Kursrutsch an der Börse "Die Märkte werden sich wieder stabilisieren"

Die Ereignisse in Japan lassen auch hierzulande die Börse einbrechen. Doch ist der Bullenmarkt der vergangenen Monate wirklich endgültig am Ende, oder ist die Korrektur bald überstanden? Anleger stehen vor vielen offenen Fragen - manager magazin hat drei Kapitalmarktexperten um Antworten gebeten.
Besorgter Blick: Auch auf dem Frankfurter Parkett bestimmen die Ereignisse in Japan das Geschehen

Besorgter Blick: Auch auf dem Frankfurter Parkett bestimmen die Ereignisse in Japan das Geschehen

Foto: dapd

mm: Welche Auswirkungen aus der katastrophalen Entwicklung mit dem Erdbeben, dem Tsunami und dem nun drohenden Atom-GAU folgen für die japanische Wirtschaft?

Kunihiko Sugio: Die Folgen eines drohenden Atom-GAUs sind kaum abzuschätzen. Davon abgesehen wird schon allein das Erdbeben in nächster Zeit negative Auswirkungen auf die japanische Wirtschaft haben. Zu rechnen ist mit geringerem privatem Konsum während der nächsten zwei Quartale. Wir erwarten zudem Beeinträchtigungen beim produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor im ganzen Land. Die Logistik spielt eine entscheidende Rolle und die Infrastruktur ist stark getroffen, vor allem in der nordöstlichen Region.

Markus Zschaber: Meiner Meinung nach wird Japan nach diesen Ereignissen seine Wirtschaftskrise definitiv nicht überwinden. Man darf schließlich die hohe Staatsverschuldung nicht außer Acht lassen, die schon jetzt bei bei 200 Prozent bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt liegt. Durch die aktuellen Belastungen dürfte sie weiter steigen.

Kunihiko Sugio: Hilfreich ist möglicherweise ein Vergleich mit dem verheerenden Erdbeben im Januar 1995 in der Hafenstadt Kobe. Der wirtschaftliche Effekt war seinerzeit trotz der dramatischen humanitären Folgen nur vorübergehend. Zwar erscheint die Verwüstung diesmal größer als seinerzeit. Doch Kobe war einer der wichtigsten Industriehäfen Japans. Und damals wurde der Rückgang der wirtschaftlichen Leistung durch die folgende Erholung mehr als wettgemacht. Wir erwarten diesmal einen ähnlichen ökonomischen Pfad, der allerdings möglicherweise deutlich größere Wiederaufbaumaßnahmen erfordern wird.

mm: Wird es auch in Deutschland und dem Rest der Welt wirtschaftliche Auswirkungen geben?

Markus Zschaber: Auf Deutschland wird sich das Ganze nicht sehr stark auswirken. Deutschland und Japan sind nur schwache Handelspartner. Die Einfuhren aus Japan nach Deutschland liegen unter 3 Prozent, die Ausfuhren dorthin unter 2 Prozent.

Hannah Cunliffe: Wir gehen nicht davon aus, dass sich mittelfristig bedeutende negative Auswirkungen für die Weltkonjunktur ergeben werden, sondern dass der selbst tragende globale Aufschwung intakt bleibt, zumal es sich in der Vergangenheit gezeigt hat, dass zu Beginn eines derartigen Desasters das ökonomische Ausmaß meist überschätzt wird. Darüber hinaus ist Japan im aktuellen Konjunkturaufschwung kein maßgeblicher Wachstumsträger.

mm: In Tokio gab es an den vergangenen zwei Tagen Kursstürze, auch am deutschen Aktienmarkt stehen die Kurse heute heftig unter Druck. Ist dies das endgültige Aus für den Bullenmarkt, den wir seit Monaten verfolgen?

Markus Zschaber: Das glaube ich nicht. Kapitalmärkte reagieren meistens sehr sensibel, wenn sie mit Herausforderungen konfrontiert werden, die bis dato noch nicht vorhanden waren. Und eine Kernschmelze in Japan sowie ein Erdbeben dieses Ausmaßes sind ohne Zweifel solche Ereignisse. Wichtig ist aber in diesem Zusammenhang die Stabilität der weltweiten Konjunktur - und die ist schlüssig, trotz geopolitischer Unruhen. Die Märkte dürften sich daher in den nächsten Tagen wieder stabilisieren.

Kunihiko Sugio: So ist es. Typischerweise steigt unmittelbar nach einem solchen Schock die Unsicherheit bei den Investoren und damit auch die Volatilität im Markt. Das ist diesmal offensichtlich nicht anders. In den kommenden Monaten werden die Anleger die fundamentalen Auswirkungen aber genauer beurteilen können.

mm: Wie wird sich die Katastrophe auf die einzelnen Branchen in Japan auswirken?

Kunihiko Sugio: Zu den Unternehmen, die an der Börse zurzeit die größten Verluste verbuchen, zählen die Versicherer und die Versorgungsunternehmen. Papiere aus dem Bausektor dagegen verzeichnen zum Teil sogar Kursgewinne. Wie schon erwähnt neigen die Anleger unmittelbar nach derartigen Schockereignissen jedoch zu Überreaktionen. Es ist also möglich, dass viele Unternehmen derzeit nicht ganz korrekt bewertet sind.

mm: Was sollen Anleger jetzt tun?

Markus Zschaber: Wir raten den Anlegern jetzt nicht voreilige Verkaufsentschlüsse umzusetzen, denn die Kapitalmärkte werden sich nach den zunächst psychologischen Abwertungen in den kommenden Tagen wieder stabilisieren, sicherlich werden die größten Erholungskandidaten diejenigen sein, die mit einem soliden operativen Geschäftsmodell, breit strukturierten Absatzmärkten und hoher Produktdurchdringung sowie gesunden Cash-Flows aufgestellt sind.

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