Cyrus de la Rubia

Bitcoin als offizielle Währung Kleines Land, großes Experiment

Cyrus de la Rubia
Ein Gastkommentar von Cyrus de la Rubia
Als erstes Land weltweit lässt El Salvador Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel zu. Ein Schritt, der große Auswirkungen haben könnte – für die Wirtschaft des lateinamerikanischen Landes, aber auch weit darüber hinaus.
Geschäft in Chiltiupan, El Salvador: Spätestens Anfang Herbst müssen alle Unternehmen in dem Land Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren

Geschäft in Chiltiupan, El Salvador: Spätestens Anfang Herbst müssen alle Unternehmen in dem Land Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren

Foto: JOSE CABEZAS / REUTERS

Der Traum vieler Bitcoin-Fans wird wahr – sogar früher, als viele erwartet hatten: Mit El Salvador hat der erste Staat der Welt angekündigt, die Kryptowährung als gesetzliches Zahlungsmittel zuzulassen. Ein großer Erfolg für die Verfechter des digitalen Geldes, aber auch die Stunde der Wahrheit: Wird sich Bitcoin tatsächlich als Zahlungsmittel durchsetzen? Wird dies das Leben von Menschen ohne eigenes Bankkonto verbessern, wie die Bitcoin-Befürworter behaupten? Werden andere Länder dem Beispiel folgen? Und wenn ja, welche Konsequenzen hätte das, insbesondere für entwickelte Volkswirtschaften?

Cyrus de la Rubia
Cyrus de la Rubia

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank und deckt dort von der Konjunkturanalyse über Zins- und Währungsmärkte bis zur Tokenökonomie ein breites Spektrum an Themen ab. Modernes Geld und Zentralbanken gehören zu den Schwerpunkten des promovierten Volkswirts, außerdem ist er in der wirtschaftspolitischen Beratung für Schwellenländer tätig und war viele Jahre Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management.

Was erstaunt, ist die Geschwindigkeit: Während die Europäische Zentralbank in etwa fünf Jahren den digitalen Euro einführen möchte, scheint El Salvador binnen weniger Monate Fakten schaffen zu wollen: Am 5. Juni 2021 kündigte der 39-jährige Präsident Nayib Bukele bei einer Bitcoin-Konferenz in Miami an, die Kryptowährung zum gesetzlichen Zahlungsmittel zu machen. Vier Tage später wurde das entsprechende Gesetz vom Parlament verabschiedet. 90 Tage nach Veröffentlichung im Amtsamtsblatt soll das Gesetz in Kraft treten. Demnach müssten spätestens Anfang Herbst alle Unternehmen in El Salvador Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren. Auch Steuern können dann in Bitcoin gezahlt werden.

Fehlende Infrastruktur

Fragt sich nur, wie dass so schnell gehen soll. Tatsache ist, dass zunächst eine Infrastruktur aufgebaut werden muss, um auch Kleinstzahlungen in Bitcoin möglich zu machen. Zwar kann man theoretisch über die Bitcoin-Blockchain durchaus selbst einen Espresso digital bezahlen. Die damit verbundenen Transaktionskosten schwanken jedoch zwischen einigen Cent und 50 US-Dollar pro Transaktion, weswegen sich diese Zahlungsart nicht durchgesetzt hat.

Hinzu kommt, dass in El Salvador die Internetabdeckung eine der schlechtesten der Welt ist. Zudem ist das Pro-Kopf-Einkommen eines der niedrigsten in Lateinamerika, sodass es vielen Bürgern finanziell gar nicht möglich ist, überhaupt ein Smartphone zu erwerben. Damit fehlen entscheidende Voraussetzungen, dass jeder Bürger Zugriff auf ein Wallet für die digitale Währung erhält und auch Zugriff darauf hat.

Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen sollte man das Projekt allerdings nicht voreilig abschreiben. Denn die explizite Legalisierung von Bitcoin als Zahlungsmittel, und sei es in einem noch so kleinen Land, könnte dem Vorhaben insgesamt mithilfe privater Investoren einen erheblichen Schub verleihen, nach dem Motto: Wenn es hier klappt, kann es auch in anderen Ländern funktionieren.

Viele Vorteile und ein großes Risiko

Angenommen, die technischen Voraussetzungen in El Salvador würden geschaffen und Bitcoin würde sich tatsächlich als Zahlungsmittel etablieren, könnte das Land davon volkswirtschaftlich durchaus profitieren. Ein vom US-Dollar unabhängiges Zahlungssystem würde die für El Salvador überlebenswichtigen Überweisungen aus dem Ausland deutlich günstiger machen (eventuelle Wechselkursveränderungen einmal außer Acht gelassen). Die Höhe der Auslandsüberweisungen beträgt jährlich rund sechs Milliarden US-Dollar, was etwa einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. Setzt man die Weltbank-Schätzung von drei Prozent als Transaktionskosten an, ließen sich bis zu 0,7 Prozent des BIP an Kosten sparen – eine durchaus erhebliche Summe. Außerdem erhielten die Menschen leichter Zugang zum Finanzsektor. Derzeit haben laut Weltbank 24 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahre kein Bankkonto.

