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68 Millionen Drahtesel: Der deutsche Fahrradmarkt in Zahlen

Foto: David Ebener/ picture-alliance/ dpa

Börsendebüt Derby Cycle will Fahrradmarkt elektrisieren

Mit Derby Cycle geht am Freitag ein Fahrradhersteller an die Börse - der erste Debütant in diesem Jahr. Fahrräder mit Elektromotor haben Marktpotenzial, wie ein Blick zu den holländischen Nachbarn zeigt. Der Haken ist jedoch: Nur ein Bruchteil der Erlöse aus dem IPO fließen in die Expansionspläne des Unternehmens.

Hamburg - Sind es wirklich nur "Drahtesel für Warmduscher", wie das "Handelsblatt" kürzlich spottete, oder steckt mehr dahinter? Immer mehr Menschen vertrauen beim Radeln nicht mehr ausschließlich der eigenen Muskelkraft. Sie kaufen sich Fahrräder mit Elektromotor, so genannte Pedelecs oder E-Bikes, je nach eingesetzter Technologie.

Vorreiter sind die Niederländer, die ja ohnehin ein besonders inniges Verhältnis zu ihren Zweirädern pflegen. Noch 2004 lag der Anteil der Elektroräder am dortigen Gesamtabsatz bei lediglich 0,7 Prozent. Inzwischen sind es etwa 15 Prozent. Und weil der Preis der E-Variante in der Regel deutlich höher ist, als der eines herkömmlichen Rades, tragen die Technojünger noch deutlich mehr zum Umsatz bei. Im ersten Halbjahr 2010 etwa betrug ihr Anteil am Gesamtumsatz der niederländischen Fahrradindustrie fast 40 Prozent.

Deutschland ist von solchen Zahlen zwar noch weit entfernt. Mit vereintem Muskel- und Elektroantrieb sind sie aber erreichbar, meinen Experten. Auch hierzulande hat der Marktanteil der Elektrofahrräder bereits merklich zugenommen, von 0,5 Prozent im Jahr 2005 auf 4 Prozent im vergangenen Jahr, wie der Branchenverband ZIV berichtet. Mittelfristig, so der ZIV, sollen es ebenfalls bis zu 15 Prozent sein. Der Umsatzanteil der E-Räder beträgt derzeit nach Branchenangaben bereits mehr als 10 Prozent.

Absatz sinkt, Umsatz steigt

Auch der Fahrradhersteller Derby Cycle, dessen Börsengang am Freitag ansteht, will künftig vom Vormarsch des Elektromotors profitieren. "E-Bikes werden die dominierende Fahrradkategorie in Deutschland werden", sagte Unternehmenschef Matthias Seidler bei der Vorstellung der Börsenpläne seines Hauses am Montag in Frankfurt. Nach seiner Einschätzung wird vor allem der Fachhandel davon profitieren, weil die Räder komplexer sind und mehr Beratung und Service erfordern.

Und sein eigenes Unternehmen natürlich. Schon jetzt haben E-Bikes einen gehörigen Anteil am Geschäft von Derby Cycle. Von insgesamt 430.000 verkauften Fahrrädern im Geschäftsjahr 2009/2010 verfügten 44.000 über den trendigen Stromantrieb. Vor zwei Jahren waren es noch lediglich 7000 - bei einem Gesamtabsatz von 531.000.

Die Zahlen spiegeln noch einen weiteren Trend wider: Während der Absatz in der Fahrradindustrie in den vergangenen Jahren rückläufig war, stiegen die Umsätze. Ursache war Branchenangaben zufolge auf der einen Seite die Wirtschaftskrise, die die Verkaufszahlen sinken ließ. Und auf der anderen eine zunehmende Vorliebe der Kundschaft für qualitativ höherwertige Produkte, die auch mehr kosten.

So auch bei Derby Cycle. Trotz rückläufiger Absatzzahlen schloss das Unternehmen mit den Marken Focus, Kalkhoff, Raleigh, Univega und Rixe das vergangene Jahr mit einem Rekordumsatz von 173 Millionen Euro ab. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) betrug zwölf Millionen Euro, was einer Marge von 7 Prozent entspricht.

