Bitcoin als Fluchtwährung Diese Krypto-Optionen könnte Russland jetzt nutzen

Russland ist aus Swift und damit aus dem internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen. Doch mit dem boomenden Krypto-Markt bekommt Putin ein mächtiges Werkzeug in die Hand, um die Sanktionen zum Teil zu umgehen. Zu dieser Strategie zählen auch Ransomware-Angriffe auf Unternehmen.
Bitcoin: Der Krypto-Boom kommt Russland nach dem Ausschluss aus Swift wie gerufen

Bitcoin: Der Krypto-Boom kommt Russland nach dem Ausschluss aus Swift wie gerufen

Foto: PHILIPPE LOPEZ/ AFP

Schnell das Dollar-Vermögen in Kryptowährung tauschen und in der eigenen Wallet sichern, bevor der Westen das Konto einfriert: Viele reiche Russen dürften in den vergangenen Tagen zumindest mit dem Gedanken gespielt haben, einen Teil ihres Vermögens eher dem Blockchain-System als dem internationalen Bankensystem anzuvertrauen.

Wer sein Geld in Kryptowährung in der eigenen Wallet parkt, entzieht es dem üblichen Zahlungsverkehr – und damit auch den Sanktionen des Westens. Allein die Erzählung, dass russische Milliardäre nun verstärkt Kryptogeld als Fluchtwährung nutzen könnten, reichte aus, um den Kurs von Bitcoin und Co binnen weniger Stunden um rund 20 Prozent in die Höhe zu katapultieren.

Es gehört zum Wesen der Kryptowährung Bitcoin, dass sie sich der Kontrolle durch Banken und Staaten entzieht. Transaktionen, die auf der Blockchain-Technologie stattfinden, benötigen keinen Zwischenhändler. Das macht Kryptowährungen auch für Hacker und Geldwäscher attraktiv: Bitcoin ist die Lieblingswährung von Cyberkriminellen, die IT-Systeme ihrer Opfer lahmlegen und Lösegeld fordern.

Warum also nicht den Bitcoin als Fluchtwährung nutzen, wenn der Dollar aufgrund von Sanktionen nicht mehr zur Verfügung steht?

Als Geldparkplatz für reiche Russen geeignet

Für Einzelpersonen aus Russland liegt es nahe, auf den Kryptomarkt als Vermögensparkplatz auszuweichen. Für den Staat Russland sehen die Dinge jedoch komplizierter aus: Die russische Zentralbank dürfte kaum ihre milliardenschweren Devisenreserven in eine weitgehend unregulierte Kryptowährung eintauschen. Um mit Kryptogeld zu handeln und weiterhin Geschäfte machen zu können, braucht man zudem einen Geschäftspartner, der diese Währung auch akzeptiert: Das gilt für Privatpersonen und Unternehmen wie für Staaten.

Aufbau einer Krypto-Infrastruktur braucht Zeit

"Russland muss erst die nötige Infrastruktur aufbauen, um Bitcoin als allgemeines Zahlungsmittel nutzen zu können", erklärt Philipp Sandner, Ökonom an der Frankfurt School of Finance, im Interview mit manager magazin. "Das dürfte eher 12 als 6 Monate dauern." Damit würde Russland in seiner aktuellen Notsituation dem Beispiel von El Salvador folgen, das den Bitcoin im vergangenen Jahr als offizielles Zahlungsmittel eingeführt hat.

Ähnlich wie bei einer Paypal-App müsste die russische Regierung allen Bürgern und Unternehmen ein Gateway zur Verfügung stellen, über das der Zahlungsverkehr per Bitcoin abgewickelt würde, erklärt Sander. Dennoch bleibt das Grundproblem: Auch Bitcoin funktioniert im internationalen Zahlungsverkehr nur, wenn auch der Geschäftspartner die Handelswährung akzeptiert. Und nach den jüngsten Sanktionen ist kaum vorstellbar, dass Apple oder die Alphabet-Tochter Google eine solche russische Bezahl-App in ihre App-Stores aufnehmen.

Sanktionen abschwächen: Der Krypto-Boom kommt Russland wie gerufen

Dennoch: Wirtschaftssanktionen wie der Ausschluss Russlands aus dem Zahlungssystem Swift wirken nur dann, wenn Zahlungen tatsächlich über staatlich kontrollierte Banken abgewickelt werden. Je größer der Kryptomarkt wird und je stärker sich Bitcoin und Co als Zahlungsmittel etablieren, desto schwieriger wird es, mit den Sanktionen die erwünschte Wirkung zu erzielen.