Eine Gefahr sind dagegen die zum Teil erheblichen Preisschwankungen bei Bitcoin. Wie stark sie sich auswirken würden, hängt davon ab, ob das an die Kryptowährung angeschlossene Zahlungssystem vor allem für Transaktionen verwendet würde oder ob die Menschen beginnen würden, einen Teil ihrer Bitcoin als "Barschaft" im Wallet, dem digitalen Portemonnaie, zu halten. Die Regierung hat angekündigt, dass die staatliche Entwicklungsbank Bandesal Bitcoin im Wert von 150 Millionen US-Dollar erwerben und als Wechselstelle fungieren soll. Jeder Bürger soll die Möglichkeit haben, Bitcoin in US-Dollar – der bisherigen Währung El Salvadors – zu tauschen. Grundsätzlich soll dies auch an Kryptobörsen möglich sein.

Das Risiko liegt dennoch auf der Hand: In Zeiten, in denen der Bitcoin-Kurs steigt, werden viele Menschen darauf verzichten, Bitcoin in US-Dollar zu tauschen. Sinkt der Kurs stark wie zuletzt, könnten viele Menschen zahlungsunfähig werden, etwa wenn sie gleichzeitig einen Kredit in US-Dollar bedienen müssen.

Geldpolitische Handlungsunfähigkeit

Geldpolitisch ist die Einführung einer zweiten externen Währung vermutlich unproblematisch – weil sie wenig verändert. Schon jetzt kann El Salvador keine eigene Geldpolitik betreiben, da das Land nicht über eine eigene Währung verfügt. Das Argument, man wolle sich mit der Einführung von Bitcoin vom Einfluss der US-Notenbank lösen, ist aber fadenscheinig: Selbst, wenn Bitcoin den US-Dollar als meist verwendete Landeswährung ersetzen sollte – das Gesetz sieht vor, dass beide Währungen parallel genutzt werden können –, setzt man sich damit einer anderen, nicht beeinflussbaren Größe aus: den unvorhersehbaren Aktionen der Bitcoin-Marktteilnehmer, etwa eines Elon Musk.

Die wichtigsten Kryptowährungen der Welt

Der Bitcoin ist die bei Weitem älteste und bekannteste Digitalwährung. Er hat zudem mit aktuell etwa 60 Prozent den größten Marktanteil unter den derzeit rund 7000 Kryptowährungen. Entstanden ist der Bitcoin zu Zeiten der Finanzkrise 2008. Sein Erfinder ist bis heute nur unter einem Decknamen bekannt. Wichtigste Merkmale des Bitcoins sind seine dezentrale Organisation und die Verwendung der Datenbanktechnik "Blockchain". Beides zusammen sichert den Bitcoin-Nutzern ein hohes Maß an Anonymität: Zahlungen in Bitcoin sind praktisch nicht nachzuverfolgen.

Einigermaßen realistisch erscheint daher nur die Variante, dass Bitcoin als Mittel für den Zahlungsverkehr verwendet wird, sich aber wegen der Preisschwankungen als Wertaufbewahrungsmittel gegenüber dem US-Dollar nicht durchsetzt.

Geopolitische Gefahr

Offen ist allerdings, wie die USA und die EU auf die Initiative El Salvadors reagieren. Immerhin erleichtert es die Einführung von Bitcoin als gesetzliche Währung, Sanktionen und Geldwäscheverbote zu umgehen. Im internationalen Vergleich von 179 Ländern liegt El Salvador auf Rang 104 des von Transparency International gemessenen Korruptionsindex. Mit 51 Tötungsdelikten im Jahr pro 100.000 Einwohner lag das Land 2018 im internationalen Vergleich an vierter Stelle. Der Verdacht, dass Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel – auch vonseiten der Politik – in El Salvador willkommen ist, um illegale Zahlungsströme bequemer abzubilden, liegt daher nicht gerade fern.

Was also, wenn das Beispiel Schule macht? Was, wenn beispielsweise Iran denselben Schritt ginge und ein Netzwerk aus Bitcoin-Ländern entstünde, die dann – unbehelligt von den USA – im Handel die Kryptowährung einsetzen würden?

Vor diesem Hintergrund wäre es keine Überraschung, wenn die USA und die EU versuchen würden, El Salvador noch von seinem Vorhaben abzubringen. Ein Hebel könnte das geplante Abkommen des lateinamerikanischen Landes mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sein, das in diesen Tagen verhandelt wird. Der IWF hat seine Skepsis gegenüber dem Bitcoin-Vorhaben bereits zum Ausdruck gebracht.

Grundsätzlich könnte Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel einen Investitionsschub in die Zahlungsinfrastruktur in El Salvador auslösen, die Internetabdeckung verbessern und zu hohen Einsparungen bei den für das Land sehr wichtigen Überweisungen aus dem Ausland führen. Aber wiegt das die Nachteile auf, die es mit sich bringt, sich mit dem großen Gegner im Norden anzulegen? Werden die USA es zulassen, dass andere Länder denselben Weg gehen und so ein Zahlungssystem entsteht, das die Umgehung von Sanktionen und Geldwäschegesetzen erlaubt?

Was den Sinn dieses Vorhabens betrifft, gibt es zurzeit eindeutig mehr Fragen als Antworten.

Cyrus de la Rubia ist Gastkommentator von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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