Mit Kryptowährung gegen Sanktionen "Russland braucht erst noch eine Infrastruktur, um Sanktionen zu umgehen"

Kann Russland mit Kryptowährungen Sanktionen umgehen? Krypto-Experte Philipp Sandner erklärt, wie das Land auf Bitcoin als Zahlungsmethode umsteigen könnte - und welche Hürden es gibt.
Das Interview führte Alexandra Knape
Bitcoin, Ether und Co.: Das Interesse an Kryptowährungen wächst in der Krise

Bitcoin, Ether und Co.: Das Interesse an Kryptowährungen wächst in der Krise

Foto: DADO RUVIC/ REUTERS

manager magazin: Herr Sandner, es ist noch nicht lange her, dass Russlands Präsident Wladimir Putin sich für den Bitcoin als Zahlungsmittel ausgesprochen hat. War das schon eine Vorbereitung, um mögliche Sanktionen zu umgehen?

Philipp Sandner: Ich glaube nicht. Im Januar hatte die russische Zentralbank noch ein Verbot von Kryptowährungen gefordert. Das geht schon sehr hin und her, sodass ich das nicht als Vorbereitung sehen würde.

Russland ist inzwischen vom Banken-Kommunikationssystem Swift ausgeschlossen - und damit von einem großen Teil des internationalen Zahlungsverkehrs. Könnte Russland nun mithilfe von Kryptowährungen diese Sanktionen ad hoc umgehen?

Um Kryptowährungen als Zahlungsmittel einzusetzen und damit die Sanktionen zu umgehen, müsste erst mal die Infrastruktur her. Bisher werden die digitalen Coins vor allem von Privatpersonen benutzt. Es gibt so gut wie keine Integration von Unternehmen. Natürlich kann es sein, dass Russland, nachdem die Banken von Swift ausgeschlossen worden sind und auch die Zentralbank mit Sanktionen belegt wurde, nun überlegt, ein entsprechendes System aufzubauen.

Wie lange würde das dauern?

Ich denke, man müsste mit sechs bis zwölf Monaten rechnen. Somit könnte man zumindest einen Teil der Wirtschaft etwa an blockchain-basierte Stablecoins anschließen. Das dauert aber eher zwölf als sechs Monate.

Was müsste Russland konkret unternehmen, um auch für Firmen eine Kryptowährungs-Infrastruktur aufzubauen?

Die Blaupause gibt El Salvador vor. Dort wurde ja im Herbst 2021 der Bitcoin als gesetzliche Währung eingeführt. Als erstes müsste die Regierung den Unternehmen wie auch den Menschen ein Gateway zur Verfügung stellen – ähnlich wie die Paypal-App. Mit dieser App würden dann Bezahlvorgänge erledigt – über das Handy.

Könnte so eine App denn ohne weiteres aufgesetzt werden?

Das wäre sicherlich machbar, die Regierung müsste die Verbreitung dann natürlich unterstützen und dafür werben. Aber es gibt dabei eine große Hürde.

Welche Hürde ist das?

Der App-Store. Amerikanische Unternehmen – also Apple und Google - müssten die Zahlungs-App zulassen. Das Handy würde plötzlich zur kritischen Infrastruktur gehören. Und man dürfte wohl erwarten, dass es westliche Regierungen gibt, die dann bei den Unternehmen anklopfen würden, um über die Zulassung derartiger Apps zu entscheiden. Aber das ist erst mal alles recht hypothetisch. Eine Alternative wäre die Nutzung von normalen Browsern, um ein Gateway zu Blockchain-Systemen anzubieten.

Also erscheint es zunächst unwahrscheinlich, dass Russland Sanktionen kurzfristig mit Hilfe von Kryptowährungen umgehen kann.

Russland könnte schon versuchen, ein System aufzubauen, aber es gibt eben einige Hürden. Sie könnten auch überlegen, sich der digitalen Währung der Chinesen anzuschließen, der digitale Yuan ist ja seit kurzem auf dem Markt.

Es ist dennoch gerade ein höheres Interesse an Kryptowährungen zu beobachten. Bitcoin hat seit Sonntag, nachdem Russland aus Swift ausgeschlossen wurde, zweistellig zugelegt. Woher kommt dieser Hype?

Es ist ein Phänomen, dass ich nun schon häufiger beobachtet habe. Der Bitcoin wird immer dann besonders interessant, wenn es in Staaten kriselt und die Inflation rasant zunimmt. Das war in El Salvador so, in Venezuela und auch in der Türkei. Aber man kann sicherlich nicht von einer breiten, die ganze Bevölkerung umfassende Nutzung sprechen. Es sind überwiegend junge Menschen, die dem Thema aufgeschlossen sind – und auch immer nur eine Minderheit.

Tatsächlich könnte man sich aber nun fragen, wenn dieses Muster so funktioniert, ob der Bitcoin in Krisenzeiten für mehr Menschen interessant wird. Derzeit scheint die ganze Welt in eine Krise zu rutschen und der Bitcoin könnte - wenn die Erzählung der "Krisenwährung" die Menschen überzeugt - deutlich an Wert gewinnen.

Sind die Krypto-Umsätze in Staaten wie Russland und der Ukraine denn zuletzt gestiegen?

In der Ukraine wurden vermehrt Bitcoins gekauft und das zu einem Ortspreis, der zehn Prozent über dem Weltpreis lag. Die Menschen haben offenbar ihre Währungen in Bitcoins umgetauscht. Es könnte sein, dass das Menschen waren, die auf der Flucht sind und auf diese Weise ihr Geld mitnehmen wollten. Es könnte auch sein, dass sie ihr Geld gegen Währungsverluste ihrer eigenen Währung absichern wollten und deshalb Bitcoins kauften. Und ein weiterer Grund: Wenn Kreditkarten nicht mehr funktionieren, so funktioniert Bitcoin technisch gesehen immer. Beobachtet habe ich außerdem, dass die ukrainische Regierung Wallets für Bitcoin und Ethereum eröffnet hat, in das Spenden fließen können. Einige Millionen an Spenden sind so auch eingegangen.

Haben Sie ähnliches in Russland beobachtet?

Nein, es gibt aber auch keine Institution, die das genau beobachtet. Wer die sozialen Medien beobachtet, sieht dort derzeit ausschließlich die Ukraine; russische Beobachter sind dort derzeit verschwunden – inklusive der russischen Social-Media-Trolle.

Menschen, die von Sanktionen des Westens getroffen sind, könnten ihr Vermögen in Kryptowährungen getauscht und auf diese Weise geparkt haben.

Natürlich können auch Oligarchen Bitcoin kaufen - oder sie parken ihr Geld in Stablecoins, die an den US-Dollar angelehnt ist. Da gibt es nicht solche starke Schwankungen und das Geld wäre erst einmal vor einem Zugriff sicher. Nur der Umtausch in heutige Währungen wie den Dollar oder den Euro funktioniert wegen der Sanktionen eben nicht.

akn