Steuern auf Krypto-Kursgewinne Wie Bitcoin-Investoren Steuerfallen vermeiden

Die Bewertung von Bitcoin und Co ist steil angestiegen. Wer nun Gewinne realisiert, sollte die wichtigsten Regeln zur Besteuerung von Kryptowährungen kennen. Anleger können dadurch viel Geld sparen - und unter Umständen sogar steuerfreie Gewinne einstreichen.
Ein Interview von Lisa Oder
Bitcoin: Gewinne sind nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei - dies gilt jedoch nicht für Krypto-ETF und andere Derivate

Bitcoin: Gewinne sind nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei - dies gilt jedoch nicht für Krypto-ETF und andere Derivate

Foto: Jens Kalaene / dpa

Wer sich von der Börsenpanik im März 2020 nicht beirren ließ, wurde im Nachhinein reich belohnt. Für um die 5000 US-Dollar war ein Bitcoin damals zeitweise zu haben, inzwischen kratzt die Kryptowährung wieder an der Marke von 60.000 US-Dollar. Der Wert des digitalen Geldes hat sich binnen eines Jahres mehr als verzehnfacht. Einige Anleger dürften nun auf hohen Gewinnen sitzen, die sie aber korrekt versteuern müssen.

Der Krypto-Markt ist für Anleger wie Steuerrechtler kein leichtes Terrain. Oft entsteht eine Steuerschuld nicht erst dann, wenn das digitale Geld gegen Euro oder Dollar eingetauscht wird. Auch neue Entwicklungen in der Krypto-Szene werfen steuerrechtliche Fragen auf. Denn längst lassen sich Kryptowährungen nicht mehr nur handeln, sondern auch gegen Zinsen verleihen. Im Interview erklärt Krypto-Experte Florian Wimmer, wie man Gewinne aus Kryptowährungs-Geschäften rechtssicher versteuert - und dabei auch viel Geld sparen kann.

manager magazin: Herr Wimmer, ihre Software soll Krypto-Anleger vor Problemen mit dem Finanzamt bewahren. Sind Sie selbst schon einmal mit dem Fiskus aneinandergeraten?

Florian Wimmer: So weit würde ich nicht gehen. Ich habe allerdings schon einmal mit meinem Steuerberater proaktiv eine Offenlegung veranlasst. In Österreich gab es nämlich erst 2017 die erste Klarstellung des Bundesfinanzministeriums zum Thema Kryptowährungen. Ich war damals schon seit zwei Jahren in dem Bereich aktiv und musste Steuern nachträglich erklären.

Auch heute noch dürften viele Krypto-Investoren unsicher sein, wie sie ihre Assets korrekt versteuern. Was gilt es zu beachten, wenn man Kursgewinne bei Bitcoin und Co realisieren will?

In Deutschland und Österreich gilt für Kryptowährungen eine Spekulationsfrist von einem Jahr. Wer seine Coins also ein Jahr und einen Tag gehalten hat, kann sämtliche Gewinne steuerfrei mitnehmen.

Damit sind Krypto-Investoren steuerlich günstiger gestellt als Aktienanleger, denn auf Aktiengewinne werden unabhängig von der Haltedauer 25 Prozent Kapitalertragssteuern fällig.

Das ist korrekt. Doch auch ein Krypto-Investor muss einiges beachten, wenn er die Steuerfreiheit nach einem Jahr Haltedauer nutzen will. Was viele nicht wissen: Wenn ich innerhalb eines Jahres meine Bitcoins etwa in eine andere Kryptowährung wie Ethereum wechsle oder eine Ware damit bezahle, löse ich dadurch ein steuerliches Ereignis aus. Außerdem gilt die Steuerfreiheit nach einem Jahr Haltedauer nicht für Kryptowährungs-ETFs oder Derivate, die lediglich die Wertentwicklung von Kryptowährung wie Bitcoin oder Ether abbilden. Auf Kursgewinne dieser Assets muss man, ebenso wie bei Aktien auch, in jedem Fall Steuern bezahlen, unabhängig von der Haltedauer.

Zur Person
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Blockpit

Florian Wimmer (31) begann 2015 während seines ersten Jobs bei dem Wirtschaftsprüfer und Berater KPMG damit, sich mit Kryptowährungen zu beschäftigen. Seitdem lässt den studierten Programmierer das Thema nicht mehr los: 2017 gründete er mit Mathias Maier, Gerd Karlhuber, Patric Stadlbauer und Gert Weidinger im österreichischen Linz die Firma Blockpit. Ziel ist es, sämtliche Krypto-Assets mitsamt fälliger Steuerschuld gesammelt an einem Ort verfolgen zu können. Dabei können Nutzer jederzeit einen Steuerbericht für die eigene Steuererklärung anfordern. Rund 20.000 Nutzer setzen nach Angaben des Unternehmens auf die Softwarelösung, 2020 übernahmen die Österreicher den deutschen Konkurrenten CryptoTax.