US-Sanktionen sind mächtig, so lange der Dollar die Weltleitwährung ist. Lassen sich Dollar-Zahlungen durch Krypto-Zahlungen ersetzen, verlieren die Zahlungsbeschränkungen ihre Wirkung.

Ransomware-Attacken: Russische Hacker weltweit führend

Mit dem Boom der Kryptowährungen hat Russland ein Mittel in die Hand bekommen, die Sanktionen des Westens zumindest teilweise aufzuweichen. Zumal Russland eine hohe Expertise besitzt, die Wege des Kryptogeldes zu verschleiern, wie die jüngsten Hacker- und Ransomware-Attacken aus Russland zeigen.

Die USA und Europa wollen Russland nach dem Angriff auf die Ukraine von ausländischem Kapital abschneiden. Sofern Russland jedoch Geschäftspartner findet, die sich auf Krypto-Geschäfte einlassen, dürfte Russland leichtes Spiel haben, die Kontrollstellen zu umgehen. "Russland hat genug Zeit gehabt, sich auf dieses Szenario einzustellen – und sie werden ihre Vorkehrungen getroffen haben", bestätigte der Geldwäsche-Experte Michael Parker gegenüber der "New York Times". 

Um Geldströme international zu kontrollieren, fungieren Banken als Augen und Ohren der Staaten. Die Explosion der Kryptowährungen streut ihnen jedoch Sand in die Augen, so Parker.

Banken sind dazu verpflichtet, nach der Devise "Know your customer" (KYC) die Identität ihrer Kunden zu verifizieren und bei Bedarf offenzulegen. Öffentlich zugelassene Kryptobörsen sind in der Theorie auch dazu verpflichtet. Doch in der Praxis dürfte es sehr viel schwieriger, den Spuren des Geldes auf diesen Handels- und Tauschbörsen zu folgen.

Russland und China streben nach Zahlungsverkehr außerhalb des Dollar

Bereits im Oktober 2021 hatte das US-Finanzministerium darauf hingewiesen, dass Kryptowährungen eine Bedrohung für jedes geplante finanzielle Sanktionsprogramm seien. Sanktionierte Staaten wie Russland müssen nur Mittel und Wege finden, bei ihren Geld- und Zahlungsströmen den US-Dollar zu umgehen.

In diese Richtung gehen auch Russlands Bemühungen, einen digitalen Rubel einzuführen. Zum Beispiel im Handel mit China könnten digitaler Rubel und digitaler Yuan schon bald als Zahlungsmittel eingesetzt werden – ohne dass diese Währungen jemals in Dollar getauscht werden müssen.

Auf Geldsuche: Ransomware-Attacken dürften zunehmen

Laut "New York Times" dürften Ransomware-Attacken russischer Hacker in den kommenden Wochen zunehmen.  Kryptowährung als Lösegeld oder der Diebstahl von Kryptowährungen sind ein einträgliches Geschäft: Es könnte dabei helfen, neue Geldquellen zu erschließen, um Verluste durch die internationalen Sanktionen auszugleichen.

In der Theorie sind Transaktionen in der Blockchain-Technologie transparent und können nachverfolgt werden. Doch russische Hacker sind erfahren genug, den Weg des Geldes zu verschleiern – sei es durch den Einsatz von Tauschbörsen oder durch den Einsatz speziell entwickelter Tools. Diese Technologie könnte Russland auch Unternehmen anbieten, die trotz der Sanktionen Handel mit Russland treiben und gleichzeitig unter dem Radar der Finanzaufsicht bleiben wollen.

Russland betritt damit kein Neuland. Auch Iran und Nordkorea hatten bereits versucht, durch Krypto-Deals die Wirkung von internationalen Sanktionen abzumildern. Laut einer Untersuchung der UN hat Nordkorea ebenfalls Ransomware eingesetzt, um Kryptowährung zu stehlen und damit einen Teil seines Nuklearprogramms zu finanzieren.

Wichtigster Handelspartner Russlands ist China: Sowohl mit Blick auf die Importe wie auch die Exporte. Chinas Präsident Xi Jinping bestätigte erst kürzlich, die Beziehungen zwischen den beiden Staaten hätten "keine Beschränkungen". Beide Staaten arbeiten an ihren eigenen digitalen Währungen. Für die westliche Allianz, die durch Wirtschaftssanktionen Druck aufbauen will, ist das keine gute Nachricht.