Cyrus de la Rubia

Krypto-Crash Warum der Absturz der Kryptowährungen eine gesunde Bereinigung ist

Cyrus de la Rubia
Ein Gastkommentar von Cyrus de la Rubia
Pessimisten interpretieren die spektakulären Pleiten und Kursverluste an den Kryptomärkten als Indiz für das nahende Ende dieses Sektors. Sie liegen falsch.
Bitcoin-Messe in den USA: Kryptowährungen werden ihr disruptives Potenzial über kurz oder lang auch entfalten

Bitcoin-Messe in den USA: Kryptowährungen werden ihr disruptives Potenzial über kurz oder lang auch entfalten

Foto: CRISTOBAL HERRERA-ULASHKEVICH / EPA

Endlich verschwindet dieser ganze Krypto-Hokuspokus. So oder so ähnlich werden derzeit die Turbulenzen an den Märkten rund um Bitcoin, Ether und kryptobezogenen Unternehmen kommentiert. Tatsächlich haben die beiden wichtigsten Kryptowährungen Bitcoin und Ether seit dem Allzeithoch Anfang November Kursverluste zwischen 70 und 80 Prozent verzeichnet, zudem sind einige Kryptowerte buchstäblich verdampft.

So verlor ausgerechnet die als Stablecoin vermarktete und an den US-Dollar gekoppelte Terra USD innerhalb weniger Tage die komplette Marktkapitalisierung von 17 Milliarden US-Dollar, weil Anleger in Reaktion auf einen Wertverlust in Panik gerieten und den nicht mehr so stabilen Stablecoin so rasch wie möglich gegen andere Währungen eintauschten.

Cyrus de la Rubia
Cyrus de la Rubia

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank und deckt dort von der Konjunkturanalyse über Zins- und Währungsmärkte bis zur Tokenökonomie ein breites Themenspektrum an Themen ab. Modernes Geld und Zentralbanken gehören zu seinen Schwerpunkten, außerdem ist er in der wirtschaftspolitischen Beratung für Schwellenländer tätig und war viele Jahre Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management.

Der unregulierten Kryptobank Celsius widerfuhr Ähnliches, als sie Schwierigkeiten bekundete, die Anleger auszuzahlen, die ihre bei Celsius angelegten Kryptowährungen abziehen wollten. BlockFi, ein Anbieter mit vergleichbarem Geschäftsmodell, geriet ebenfalls in Schwierigkeiten und musste von der Kryptobörse FTX gestützt werden. Auch der Hype am Markt für Non Fungible Token (NFT) geht offenbar zu Ende. Für den ersten Tweet des Twitter-Mitbegründers Jack Dorsey (45) wurden im April nur noch 270 US-Dollar geboten. Gut ein Jahr zuvor hatte Dorsey den NFT noch für 2,9 Millionen US-Dollar veräußert.

Was ist da los? Und warum gerade jetzt?

Um Vermögenspreisblasen zum Platzen zu bringen, braucht es nicht unbedingt einen konkreten Anlass. Es ist wie bei einem Luftballon: Wird dieser immer weiter aufgepumpt, platzt er irgendwann – auch ohne Nadel. Allerdings gibt es auf dem Kryptomarkt durchaus einige Nadeln, die dazu beigetragen haben, dass die Nervosität der Anleger sprunghaft zugenommen hat.

Da ist zum einen eine allgemeine Verunsicherung durch den Ukraine-Krieg und die Rezessionsängste. In einem solchen Umfeld steigt die Risikoaversion. Kryptowerte gehören ganz offensichtlich zu den risikobehafteten Assets, insbesondere aus der Perspektive der traditionellen Investoren. Diese stoßen in unsicheren Zeiten Risiko-Assets wie Technologieaktien, Unternehmensanleihen mit unterdurchschnittlicher Bonität und eben auch Kryptowerte eher ab.

Insofern ist es Fluch und Segen zugleich, dass sich zuletzt zunehmend auch Institutionen der etablierten Finanzwelt am Kryptomarkt engagiert haben. Ohne ihr Engagement wäre es vermutlich mit den Kursen von Bitcoin und Co. in den vergangenen zwei Jahren nicht so steil nach oben gegangen. Jetzt aber sind sie vermutlich der wichtigste Treiber des aktuellen Abwärtstrends, der halbwegs parallel zu den Kursverlusten an den Aktienmärkten verläuft.

Die wichtigsten Kryptowährungen der Welt

Der Bitcoin ist die bei Weitem älteste und bekannteste Digitalwährung. Er hat zudem mit aktuell etwa 60 Prozent den größten Marktanteil unter den derzeit rund 7000 Kryptowährungen. Entstanden ist der Bitcoin zu Zeiten der Finanzkrise 2008. Sein Erfinder ist bis heute nur unter einem Decknamen bekannt. Wichtigste Merkmale des Bitcoins sind seine dezentrale Organisation und die Verwendung der Datenbanktechnik "Blockchain". Beides zusammen sichert den Bitcoin-Nutzern ein hohes Maß an Anonymität: Zahlungen in Bitcoin sind praktisch nicht nachzuverfolgen.

Zudem spielt die von nahezu allen wesentlichen Zentralbanken eingeleitete Zinswende, die auch die langfristigen Renditen für Staatsanleihen erfasst hat, für viele Krypto-Anleger eine wichtige Rolle. Zur Zeit der Negativzinsen waren der Kauf von Bitcoin und Ether und deren sagenhafte Kurssteigerungen angesichts der jahrelangen Dürre bei traditionellen Zinsprodukten eine verlockende Alternative. Manche Anleger ließen sich auch von vollkommen unrealistischen Zinsversprechen einiger Krypto-Anbieter blenden. Jetzt, da langfristige Bundesanleihen wieder eine positive Nominalrendite bieten, nimmt der Leidensdruck wieder ab, und die Anleger wenden sich wieder den traditionellen Finanzprodukten zu. Das geht zulasten der Kryptowerte.

