Dax-Geflüster Aktien sind riskant, Anleihen riskanter

Der Dax ist unter Druck - doch was sind die Alternativen zu Aktien? Etwa Anleihen? Selbst Bond-Gurus wie Bill Gross winken ab. Trotz politischer Risiken, Schuldenkrise und steigender Inflationsgefahr bleiben viele Investoren der Aktie treu - obwohl sie deren Risiken genau kennen.
Von Arne Gottschalck
Kursrutsch: Die Indizes sind unter Druck. Dennoch geht die Mehrheit der Privatanleger laut DZ Bank davon aus, dass die Kurse im nächsten halben Jahr wieder steigen werden

Kursrutsch: Die Indizes sind unter Druck. Dennoch geht die Mehrheit der Privatanleger laut DZ Bank davon aus, dass die Kurse im nächsten halben Jahr wieder steigen werden

Foto: Michael Probst/ AP

Hamburg - Das hat gesessen. Bill Gross, Chef des weltgrößten privaten Anleiheninvestors Pimco, mag keine Anleihen mehr, zumindest nicht jene aus den USA. Sein Total Return Fonds, immerhin 237 Milliarden Dollar schwer, hat alle Bestände an US-Staatsanleihen verkauft. Das ist in etwas so, als wenn Franz Beckenbauer erklären würde, dem Fußball abzuschwören zu wollen. Die Aussagen von Gross, der zu den weltweit renommiertesten und einflussreichsten Anleiheexperten zählt, zu den Risiken von US-Bonds wirken wie Donnerhall.

Schon früher hat Gross die Politik der US-Zentralbank getadelt. Und einen Kurssturz der US-Anleihen vorhergesagt, sobald die Fed aufhöre, deren Kurse über Anleihenkäufe zu stützen. Das US-Finanzministerium begibt Anleihen, die die US-Notenbank aufkauft - diese Politik vergleicht Gross polemisch mit einem Schneeballsystem a la Bernie Madoff. "Wer wird demnächst noch US-Staatsanleihen kaufen, wenn die Fed es nicht tut?", fragt Gross in seinem Ausblick.

Etwas dezenter fasst es Tim Haywood in Worte, der bei der Fondsgesellschaft GAM als Investmentdirektor arbeitet. Die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken in den Kernwirtschaften leide, weil es inzwischen mehr Hinweise auf eine allgemeinen Preisanstieg gäbe, ohne dass die Geldpolitik gestrafft werde. Im Klartext: Investoren fürchten, dass die Inflation außer Kontrolle gerät.

Vielen Investoren fehlen die Alternativen zu Aktien

Je geringer die Renditen und je größer die Risiken bei Anleihen, desto attraktiver erscheinen deren Gegenpart Aktien. Das Geld muss schließlich irgendwo investiert werden - und wer sich nicht auf Unternehmensanleihen oder Hochzinspapiere verlassen will, landet dann bei Dividendentiteln. Trotz all der Turbulenzen, die derzeit die weltweiten Aktienmärkte durchrütteln.

Belastend für Staatsanleihen ist auch die Schuldenmisere, die ja beileibe kein amerikanisches Spezifikum ist. Portugal zum Beispiel muss den Käufern seiner zweijähriger Staatsanleihen eine Durchschnittsrendite von fast 6 Prozent zahlen. Bei der letzten Runde waren es nur knapp über 4 Prozent. Die Ratingagentur Moody's stufte erst am Donnerstag Spanien ab, wie sie es vor wenigen Tagen auch bei Griechenland gemacht hat. Die griechische Regierung protestierte und nannte die Einschätzung "völlig ungerechtfertigt". Eine "Tragödie", nennt es das britische Investmenthaus Integral Asset Management in einem Bericht.

Irland wiederum bekniet die Europäische Union, doch bitte die Zinslast für seinen Hilfskredit zu senken. Und am Freitag wird sich ein weiteres Treffen unter Politikern der Krise annehmen. Kein gutes Umfeld zur Anleihenanlage.

