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Facebook, Groupon, Linkedin: Die Hoffnungsträger der Spekulanten

Foto: Armin Weigel/ dpa

Börsenhype Die Rückkehr der Reichmacher

Facebook ist angeblich 50 Milliarden Dollar wert. Start-ups wie Groupon, LinkedIn oder Twitter hetzen an die Börse, weil Fantasie wieder mehr zählt als nüchterne Bilanzen. Wie 1999 werden Reichmacher herumgereicht - und Anleger machen mit, weil eine Geldwelle sie ins Casino trägt.

Hamburg - Nun also Groupon. Die Investorengemeinde ist noch von dem für 2012 geplanten Facebook-Börsengang berauscht, da wartet bereits der nächste Börsenkandidat mit einer wundersamen Wertvermehrung auf.

Vor sieben Wochen erst wies Groupon-Gründer Andrew Mason die sechs Milliarden Dollar schwere Kaufofferte des Internetgiganten Google zurück. Vor einer Woche zog die Schnäppchenjäger-Plattform mühelos eine der größten Kapitalerhöhungen der Start-up-Szene durch und sammelte rund eine Milliarde Dollar von Investoren ein, darunter die US-Investmentbank Morgan Stanley. Groupon wolle noch in diesem Jahr an die Börse gehen und lasse sich derzeit von verschiedenen Topbanken beraten, raunen sich jetzt entzückte Banker an der Wall Street zu. Das rund zwei Jahre junge Unternehmen soll nun bereits 15 Milliarden Dollar wert sein.

Damit wäre der Rabattmarkenvermittler Groupon weniger wert als Facebook, aber bereits mehr als doppelt so wertvoll wie die Deutsche Lufthansa. Der Bewertung des hoch gehandelten Internetstart-ups kommt zugute, dass die Regeln während dieser neuen Spekulationsblase genau entgegengesetzt sind zu den Regeln des eigenen Geschäftsmodells: Je horrender der Preis, desto größer die Zahl der Interessenten.

Nicht anfassen, nur anschauen

Das gilt erst recht, wenn die Mehrzahl der potenziellen Käufer an Anteile noch gar nicht herankommt, sondern die Preisbildung über Investmentbanken funktioniert, die sich frühzeitig Anteile gesichert haben. Alle anderen dürfen die neuen Reichmacher nur anschauen, nicht anfassen - das treibt das Verlangen und den Preis weiter. So hat es Goldman Sachs mit seiner Facebook-Beteiligung vorgemacht, so zieht Morgan Stanley im Fall Groupon nach. Investmentbanken haben ohnehin den größten Löffel, wenn es Brei regnet, und werden mit Sicherheit zu den Gewinnern der neuen Blase gehören.

Nun zählt jede Woche. Facebook, das Netzwerk mit rund 500 Millionen Mitgliedern, hat mit seinen Börsenplänen die neue Ära der vermeintlichen Internet-Reichmacher eingeläutet. Facebook ist "the next big thing". Die Schnäppchenjägerplattform Groupon, das Karrierenetzwerk Linkedin oder der Zwitscherdienst Twitter haben längst nicht die Strahlkraft von Facebook, werden aber ebenfalls bereits im grauen Kapitalmarkt gehandelt und könnten an der Börse sein, bevor Facebook mit einem IPO im kommenden Jahr das Geld abschöpft. Groupon, Linkedin oder Twitter sind nicht "the next big thing", aber vielleicht "the next thing."

Investmentbanken unter Erfolgsdruck

Groß ist der Druck auf die Konkurrenz von Goldman Sachs, nun ebenfalls bei potenziellen Reichmachern einzusteigen und sie hübsch für die Börse zu machen. Wer will schon eine Party wie 1999 verschlafen. Und Facebook muss angesichts solcher Betriebsamkeit nicht einmal nervös werden: Wenn schon Groupon und Linkedin 2011 einen rauschenden Börsenstart feiern sollten, was wird dann erst 2012...

Gehandelt werden dabei wie 1999 nicht aktuelle Bilanzen, sondern Namen, Versprechen auf die Zukunft, Phantasie. Firmenwerte werden geschätzt, teils hochgerechnet aus winzigen Anteilen ausgewählter Investoren, teils abgeleitet aus möglichen Umsätzen in ferner Zukunft. Groupon müsste seinen Umsatz mehr als verzwanzigfachen, um in die Nähe des Jahresumsatzes der Lufthansa heranzukommen. Und bis dahin kann einiges schief laufen, wie etwa Aktionäre von Yahoo (minus 80 Prozent Kursverlust seit 2000) oder MySpace-Eigner Rupert Murdoch (an die Wand gedrückt von Facebook) wissen.

Feiern wie einst 1999

Aber wer will an Verlierer denken, wenn Geld wieder locker von der Hand geht und die Wall Street strahlende Gewinner präsentiert. Der einst kleine Computerbauer Apple  zum Beispiel hat in der Tat die Online-Geschäftswelt umgekrempelt, ist an der Börse bereits mehr als 310 Milliarden Dollar wert und auf dem Weg, Exxon Mobile (370 Milliarden Dollar) als wertvollstes Unternehmen der Welt abzulösen. Das alles begleitet von real steigenden Umsätzen und Gewinnen, während die Bewertungen der neuen Hoffnungsträger vorerst noch von den Schattenmärkten bestimmt werden.

Treibstoff der Blasenökonomie ist das billige Geld. Zentralbanken haben in der Not die Notenpressen angeworfen, seitdem schwappt eine Geldwelle rund um den Globus. Sie hat bereits eine Rohstoffblase aufgefüllt und die Emerging Markets erreicht: Vor allem in Asien werden aufstrebende Volkswirtschaften mit so viel Anlegergeld überflutet, dass Preise für Firmen, Rohstoffe und Häuser in die Höhe schnellen. In der Blasenökonomie ist eine Blase kein Warnsignal mehr, sondern ein vertrauter Wegbegleiter am Kapitalmarkt: Man meidet sie nicht mehr, sondern sieht zu, dass man schon in der frühen Phase dabei ist und dann möglichst rechtzeitig den Absprung findet.

Blasen als ständige Begleiter

Mancher Anleger will bei Facebook, Groupon, Zynga oder Twitter unbedingt dabeisein, egal, wie viel von dem allzu billigen Papiergeld ein Anteil am "next big thing" kosten wird. Auf dem Festgeldkonto ruht ohnehin nicht die Währung der Zukunft.

Warum sollten Anleger das Casino verlassen, so lange die Chefgroupiers, also Staaten und Notenbanken, ständig neue Chips auf den Tisch werfen? Wo sonst soll man Geld setzen, wenn es außerhalb der heißlaufenden Kapitalmärkte nur Minirenditen gibt, während die Inflation bereits wieder anzieht? Anleger werden nicht nur durch phantasievolle Börsenstories, sondern auch durch Nullzinspolitik in höhere Risiken getrieben. Kein Wunder, dass die Bewertungen von Facebook, Groupon oder anderen möglichen Reichmachern bereits jetzt so aufgebläht sind wie die Bilanzen der Notenbanken.

Banken haben durch ihr Versagen mitten in der Finanzkrise das Casino geknackt. Sie müssen nicht mehr um das Geld von Investoren buhlen, denn jetzt gibt es scheinbar unbegrenzt Geld vom Staat. Wer jetzt vermeintliche Reichmacher hochhält, wird beim Börsengang bestens verdienen. Bis auch diese Blase platzt.

Im Überblick: Wer jetzt an die Börse drängt

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