Finanzmärkte und das Beben Vergleich mit Kobe soll Märkte beruhigen

Die Aktienmärkte weltweit reagieren verunsichert auf die Ereignisse in Japan. Könnte die Katastrophe den globalen Aufschwung stoppen? Experten glauben eher an eine rasche Erholung - und ziehen als Orientierung das Beben in der Hafenstadt Kobe im Jahr 1995 heran. Doch der Vergleich hinkt.
Beschädigter Reaktor in Fukushima: Gelingt es, die nukleare Katastrophe abzuwenden?

Beschädigter Reaktor in Fukushima: Gelingt es, die nukleare Katastrophe abzuwenden?

Foto: REUTERS/ Kyodo

Hamburg - Ein Kurssturz in Tokio, die europäischen Börsen unter Druck - weltweit sind Anleger verunsichert über die weiteren Auswirkungen der Ereignisse in Japan. Wie wird die Wirtschaft dort die Katastrophe wegstecken? Und wie wird dies die Aktienmärkte in nächster Zeit beeinflussen?

Denkbar sind zwei Szenarien, abhängig davon, wie sich die Situation in den japanischen Atomkraftwerken weiter entwickelt. Gleich mehrere Meiler haben durch das schwere Erdbeben sowie die folgende Flutwelle erhebliche Schäden davongetragen. Im Kraftwerk Fukushima I kam es bereits wiederholt zu Explosionen. Eine verhängnisvolle Kernschmelze ist dort möglicherweise bereits im Gange.

"Im schlimmsten Fall droht ein Supergau, eine nukleare Explosion also, nach der die Radioaktivität womöglich Tokio und andere Regionen Japans sowie weiterer Länder bedroht", sagt Lilian Haag, Japan-Fondsmanagerin bei der DWS.

Davon möchte die Expertin jedoch nicht ausgehen. "Die zweite Variante, die hoffentlich eintreten wird, ist, dass die Probleme in den Reaktoren einigermaßen unter Kontrolle bleiben und die Kontamination regional beschränkt bleibt", sagt Haag. "In dem Fall wären die Folgen der Katastrophe zumindest beherrschbar."

Laut Haag würden dann wohl zunächst die Wirtschaft und auch die Märkte weiter unter Druck geraten. Nach einigen Wochen wäre jedoch mit einer Erholung zu rechnen. Vermutlich werden die Regierung und die Notenbank zur Stützung der Wirtschaft Maßnahmen ergreifen, so die Expertin. Eine erste wurde bereits bekannt gegeben: Die Bank of Japan pumpte nach einer Eilentscheidung am Montag die Rekordsumme von etwa 132 Milliarden Euro in die Wirtschaft.

Rasche Erholung nach Erdbeben in Kobe 1995

Eine vergleichsweise rasche Erholung gelang auch nach dem schweren Erdbeben in der japanischen Hafenstadt Kobe im Jahr 1995, das von vielen Experten zum Vergleich zur aktuellen Situation herangezogen wird. Die US-Bank J. P. Morgan etwa rechnet vor: Die aktuell vom Erdbeben und dem Tsunami betroffene Region habe eine Bevölkerung von etwa 4,5 Millionen Menschen und liefere etwa 3,5 Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Gebiet rund um Kobe und Osaka, das vor 15 Jahren den Naturgewalten zum Opfer fiel, lebten dagegen etwa 14,5 Millionen Menschen. Es liefere rund 6 Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung.

1995 geriet die japanische Wirtschaft einige Monate lang unter Druck, konnte sich dann aber berappeln. Ebenso war es an den Märkten: Einem abrupten Kursrutsch um 20 Prozent innerhalb von zwei Monaten folgte eine gründliche Erholung. Ist dies auch diesmal zu erwarten?

Viele Experten glauben daran. "Wir rechnen mit einer Korrektur, die möglicherweise noch einige Tage anhalten wird", sagte beispielsweise Seiichiro Iwasawa, Chef-Aktienstratege bei der Bank Nomura, am Montag in einer eilig anberaumten Telefonkonferenz. "Grundsätzlich bleiben wir aber bullish für den japanischen Aktienmarkt."

Dieser Optimismus setzt jedoch voraus, dass sich der Atomunfall im japanischen Fukushima nicht zu einer nuklearen Katastrophe für Japan ausweitet - mit unabsehbaren Folgen für das Land und für die Märkte.

Verhalten klingt das Statement der französischen Bank Société Générale . Keine Meldung kann dem japanischen Leitindex Nikkei zurzeit kurzfristig helfen, schreiben deren Analysten. Massives Eingreifen der Notenbank sowie eine günstige Bewertung könne es jedoch durchaus.

Rekordverschuldung in Japan - droht der Staatsbankrott?

Verhaltener Optimismus also für die japanische Börse. Und wie sieht es darüber hinaus aus? Zwar gerieten auch in Europa die Märkte am Montag unter Druck. In Frankfurt etwa notierte der Dax am Nachmittag mehr als 1 Prozent im Minus, heruntergezogen vor allem von den Papieren der Versicherer und der Versorger.

Insgesamt erwarten Experten jedoch eher geringe Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. So furchtbar die Flutkatastrophe sei und so unsicher sich die weitere Entwicklung in japanischen Atomkraftwerken darstelle, das Ganze bleibe doch ein regionales Problem, sagte etwa Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, im Interview mit manager magazin.

"Wir gehen nicht davon aus, dass sich mittelfristig bedeutende negative Auswirkungen für die Weltkonjunktur ergeben werden, sondern dass der selbst tragende globale Aufschwung intakt bleibt", heißt es auch in einer Einschätzung von Hannah Cunliffe, Japan-Fondsmanagerin bei Union Investment.

Bleibt noch ein Problem: Der japanische Staatshaushalt dürfte durch zusätzliche Konjunkturstützen weiter in Schieflage geraten. Schon jetzt belasten Schulden in Höhe von etwa 200 Prozent des BIP den Staat. Für den aktuellen Haushalt erwartet die Société Générale zudem eine Neuverschuldung von 8 Prozent des BIP.

Werden die Ratingagenturen also in Kürze über dem Inselstaat und dessen Anleihen den Finger senken? Nicht unbedingt. Nach Ansicht der französischen Bank steckt Japan schon so tief im Schuldensumpf, dass die nun bevorstehenden Belastungen an der Kreditwürdigkeit des Landes auch nicht mehr viel ändern dürften.

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