Das scheint auch die schweigende Mehrheit an der Börse so zu sehen. Denn trotz der jüngsten Turbulenzen fließt Aktienprodukten viel Geld zu. Seit Anfang 2011 verzeichnete zum Beispiel ein Exchange Traded Fund (ETF) auf den S&P 500, der iShares S&P 500 aus dem Hause Blackrock, Nettomittelzuflüsse von mehr als einer Milliarde US-Dollar - also ohne Wertsteigerungen in Rechnung zu stellen. Damit bündelt der Fonds 9,2 Milliarden US-Dollar und ist größter ETF Europas. Und es lassen sich Gründe für diese Zuversicht finden.

Umfeld für deutsche Exportunternehmen bleibt gut

Europäische Aktien zum Beispiel hätten hervorragende Aussichten, sagte William Davies erst im Februar. Er verantwortet die Verwaltung europäischer Aktien bei Threadneedle. Und dabei schaut er nicht nur auf die Aktien deutscher Exportunternehmen, bislang die Standardantwort auf die Frage nach den Profiteuren der Krise. "Wir beabsichtigen, uns zunehmend auf Unternehmen zu konzentrieren, die von einer starken Binnennachfrage in den wachstumsstärkeren Ländern der Eurozone - Deutschland und die nordischen Länder - profitieren werden. So dürfte Metro  (…) aus der wachsenden Inlandsnachfrage Kapital schlagen können, da das zunehmende Konjunkturvertrauen die deutschen Konsumenten spendabler werden lässt."

Gregor Hirt vom Konkurrenten Schroders ergänzt: "Verglichen zum Rest der Welt haben wir unsere relativen Anteil deutscher und europäischer Akzien erhöht, besonders im Vergleich zu den Emerging Markets."

Die Risiken sind natürlich da. Auch Davies sieht sie. Zum Beispiel die Verschuldung einiger Euro-Länder - siehe oben. "Während der ersten sechs Monate in diesem Jahr dürften sich die Anleger wieder auf die Staatsverschuldung konzentrieren. Sowohl Regierungen als auch Banken der Peripherieländer werden Neuemissionen platzieren. Allerdings könnten die Zweifel über die Eurozone durchaus nachlassen und der Ausblick für die europäischen Volkswirtschaften dürfte sich deutlich verbessern, sollten diese Neuemissionen in der ersten Jahreshälfte 2011 auf ein positives Echo stoßen."

"Giftiger Coctail" für die Märkte

Auch beim Stichwort Öl sind Anleger dünnhäutig geworden. Warum, liegt auf der Hand. "Wir bewegen uns auf einen Kipppunkt zu", schreibt GAM-Mann McNamara. "Es gibt eine weit verbreitete Meinung, dass ab einem Preis von 120 Dollar je Barrel der Punkt erreicht ist, wo Öl eine deflationäre Kraft entfalten kann, weil es das Wachstum belastet. Und historisch ist es so, dass in jenen Fällen, in denen sich ein Ölpreis, der sich in 8 Monaten verdoppelt hat - so wie jetzt - dazu neigt, ein Indikator für eine Rezession zu sein".

Einen "giftigen Cocktail" nennt Marktstratege David Buik von BGC Partners die Kombination der Unruhen in Libyen und ihrer Folgen für den Ölpreis auf der einen und die europäische Schuldenkrise auf der anderen Seite.

Es klingt alles so gar nicht nach einem Goldilock-Szenario für Aktien, einem idealen Umfeld. Nur - was sind die Alternativen? "Die Dividendenrendite von Aktien liegt immer noch deutlich über der Anleihenrendite", sagt de Jörg de Vries-Hippen, bei RCM für die europäischen Aktien zuständig, schon fast trotzig. Und solange die Aktienmärkte liquide bleiben, dürften sie für viele Aktionäre derzeit erste Wahl bleiben. Nicht unbedingt aus lauterer Überzeugung, sondern unter dem Druck jenes Gelds, das Investoren wie Pensionskassen oder Fonds ihrerseits eingesammelt haben. Die Aktie, sie ist der Einäugige unter den Blinden. Die Hausse nährt die Hausse - noch.

Pimco zumindest kann es egal sein. Denn das Haus verkauft seinen Kunden auch Aktienfonds.

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Starinvestoren: Wie Buffett, Faber und Bill Gross über Anleihen denken

Foto: epa Cavanaugh/ picture-alliance/ dpa
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