Warum das Krypto-Prinzip unkaputtbar bleibt

Daraus zu schließen, dass nunmehr das Ende des gesamten Sektors eingeläutet wird, ist allerdings ein Trugschluss. Sowohl die Historie als auch der mit der neuen Blockchain-Technologie verbundene Nutzen geben klare Hinweise darauf, dass Krypto-Assets mit all ihren Facetten nicht nur eine Zukunft haben, sondern ihr disruptives Potenzial über kurz oder lang auch werden entfalten können.

Zunächst sollte man nicht den Fehler begehen, die unterschiedlichen Geschäftsmodelle in der Kryptowelt über einen Kamm zu scheren. Bitcoin und Ether basieren auf hochgradig dezentral organisierte Blockchains und sind daher von ihrer Konstruktion her sehr robust. Die codierten Protokolle haben Anreizsysteme, die die jeweilige Blockchain nahezu unkaputtbar machen. Selbstverständlich schließt das Kursschwankungen, die den Wert der jeweiligen Blockchain widerspiegeln, nicht aus. Im Gegensatz zu Bitcoin und Ether sind Terra USD und Celsius zentralisierte Anbieter, die angesichts von Renditeversprechen von jährlich 18 Prozent und mehr mit dem Konzept des Decentralized Finance (DeFi) nichts zu tun haben. Die Stablecoin Dai, ein DeFi-Projekt par excellence, hat auf den Kollaps von Terra USD hingegen nicht reagiert und nichts von seiner Stabilität eingebüßt.

Wie war das damals mit dem Internet?

Weiter ist festzustellen, dass selbst gewaltige Kursverluste bei Kryptowährungen nichts Ungewöhnliches sind. 2011, 2015 und 2018 verzeichnete der Bitcoin Preisrückgänge von jeweils mehr als 80 Prozent (ausgehend vom zuvor erreichten Rekordniveau). Anleger, die sich schon länger in diesem Markt bewegen, sind daher durchaus gelassen trotz des derzeitigen Bärenmarkts.

Historisch bietet sich der Vergleich mit dem Platzen der Dotcom-Blase kurz nach der Jahrtausendwende an, die ja ebenfalls nicht den Tod sämtlicher Internetwerte bedeutete. Gemessen am technologielastigen Nasdaq betrugen die Kursverluste zwar knapp 80 Prozent, zahllose Unternehmen mussten Insolvenz anmelden und verschwanden. Das Internet aber ist geblieben, mehr noch: Ein paar Jahre später ging es erst richtig los, die Digitalisierung revolutionierte die Wirtschaft, der Aufstieg von Tech-Giganten wie Amazon, Facebook und Google begann. Dabei hatte Nobelpreisträger Paul Krugman 1998 noch gesagt: "Im Jahr 2005 oder so wird klar werden, dass die Auswirkungen des Internets auf die Wirtschaft nicht größer gewesen sein wird als die von Faxgeräten."

Wie es nun weitergeht

Solange die allgemeine Risikoaversion anhält, wird sich die Spreu zunehmend vom Weizen trennen. Übrigbleiben werden dezentralisierte Kryptowährungen mit einem guten Markennamen sowie DeFi-Projekte, die diesen Namen verdienen, also tatsächlich weitestgehend dezentralisiert sind. Unregulierte zentralisierte Kryptobörsen dürften es schwer haben, einen kommenden Kryptowinter schadlos zu überstehen, dasselbe gilt für unregulierte Stablecoins, es sei denn sie sind dezentral aufgebaut. Darüber hinaus kann sich diese Krise als überaus hilfreich erweisen, weil sie die Schwächen der bisherigen Geschäftsmodelle gnadenlos aufdeckt. Die überlebenden Anbieter werden daraus lernen und die Robustheit ihrer Ansätze stärken. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass eine neue Generation von Anbietern die Fehler ihrer Vorgänger von vornherein vermeidet.

Im Ergebnis wird der DeFi-Sektor aller Wahrscheinlichkeit nach seine Vorteile gegenüber der traditionellen Finanzwelt zunehmend ausspielen können. Die Mittlerfunktion vieler Finanzinstitute dürfte an Bedeutung verlieren, der Zahlungsverkehr könnte zu einem großen Teil über dezentrale Netzwerke stattfinden. Auch die Kreditvergabe über dezentrale Anbieter, die Kryptowerte als Sicherheiten akzeptieren, wird in Zukunft vermutlich eine bedeutende Rolle spielen. Mit der Tokenisierung von Vermögenswerten könnten bislang vergleichsweise illiquide Werte wie Immobilien und Kunstwerke besser handelbar werden. Dies würde es einer breiten Bevölkerungsschicht erlauben, zu extrem niedrigen Transaktionskosten in diese Vermögenswerte zu investieren.

Die Blockchain-Technologie und die von ihr abgeleiteten dezentralen und regulierten zentralen Geschäftsmodelle werden nicht verschwinden, sondern gestärkt aus der Krise hervorgehen. Die etablierte Finanzwirtschaft sollte diese Phase nicht missverstehen: Jetzt ist nicht die Zeit, sich beruhigt zurücklehnen, sondern die künftige Struktur des Kryptosektors aktiv mitzugestalten.

Cyrus de la Rubia ist Gastkommentator von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.