Eine Steuerpflicht tritt für die Kryptowährungen aber nur ein, wenn die Gewinne über dem jährlichen Freibetrag von 600 Euro in Deutschland und 440 Euro in Österreich liegen?

Genau. Diese Freigrenze gilt für alle privaten Veräußerungsgeschäfte, zu denen neben Kryptowährungen auch der Handel mit Gold oder Antiquitäten zählt. Falls der Anleger diese zu mehreren Zeitpunkten nachgekauft hat, wird das zuerst erworbene jeweilige Asset auch zuerst wieder verkauft.

Nach welchem Steuersatz berechnet sich die Steuerschuld, wenn der Freibetrag überschritten wird?

In einem solchen Fall zahle ich meinen persönlichen Einkommensteuersatz, der zwischen 14 und 45 Prozent zuzüglich Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer liegt. Da sind wir schnell bei hohen Prozentsätzen. Deshalb lohnt es sich immer, auf die Haltedauer zu achten. Wer mit seinen Spekulationsgewinnen die Freibetragsgrenze überschreitet, sollte das in der Einkommensteuererklärung in der entsprechenden Zeile für private Veräußerungsgeschäfte angeben. Dabei ist es wichtig, als Anleger die Kauf- und Verkaufszeitpunkte sowie die jeweiligen Preise gut zu dokumentieren. Wer vielleicht sogar Coins geschenkt bekommen hat, sollte den Vorbesitzer nach den jeweiligen Anschaffungsdaten fragen.

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Bitcoin

Wie mache ich das am besten; reicht da schon eine Excel-Liste?

Nein, solche Excel-Listen akzeptiert das Finanzamt grundsätzlich nicht – die sind zu leicht manipulierbar. Theoretisch lassen sich all diese Daten über die Blockchain nachzuvollziehen, wenn ich mit der eigenen Wallet unterwegs bin oder sind über die genutzten Handelsplattformen abrufbar. Auch Programme können helfen, einen gesamtheitlichen Überblick zu behalten. Über Programmier-Schnittstellen werden direkt die Daten der jeweiligen Börse oder Blockchain ausgelesen, Nutzer können sich somit tagesaktuell ihren persönlichen Steuerreport holen. Die EU-Kommission hat außerdem für dieses Jahr angekündigt, die sogenannte DAC8-Richtlinie zum automatischen Informationsaustausch auf Kryptowerte auszuweiten.

Das bedeutet, die Börsen innerhalb der EU müssten jährlich die gesamten Transaktionsdaten der Nutzer ermitteln und an die Behörden weiterleiten.

Das Finanzamt kann dann direkt auf sämtliche Transaktionsdaten zugreifen. Es fällt also künftig auf, wenn sich Angaben in der Steuererklärung von denen der Börse unterscheiden. Deshalb ist es zu empfehlen, von Beginn an eine eigene lückenlose Transaktionshistorie mit den Daten der Börse anzulegen. Selbst, wenn ich immer erst nach einem Jahr Gewinne realisiere.

Warum ist das nötig?

Auch die Bank kann einen Herkunftsnachweis verlangen, wenn plötzlich hohe Summen auf mein Konto eingehen. Im Nachhinein kann es schwierig oder schier unmöglich sein, noch einmal an die Daten zu gelangen. Es gab schließlich schon einige Börsen oder Krypto-Handelsplätze, die plötzlich insolvent oder offline gingen – dann haben Anleger ein Nachweisproblem.

Wie sollten Anleger vorgehen, wenn sie in einem solchen Fall den Kaufzeitpunkt und den Kaufpreis nicht mehr nachweisen können?

Dann werden der Kaufpreis und die Jahresfrist im Zweifel auf null gesetzt. Verkauft der Anleger innerhalb der Jahresfrist, ist der Verkaufspreis gleich der Gewinn. So ist man zwar auf der sicheren Seite. Allerdings ist das aus steuerlicher Sicht alles andere als optimal.

Bei Kryptowährungen gibt es Steuerfreiheit nach mindestens einem Jahr Haltedauer, bei Krypto-ETFs und Aktien nicht. Ist diese unterschiedliche Besteuerung aus Anlegersicht ein Vor- oder Nachteil?

