Cyrus de la Rubia

Boom der Kryptowährung Bitcoin - die Eine-Million-Dollar-Frage

Cyrus de la Rubia
Ein Gastkommentar von Cyrus de la Rubia
Ein Gastkommentar von Cyrus de la Rubia
Bitcoin hat die Marke von 40.000 US-Dollar geknackt. Der sagenhafte Kursanstieg macht selbst Experten ratlos. Kennt der Preis der Kryptowährung keine Grenze? Doch. Sie lässt sich sogar ökonomisch bestimmen.
Bitcoin auf Rekordhoch: Steigt der Preis der Kryptowährung auf 100.000 Dollar, dürfte das Bitcoin-Mining rund 2 Prozent des globalen Stromverbrauchs verschlingen

Bitcoin auf Rekordhoch: Steigt der Preis der Kryptowährung auf 100.000 Dollar, dürfte das Bitcoin-Mining rund 2 Prozent des globalen Stromverbrauchs verschlingen

Foto: JIM URQUHART/ REUTERS

Der Preis für die bekannteste Kryptowährung der Welt steigt und steigt. Im Lauf des Jahres 2020 hat sich der Kurs des Bitcoin auf 29.000 US-Dollar vervierfacht, mittlerweile notiert er auf der Handelsbörse Bitstamp bei rund 40.000 US-Dollar  (Stand: 7.1.2021). Das entspricht einer Marktkapitalisierung von mehr als 600 Milliarden US-Dollar - der Wert aller Kryptowährungen insgesamt stieg am Donnerstag über die Marke von 1 Billion Dollar. Schon werden neue, immer absurder klingende Preisziele für den Bitcoin von bis zu einer Million US-Dollar genannt. Doch wie realistisch ist das? In der Tat könnte man meinen, dass ein virtueller Wert wie Bitcoin geradezu prädestiniert sei für praktisch unendliche Preiszuwächse – doch das Gegenteil ist der Fall. Denn der Preis für Bitcoin ist an sehr reale Kosten geknüpft.

Cyrus de la Rubia
Foto: Hamburg Commercial Bank

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank und deckt dort von der Konjunkturanalyse über Zins- und Währungsmärkte bis zur Tokenökonomie ein breites Themenspektrum an Themen ab. Modernes Geld und Zentralbanken gehören zu seinen Schwerpunkten, außerdem ist er in der wirtschaftspolitischen Beratung für Schwellenländer tätig und war viele Jahre Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management.

Die Kryptowährung entsteht nämlich gerade nicht aus dem Nichts, sondern mithilfe anspruchsvoller Hardware, großer Mengen Strom und gewinnmaximierender Unternehmen, den sogenannten Minern. Bitcoin wird so gesehen tatsächlich "gefördert". Diese Inanspruchnahme realer Ressourcen geht zulasten anderer Wirtschaftssektoren. Das bedeutet, dass es auf mittlere Sicht einen Preisbereich für Bitcoin geben muss, den die Kryptowährung nicht nachhaltig überschreiten wird, also eine Preisobergrenze.

Das Goldsucher-Prinzip - wer zuerst das Rätsel löst, erhält 6,25 Bitcoin

Das Kalkül eines Miners ähnelt dem eines Goldsuchers: Je höher der Preis, desto mehr Aufwand wird für die Förderung betrieben. Im Fall der Bitcoin-Miner entsteht ein Gewinn, wenn die durch das Schürfen generierten Einnahmen höher sind als die Kosten für den Stromverbrauch und die Kapitalkosten für die eingesetzte Hardware. Einnahmen erzielt ein Miner immer dann, wenn es ihm gelingt, ein bestimmtes kryptografisches Rätsel als Erster zu lösen. Dann erhält er derzeit gemäß Bitcoin-Protokoll 6,25 Bitcoin. Das entspricht beim derzeitigen Bitcoin-Kurs rund 250.000 US-Dollar.

Mit entsprechend hochgerüsteter Hardware haben Miner gute Chancen, regelmäßig zum Zug zu kommen, die Gleichung lautet also: Steigt der Preis für Bitcoin, steigt auch die Aussicht auf höhere Gewinne – und dann lohnen sich weitere Investitionen in die Schürfausrüstung.

Hashrate steigt immer weiter

Nun gehört es zur Natur der Marktwirtschaft, dass steigende Gewinne zusätzliche Anbieter anlocken. In der Bitcoin-Blockchain passiert zusätzlich noch etwas anderes: Der Schwierigkeitsgrad zur Lösung des kryptografischen Rätsels, die so genannte Hashrate, steigt automatisch, je mehr Miner sich an der Suche nach der Lösung des kryptografischen Rätsels beteiligen. Dieser Automatismus ist wie die Entlohnung im Bitcoin-Protokoll von 2008 festgelegt.

