier nicht. "Das hängt von der Risikostragie des einzelnen Unternehmens ab", sagt Thyen. Firmen, die es sich bei der Strombeschaffung leisten könnten, auf niedrigere Preise zu spekulieren, würden vermutlich noch abwarten, andere sollten es dagegen nicht.

Große Industrieunternehmen dürften ihren Strombedarf für das laufende Jahr ohnehin bereits gedeckt haben, sagt Schlemmermeier im Gespräch mit manager magazin. Seien dagegen einzelne große Positionen für 2011 noch nicht geschlossen, also ein Teil des Energiebedarfs nicht gedeckt, sollten die Firmen jetzt möglichst zeitnah Strom kaufen. Bei Terminkontrakten für 2012 oder gar 2013 sollten die Unternehmen aber vorsichtig zu Werke gehen, denn je weiter entfernt ein Bezugszeitraum liegt, desto stärker steigt das damit verbundene Risiko.

Letztlich, erklärt Thyen, glichen weit in die Zukunft ragende Prognosen für den Strompreis immer einem Blick in die Glaskugel. Wie stark schließlich Unternehmen und Konjunktur unter höheren Strompreisen leiden werden, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Das sei derzeit nicht zu beurteilen, hält sich auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft vorsichtig zurück.

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