Das kommt auf die eigene Investmentstrategie an. Wer die jeweilige Kryptowährung langfristig halten will, profitiert von der Spekulationsfrist. Da dürfte es auch künftig attraktiver sein, in die Kryptowährung direkt und nicht in einen Krypto-ETF für die Altersvorsorge zu investieren. Wenn ich aber lieber aktiv und häufig mit den Assets handeln oder sogar Day Trading betreiben will, sollte ich eher auf Wertpapiere setzen, die den Kurs von Bitcoin und Co. widerspiegeln.

Wann kann die Steuerpflicht auf Bitcoin-ETFs ein Vorteil für den Anleger sein?

Wenn ich als Privatanleger sowohl auf dem Aktienmarkt wie auch auf dem Kryptomarkt aktiv bin, kann ich Gewinne aus Krypto-Derivaten wie zum Beispiel einem Bitcoin-ETF mit Verlusten auf dem Aktienmarkt verrechnen. Das geht aber nicht, wenn ich echte Coins und Token halte. Verlustausgleiche sind immer nur innerhalb einer Steuerkategorie möglich.

Gilt das für die mehr als 6.500 Kryptowährungen auf dem Markt gleichermaßen?

Nein, auch hier lauert eine Steuerfalle. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Arten von Kryptowährungen: Den Payment- Utility- und den Security-Token. Security-Token werden wie eine Anleihe oder Aktie von Unternehmen ausgegeben und wird von den Aufsichtsbehörden wie ein traditionelles Wertpapier behandelt. Eine Spekulationsfrist gibt es bei Security-Token also nicht, es werden Kapitalertragsteuern fällig.

Noch komplizierter wird es im Bereich Decentralized Finance. Anleger können ihre Assets beispielsweise dezentral über Protokolle verleihen, um Zinsen zu erhalten.

Im DeFi-Bereich herrscht noch viel Unsicherheit, nicht jeder Fall wurde bereits abschließend geklärt. Bei dem konkreten Beispiel des zinsbringenden Verleihs stellt sich die Frage, ob sich die Spekulationsfrist von einem auf zehn Jahre erhöht. Da ich als Nutzer nur mit Programmen und keiner "echten" Gegenpartei interagiere, ist die Literatur sich aber aktuell relativ einig: Einkünfte aus derartigen Geschäften sind bei Zufluss steuerpflichtig und als Einkünfte aus sonstigen Leistungen zu erklären. Eine Auswirkung auf das zugrunde liegende Asset und dessen Haltefrist würde das nicht haben.

Bei Blockpit haben Sie anhand Ihrer Nutzerdaten kürzlich in Kooperation mit dem Frankfurt School Blockchain Center und der Rechtsanwaltskanzlei Dr. Andres für das Jahr 2020 eine potenzielle Steuersumme von 1,28 Milliarden Euro geschätzt. Wie viel davon wird wahrscheinlich tatsächlich an den Fiskus fließen?

Wahrscheinlich nur ein kleiner, einstelliger Anteil dieser Summe. Ich bin aber überzeugt, dass das potenzielle und tatsächliche Steueraufkommen in dem Bereich der Krypto-Assets steigen wird. Wir haben beim Delikt der Steuerhinterziehung eine Verjährungsfrist von sieben Jahren. Wer weiß, wie das Finanzamt in ein paar Jahren aufgestellt sein wird. Es ist keine gute Idee, Spekulationsgewinne zu verschweigen, vor allem wenn dem Anleger vorsätzliches Handeln nachgewiesen werden könnte. Dann droht sogar eine Haftstrafe.

Das Geschäftsmodell von Blockpit baut darauf auf, dass die aktuellen Regelungen komplex sind. Würde sich Ihr Geschäft erledigen, wenn es mehr Klarheit gibt?

Natürlich sind wir umso attraktiver für unsere Kunden, je komplexer die aktuelle Lage ist. Aber ich glaube nicht, dass sich unser Geschäftsmodell erledigen würde. Für unseren Support wäre mehr Klarheit sogar gut, weil wir dann schneller reagieren könnten. Automatisierte Lösungen sind beliebt und nehmen den Menschen Arbeit ab.

Haben Sie denn schon Ihre Steuererklärung für das Jahr 2020 erledigt?

Nein, das habe ich tatsächlich bisher nicht einmal für 2019. Für meine Steuererklärung mit Berater in Österreich habe ich jetzt noch vier Wochen Zeit. Ich fürchte aber, dass 2019 wohl hauptsächlich Verluste angefallen sind.