Durch diesen Mechanismus steigt der Druck auf die Miner, immer leistungsfähigere Halbleiter einzusetzen. Die Gleichung kann also erweitert werden: Je höher der Bitcoin-Preis steigt, desto mehr Miner beteiligen sich am Schürfprozess. Dadurch wird das kryptografische Rätsel schwieriger, was wiederum die Nachfrage nach besonders leistungsfähigen Halbleitern befeuert. Die Kette kehrt sich um, sobald der Bitcoin-Kurs sinkt.

Es gibt eine Preisobergrenze

Die Förderung von Bitcoin erfordert hauptsächlich zwei Ressourcen: Strom und Halbleiter. Da diese auch in zahllosen anderen Sektoren Verwendung finden, muss es eine Obergrenze für den Bitcoin-Preis geben. Das Schürfen der Kryptowährung ist energieintensiv, da die Serverfarmen der Miner einen hohen Strombedarf haben. Derzeit dürfte die Bitcoin-Förderung etwa 0,4 Prozent der globalen Stromproduktion verbrauchen. Dies variiert sehr stark von Land zu Land. In Georgien beispielsweise fraß die Bitcoin-Produktion nach einer Berechnung von Berlin Economics 2017 etwa sechs Prozent der nationalen Energieerzeugung. In Deutschland fällt sie dagegen kaum ins Gewicht, da hierzulande kaum Miner aktiv sein dürften. Angesichts der hohen Strompreise lohnt es sich schlicht nicht.

Steigt der Preis für Bitcoin, steigt daher auch der Energiebedarf für dessen Förderung. Das wiederum führt zu einer Verknappung der Ressource Energie und damit zu steigenden Strompreisen, denn schließlich konkurriert die Bitcoin-Produktion mit anderen energieintensiven Sektoren um den Strom. In dem Moment, in dem diese anderen energieintensiven Güter, zum Beispiel Stahl oder Aluminium, stärker nachgefragt werden als zusätzliche Einheiten der Kryptowährung, sinkt die relative Attraktivität von Bitcoin. Dann ist die Preisobergrenze erreicht. Die Folge wird ein Preisrückgang bei Bitcoin sein, entsprechend wird auch der Energiebedarf wieder geringer.

Steigender Energiebedarf - regulierende Eingriffe wahrscheinlich

Dieser marktwirtschaftliche Anpassungsmechanismus verhindert das von vielen Bitcoin-Kritikern angeführte dystopische Szenario, wonach ein kontinuierlich steigender Bitcoin-Preis irgendwann dazu führt, dass die Bitcoin-Miner die Energie der gesamten Welt beanspruchen. Dies wird nicht passieren, denn warum sollten Menschen noch Bitcoin nachfragen, wenn aufgrund von Strommangel keine Nahrung mehr erzeugt werden kann?

Zudem ist auch ein staatlicher Eingriff denkbar, der einem derartigen Anstieg des Bitcoin-Kurses ein Ende setzt. Klimapolitische Überlegungen könnten dazu führen, dass Staaten das Mining von Bitcoin verbieten oder die Gewinne der Miner mit hohen Steuern belegen. Falls sich eine nennenswerte Anzahl von Ländern zu einem solchen Schritt entschlösse, dürften Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der Bitcoin-Blockchain aufkommen und den Preis von Bitcoin drücken.

Boomt Bitcoin, boomen Halbleiter-Hersteller

Auch die Auswirkungen des Schürfprozesses auf die Halbleiterindustrie könnten zu einer Deckelung des Bitcoin-Preises beitragen. Benötigt werden vor allem maßgeschneiderte ASIC-Halbleiter, die umso stärker nachgefragt werden, je attraktiver die Bitcoin-Produktion wird. Hier ließe sich ebenfalls ein Extremszenario zeichnen: Was wäre, wenn die globale Chipindustrie ihre gesamten Ressourcen in die Produktion der für die Bitcoin-Förderung designten ASIC-Chips lenken würde?

Das Resultat wäre ähnlich wie bei der Stromnachfrage: Mikrochips stecken in immer mehr Produkten des täglichen Bedarfs. Wer aber würde noch Bitcoin nachfragen, wenn Autos nicht mehr führen, Laptops ihren Geist aufgäben und Erntemaschinen nicht mehr gesteuert werden könnten? Auch hier würde die Knappheit in einen marktgetriebenen Anpassungsprozess münden, der die Attraktivität von Bitcoin mindert – und damit seinen Preis.