66,8 Millionen Euro für die Altaktionäre

Damit es künftig weiter voran geht, soll nun zusätzliches Kapital von Anlegern eingesammelt werden. Zur Zeichnung stehen - inklusive Mehrzuteilungsoption - 6.840.000 Aktien zu einem Preis von jeweils 12,50 Euro. Der Teil des Emissionserlöses, der ins Unternehmen fließt, soll zur Finanzierung des Wachstums dienen, so Finanzvorstand Uwe Bögershausen. An die Ausschüttung einer Dividende sei daher zunächst nicht zu denken.

Stattdessen steht der Ausbau der Marktposition bei E-Bikes auf dem Programm. In dem Geschäft ist Derby Cycle hierzulande eigenen Angaben zufolge mit einem Marktanteil von 20 Prozent schon heute die Nummer eins. Zum anderen will Derby Cycle internationaler werden. Schon heute macht das Unternehmen rund 27,4 Prozent seiner Umsätze im Ausland.

Wachstumspotenzial besteht offenbar auf beiden Feldern - die Frage ist allerdings, bis zu welchem Punkt. In den Niederlanden etwa stößt der E-Bike-Hype Beobachtern zufolge bereits an seine Grenzen. Die Expansionsraten seien im vergangenen Jahr deutlich geringer gewesen, als in den Jahren zuvor, heißt es.

"Es ist offen, wo die Wachstumsgrenze des Elektrofahrrades hierzulande liegt", meint Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Branchenverbandes ZIV. "Das hängt von vielen Faktoren ab, von der Entwicklung der Technologie über die Gewinnung neuer Zielgruppen bis hin zum Benzinpreis." In der Vergangenheit ist es nach Angaben des Verbandschefs gelungen, zunehmend auch jüngere Leute von der Attraktivität des E-Bikes zu überzeugen. Die Branche setzt auch darauf, dass das künftig weiterhin gelingt.

66,8 Millionen Euro für die Altaktionäre

Auch die Geschäftsaussichten deutscher Hersteller auf den internationalen Märkten schätzt Neuberger gut ein. Die Ausfuhrzahlen seien in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. "In wichtigen Auslandsmärkten wie Frankreich, Österreich oder Polen steigen ebenfalls die Ansprüche an die Qualität", meint Neuberger. "'Made in Germany' genießt daher zunehmend an Sympathie."

Das hört sich gut. Auch Investoren aus der Fondsbranche äußern sich - hinter vorgehaltener Hand - tendenziell positiv zum Derby-Cycle-IPO. Einen Haken gibt es jedoch: Der Großteil der Emission fließt gar nicht in die Expansionspläne des Unternehmens. Die Erlöse von lediglich 1,5 Millionen der bis zu 6,84 Millionen zu emittierenden Aktien kommen als Kapitalerhöhung direkt dem Unternehmen zu gute. Der Rest, also inklusive Mehrzuteilungsoption bis zu 5,34 Millionen Aktien, stammt aus dem Besitz der Altaktionäre.

Dabei handelt es sich vor allem um Fonds des Frankfurter Finanzinvestors Finatem sowie um Mitglieder des Managements von Derby Cycle. Vorstandschef Seidler etwa besitzt über seine Gesellschaft A/M/S GmbH derzeit rund 13 Prozent der Anteile - nach dem Börsengang will er Medienberichten zufolge noch mit 8 Prozent beteiligt sein.

Im Klartext heißt das: Die Altgesellschafter nutzen den Börsengang offenbar vor allem, um ordentlich Kasse zu machen. Beim Ausgabepreis von 12,50 Euro fließen dem Unternehmen rund 18,8 Millionen Euro zu, und zwar vor Abzug der Kosten des IPOs. Investor Finatem, Vorstandschef Seidler und die weiteren bisherigen Aktionäre dagegen können sich über Erlöse von brutto etwa 66,8 Millionen Euro freuen.

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