Geldhäuser Wie Coco-Bonds Banken stärken

Coco-Bonds, ein neuer Typ von Pflichtwandelanleihen, können die Kapitalausstattung von Finanzinstituten für den Fall einer Krise substantiell stärken. Das Bundesministerium der Justiz ebnet für Coco-Bonds nun den Weg.
Von Josef Broich und Manuel Nodoushani
Warten auf Coco-Bonds: Banken können ihre Eigenkapitalausstattung verbessern, indem sie Wandelanleihen ausgeben, die sich im Fall einer Krise in Aktien umwandeln lassen

Warten auf Coco-Bonds: Banken können ihre Eigenkapitalausstattung verbessern, indem sie Wandelanleihen ausgeben, die sich im Fall einer Krise in Aktien umwandeln lassen

Foto: A3471 Boris Roessler/ dpa

Die noch lange nicht bewältigte Finanzmarktkrise hat gezeigt, dass die Eigenkapitalausstattung vieler Banken unzureichend war. Bei vielen Instituten von systemischer Bedeutung ist sie es nach wie vor - und dies bereits vor der Verschärfung durch Basel III bzw. regulatorischen Schritten der nationalen Gesetzgeber.

Eine Möglichkeit, die Eigenkapitalausstattung gerade zur Vermeidung künftiger Krisenfälle zu verbessern, besteht für Banken darin, Wandelanleihen auszugeben, die sich im Fall einer Krise bzw. Verschlechterung bestimmter Kennziffern zwangsweise in Aktien umwandeln lassen. Dies wird möglich durch sogenannte "contingent convertible bonds", für die sich der Name "Coco-Bonds" eingebürgert hat.

Durch Coco-Bonds ließen sich Bankenrettungen auf Staatskosten, wie sie während der Finanzmarktkrise in Nordamerika und Europa notwendig waren, zwar nicht völlig verhindern, doch hinsichtlich der Kosten und Folgewirkungen deutlich entschärfen. Dem Steuerzahler käme dies entgegen, war er doch in der jüngsten Krise der "lender of last resort", der die Bankenrettungen finanzieren musste und dabei - jedenfalls in Deutschland - bislang kein gutes Geschäft gemacht hat.

Funktion herkömmlicher Wandelanleihen umgedreht

Bei Coco-Bonds wird die Funktion herkömmlicher Wandelanleihen umgedreht. Üblicherweise steht bei einer Wandelanleihe deren Inhaber, also dem Anleihegläubiger, das Recht zu, die Anleihe, also Fremdkapital, unter den in den Anleihebedingungen festgelegten Voraussetzungen in Aktien des Emittenten, also Eigenkapital, umzuwandeln. Daher definiert das deutsche Aktiengesetz Wandelanleihen derzeit dahingehend, dass bei ihnen die Gläubiger ein Umtauschrecht auf Aktien haben.

Ein Umtauschrecht des Emittenten, wie bei Coco-Bonds, sieht das deutsche Aktienrecht hingegen nicht vor. Das dürfte sich schon bald ändern, denn das Bundesministerium der Justiz hat Ende 2010 den Referentenentwurf einer Aktiengesetznovelle vorgelegt, der sich für die Möglichkeit von Coco-Bonds ausspricht und eine entsprechende Änderung des Aktiengesetzes vorschlägt.

Spätestens im Frühsommer 2011 soll nach derzeitiger Planung ein Regierungsentwurf vorliegen, im vierten Quartal soll das Gesetz dann verkündet werden. Wenn der Referentenentwurf Gesetz wird, können auch deutsche Banken Coco-Bonds auf gesicherter rechtlicher Grundlage emittieren, Anleihegläubiger müssen es dann aber auch hinnehmen, wenn die Verwaltung der emittierenden Bank einen Zwangsumtausch, neuhochdeutsch einen "Debt-Equity-Swap", beschließt.

Sanierung einer Krisenbank nicht unnötig behindern

Der Referentenentwurf sieht vor, dass die für die Umwandlung benötigten Aktien aus einer bedingten Kapitalerhöhung stammen können. Das ist praktisch und sinnvoll, denn die bedingte Kapitalerhöhung würde bedarfsgerecht nur insoweit durchgeführt, wie Coco-Bonds in Aktien umzuwandeln sind. Die für bedingtes Kapital ansonsten bestehenden Höchstgrenzen gelten in diesem Fall nicht, damit die Sanierung der Bank nicht unnötig behindert wird.

Der Sanierungseffekt folgt aus dem Debt-Equity-Swap, denn durch die Umwandlung der Coco-Bonds wird aus Fremdkapital echtes Eigenkapital. Bis zu ihrer Umwandlung würden die Anleihen als steuerlich abzugsfähige Verbindlichkeiten der Bank Fremdkapital darstellen. Die in Vollzug ihrer Umwandlung geschaffenen Aktien würden sodann das Eigenkapital der Bank stärken.

Der Debt-Equity-Swap federt aber nicht nur Verluste der Bank ab, er stabilisiert zugleich ihre Geschäftstätigkeit, für welche die Eigenmittel eine immer wichtigere Steuerungsfunktion haben. Banken müssen schließlich für eingegangene Risiken ausreichende Eigenmittel vorhalten. Coco-Bonds stellen hier eine besonders interessante Ergänzung der regulatorischen Eigenmittel dar.

Credit Suisse sondiert derzeit den Markt

Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen Coco-Bonds bereits rechtlich möglich sind, unterstreichen die Attraktivität dieser Anleihen als Sicherheitsvorkehrung für Banken. So hat die britische Lloyds Bank bereits im Jahr 2009 Coco-Bonds in einem Volumen von mehreren Milliarden Pfund platziert. Derzeit sondiert die Credit Suisse den Markt und erwägt eine Emission von Coco-Bonds in einer Höhe von bis zu 30 Milliarden Dollar. Weltweit besteht nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor's ein Bedarf an Coco-Bonds bzw. ähnlicher hybrider Instrumente in einer Höhe von einer Billion Dollar.