Absurd hoher Ressourcenverbrauch durch Bitcoin-Mining

Die Eine-Million-Dollar-Frage lautet daher: Bei welchem Bitcoin-Preis könnte sich eine Art Gleichgewicht einstellen und zu welchem Zeitpunkt könnte dies erreicht werden? Ab welchem Preisniveau wird die Umlenkung von Ressourcen aus anderen Sektoren in die Bitcoin-Förderung derart spürbar, dass die Weltwirtschaft aufgrund von Angebotsverknappungen in eine anhaltende Rezession stürzt, die letztlich zu einer geringeren Nachfrage nach Bitcoin und damit zu einem Preisverfall der Kryptowährung führt?

Über ein Standardmodell aus der politischen Ökonomie, das sogenannte Tullock-Modell, lässt sich ableiten, dass die Stromkosten für die Bitcoin-Produktion sich stets parallel zum Bitcoin-Kurs entwickeln. Darauf kann man eine (zugegebenermaßen sehr grobe) Überschlagsrechnung aufbauen, dass bei einem Kurs von 100.000 US-Dollar das Schürfen der Kryptowährung rund zwei Prozent der weltweiten Stromerzeugung verschlingen würde. Bei einem Preis von einer Million US-Dollar käme man auf 20 Prozent der globalen Stromproduktion. Zum Verbrauch der Halbleiterressourcen ließen sich ähnliche Berechnungen anstellen.

Preisobergrenze bei 2 Prozent des globalen Stromverbrauchs?

Dass eine solche Entwicklung zu den beschriebenen ökonomischen Anpassungseffekten führen muss, liegt auf der Hand. Wann sie greifen, hängt zum einen vom Preisniveau ab, aber auch das Tempo ist entscheidend, mit dem dieses Preisniveau erreicht wird.

Es ist beispielsweise denkbar, dass der Bitcoin-Kurs in wenigen Wochen bei 100.000 US-Dollar liegt und der Kurs anschließend wieder einbricht. Dann würden noch keine nennenswerten realwirtschaftlichen Anpassungen passieren, dafür wäre die Zeit zu knapp. Sollte sich der Kurs aber für mehrere Monate auf diesem Niveau halten, würden die Belastungseffekte auf dem Energie- und Halbleitermarkt spürbar sein. Dann würden die Markmechanismen für ein Sinken der Nachfrage nach Bitcoin sorgen. Zudem würde der Druck auf die staatlichen Akteure wachsen, durch Verbote und Steuern zu versuchen, das Fördern und Halten von Bitcoin zu begrenzen oder zu unterbinden.

Es ist naheliegend anzunehmen, dass es spätestens bei einem Stromverbrauch von zwei Prozent der weltweiten Erzeugungskapazitäten zu den oben beschriebenen relativen Preisverschiebungen und/oder politischen Eingriffen kommen würde. Die "natürliche" Obergrenze des Bitcoin-Kurses dürfte daher in der Nähe der Marke von 100.000 US-Dollar zu finden sein.

Langfristig verschiebt sich Preisobergrenze - durch "Halving"

Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Bitcoin-Preis von einer Million US-Dollar für alle Zeiten ausgeschlossen ist. Denn die Preisobergrenze wird sich aufgrund einer weiteren Besonderheit des Bitcoin-Protokolls langfristig nach oben verschieben: Von 2024 an werden die Miner nämlich nicht mehr 6,25 Bitcoin erhalten, wenn sie das kryptografische Rätsel gelöst haben, sondern nur noch die Hälfte, also 3,13 Bitcoin. Dies legt das Bitcoin-Protokoll so fest. Diese Halbierung der "Belohnung" wiederholt sich alle vier Jahre.

Unter den oben genannten Voraussetzungen könnte der Bitcoin-Preis dann die Marke von 200.000 US-Dollar erreichen, ohne dass der Stromverbrauch höher wäre als die rund zwei Prozent der weltweiten Stromerzeugung, die zu heutigen Bedingungen bereits beim Preis von 100.000 US-Dollar erreicht würden. Das hieße, dass für Bitcoin die Marke von einer Million US-Dollar tatsächlich erreichbar wäre – allerdings frühestens in der ersten Hälfte der 2030er Jahre.

Cyrus de la Rubia ist Gastkommentator von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.