Freitag, 28. Februar 2020

Schrecksekunden im EZB-Tower Attacke auf Draghi - die EZB hat ein Sicherheitsproblem

Schrecksekunde: EZB-Präsident Draghi wird attackiert
REUTERS

Während der Pressekonferenz der EZB springt eine Frau auf den Tisch des EZB-Präsidenten und überschüttet ihn mit Papier. Wer schützt eigentlich den Mann, der die Euro-Zone retten soll?

Schrecksekunden im Frankfurter EZB-Tower: EZB-Chef Mario Draghi will gerade die Zinsentscheidung der Zentralbank erläutern, da stürmt eine junge Frau mit einer Handtasche aufs Podium, springt auf den Tisch und steht plötzlich breitbeinig vor dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, dessen Kopf nur einen Fußtritt entfernt.

In den folgenden Augenblicken holt die Frau Papierschnipsel aus ihrer Tasche, schüttet diese über Draghi aus und schreit Parolen. Der überraschte Draghi geht in Deckung, hält sich schützend die Hände vor das Gesicht. EZB-Kommunikationschefin Christine Graeff steht in Schockstarre neben ihrem Chef (siehe Bilderstrecke).

Die Sicherheitsbeamten, die auf solche Situationen vorbereitet sein sollten, brauchen einige Sekunden, bis sie reagieren. Dann kommen sie endlich hinzu, ergreifen die Frau, die schreiend weggetragen wird. Auf ihrem Shirt trägt sie die Aufschrift ""End the ECB Dick-Tatorship". Unklar ist, wie sie in den Pressesaal gelangte.

Wäre die Frau auf Merkel losgestürmt - sie wäre wohl nicht mehr am Leben

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die junge Frau statt der Papierschnipsel eine Waffe in ihrer Tasche gehabt hätte. Oder wenn Sie zugetreten hätte. Oder wenn diese unfassbar naive und lebensmüde "Aktivistin" nicht den mächtigsten Banker Europas vor sich in Trittweite gehabt hätte, sondern Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Fed-Chefin Yanet Yellen.

Man darf davon ausgehen, dass die Sicherheitsleute der Kanzlerin oder der Fed-Chefin womöglich rascher und entschiedener reagiert hätten - und die so genannte "Aktivistin" wäre wohl nicht mehr am Leben. Mancher Beobachter mag die Aktion lustig finden - doch lustig ist anders, und es hätte auch ganz anders ausgehen können.

Draghi soll die Euro-Zone retten - und verdient Schutz

Klar ist: Nach der Attacke auf den mächtigsten Banker Europas muss das Thema Sicherheit im Frankfurter EZB-Tower neu diskutiert werden. Zumal die Bedrohungslage sich deutlich und für alle sichtbar verschärft hat: Es ist erst knapp vier Wochen her, dass am Tag der Eröffung des EZB-Towers die Proteste im Frankfurter Bankenviertel außer Kontrolle gerieten, Polizisten verletzt und Polizeiautos in Brand gesteckt wurden.

Und nun ein Angriff im Inneren des EZB-Towers: Die Tatsache, dass die Angreiferin lediglich herumgebrüllt und mit Schnipseln geworfen hat, macht die Angelegenheit nicht zu einem harmlosen Streich.

Draghi ist keine Witzfigur, mit dem Protestler gleich welcher Couleur ihre Spielchen treiben können. Draghi ist derjenige, der für die Versäumnisse der Politik einstehen und die Euro-Zone retten soll - und der besonderen Schutz verdient. Dass mit seinem Personenschutz so fahrlässig umgegangen wird, ist ein Skandal: Würde Draghi den Euro so schützen, wie er persönlich geschützt wird, die Euro-Zone wäre längst am Ende.

Femen-Frauen: Ungefährlich, weil halbnackt?

Es heißt, Femen-Aktivistinnen hätten die heutige Aktion vorbereitet. Die Gruppe hatte zuletzt den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn vor seiner Vernehmung im Prozess um Sex-Partys mit einem Oben-ohne-Protest empfangen. 2013 hatte eine Frau barbusig eine Weihnachtsmesse im Kölner Dom gestört. Auf der Hannover Messe 2013 waren Frauenrechtlerinnen dann halbnackt auf den russischen Präsidenten Putin losgestürmt. Die mediale Aufmerksamkeit ist diesen Damen sicher, doch sie sollten auch einmal einen Gedanken darauf verschwenden, in welche Gefahr sie sich selbst begeben.

EZB-Chef Draghi fand nach der Unterbrechung der Pressekonferenz rasch die Fassung wieder - und führte die Pressekonferenz routiniert zu Ende. Das ist bemerkenswert, denn Draghi weiß, dass er längst zur Zielscheibe geworden ist - und zu denen, die Draghi viel zu nahe gekommen sind, gehören nicht nur harmlose Spaßvögel.

Draghi selbst blieb nach dem Angriff bemerkenswert cool. Für das EZB-Sicherheitspersonal gibt es dagegen keinen Anlass, zur Tagesordnung zurückzukehren.

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la/rei

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