Gerade Ratingagenturen, die im Vorfeld der Finanzmarktkrise und nach Auffassung vieler Kritiker keine sonderlich gute Figur gemacht haben, werden hinsichtlich der Neuordnung der Kapitalstrukturen, insbesondere im Hinblick auf die Akzeptanz von Coco-Bonds eine wichtige Rolle spielen. Wird der Referentenentwurf Gesetz, so werden die Ratingagenturen zukünftig bei ihrer Rating-Entscheidung berücksichtigen müssen, ob sich deutsche Banken mit Coco-Bonds gegen eine Krise hinreichend gewappnet haben.

Wer auf Coco-Bonds verzichtet, hat bei Staatshilfe schlechte Karten

Allein hieraus kann erheblicher Druck zu Gunsten der Begebung von Coco-Bonds erwachsen. Außerdem ist ein wichtiger politischer Aspekt zu berücksichtigen: Sollte eine Bank auf Sicherheitsvorkehrungen in Form von Coco-Bonds verzichten und später ins Straucheln geraten, wird sich in ihrem Fall staatliche Hilfe nicht mehr ohne weiteres überzeugend begründen lassen. Alle größeren deutschen Banken werden daher die Emission von Coco-Bonds ernsthaft in Erwägung ziehen müssen.

Der Gesetzgeber kann nur die Rahmenbedingungen für Coco-Bonds schaffen. Wesentliche Einzelheiten muss jede Bank in den Anleihebedingungen selbst regeln, dabei wird sie stets die Marktakzeptanz und die auf akeztablen Konditionen beruhende Plazierbarkeit als Richtschnur wählen müssen.

Von besonderer Bedeutung ist dabei der Umwandlungsmechanismus und die für das Pricing maßgebliche Bewertung. Hier stellt sich die Frage, welche Voraussetzung überhaupt eintreten muss, damit eine Bank die Umwandlung der Coco-Bonds in Aktien verlangen kann. Sinnvollerweise müssen Coco-Bonds auf die speziellen Bedürfnisse einer Bank zugeschnitten sein. Voraussetzung für ihre Umwandlung sollte daher - simplifiziert betrachtet - sein, dass die Bank eine bestimmte Eigenkapitalquote unterschreitet.

Kernkapitalquote als Umwandlungsschwelle

Diesen Weg hat die Lloyds Bank beschritten. Die von ihr ausgegebenen Coco-Bonds lassen sich umwandeln, wenn die Kernkapitalquote unter fünf Prozent sinkt. Außerdem stellt sich im Hinblick auf den Umwandlungsmechanismus die Frage, wie viele Aktien ein Anleihegläubiger bei der Umwandlung von Coco-Bonds erhält. Grundsätzlich können die Anleihebedingungen ein festes, aber auch ein flexibles Umtauschverhältnis bestimmen.

Bei einem fixen Umtauschverhältnis steht die Anzahl der Aktien von vornherein fest. Diese Variante bedeutet jedoch ein Risiko für die Anleihegläubiger. Sie würden bei der Umwandlung Verluste erleiden, wenn die Aktien zu diesem Zeitpunkt möglicherweise noch weitergehend als antizipiert an Wert verloren haben. Günstiger wäre es für die Anleihegläubiger insofern, wenn die Anzahl der Aktien erst bei der Umwandlung festgelegt wird und zwar mit der Maßgabe, dass die Aktien, die die Anleihegläubiger erhalten, den Nominalwert ihrer Anleihen aufwiegen.

Diese Variante bedeutet jedoch ein Risiko für die Bank, denn sie ist spekulationsträchtig: Die Anleihegläubiger könnten Interesse an einem Kursverfall der Aktien haben, um bei der Umwandlung der Wandelanleihen mehr Aktien zu erhalten - hier sollten keine Fehlanreize gegeben werden. Wählt eine Bank vor diesem Hintergrund die für sie und ihre Aktionäre sicherere erste Variante, so wird sie das größere Wagnis der Anleihegläubiger durch eine höhere Verzinsung der Coco-Bonds ausgleichen müssen.

Kein billiges Finanzierungsinstrument

Coco-Bonds werden daher kein billiges Finanzierungsinstrument werden. Im Hinblick auf den Austausch von älteren hybriden Instrumenten wie z.B. Genussscheinen , die mit verschärften Eigenmittelvorschriften nicht mehr kompatibel sind, werden viele deutsche Finanzinstitute kaum eine Alternative haben und Coco-Bonds ernsthaft in Betracht ziehen müssen.

Auch für die richtige Incentivierung von Führungskräften dürften Coco-Bonds künftig eine wichtige Rolle spielen. Unter Verwendung von - in diesem Fall tendenziell niedrig verzinsten - Coco-Bonds als Vergütungsbestandteil lassen sich Anreizsysteme schaffen, die dem Eingehen von zu hohen Risiken entgegenwirken können. Entsprechend intelligente Incentive-Programme werden für vorausblickende Gesellschaften schon vorbereitet. Der pauschale Vorwurf, in guten Zeiten würden die Gewinne aus hochriskanten Geschäften durch üppige Boni privatisiert, in schlechten Zeiten hingegen würden die Verluste durch staatliche Rettungsmaßnahmen sozialisiert, ließe sich, wenn auch Führungskräfte im Krisenfall eine Zwangsumwandlung ihrer Coco-Bonds hinnehmen müssen, jedenfalls nicht mehr aufrecht erhalten.

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