Binance-Chef Changpeng Zhao Retter oder Räuber – das Doppelspiel des neuen Kryptokönigs

Der CEO der Kryptobörse Binance brachte das Reich seines Rivalen Sam Bankman-Fried zum Einsturz. Inmitten des Crashs geriert er sich nun als Nothelfer. Doch viele misstrauen dem neuen Herrscher.
Binance-Chef Changpeng Zhao, genannt CZ: "Es wird Schmerzen geben, wenn weitere fallen"

Binance-Chef Changpeng Zhao, genannt CZ: "Es wird Schmerzen geben, wenn weitere fallen"

Foto: Antonio Masiello / Getty Images

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Wenn man sich das Reich des tief gestürzten Kryptokönigs Sam Bankman-Fried (30) als Kartenhaus vorstellt, scheint schnell klar, wer die unterste Karte herausgezogen und den Einsturz mit ausgelöst hat: Changpeng Zhao (45), Gründer und Chef der weltgrößten Kryptobörse Binance, einst Partner und später erbitterter Rivale von Bankman-Fried . Der monatelange Streit der Super-Egos "SBF" und "CZ" gipfelte Anfang November in einem Beben am Kryptomarkt, das Bankman-Frieds Kryptobörse FTX in die Pleite riss und auch Zhao mehr als 10 Milliarden Dollar kostete.

Doch seitdem hat sich ein Rollentausch vollzogen. Mit dem Niedergang des scheinbar goldenen Herrschers  Bankman-Fried stieg Zhao zum neuen König auf – dabei war der eben noch der dunkle Ritter. Seine 2017 gegründete Plattform Binance ist ein Halbschattengewächs, das in diesem Milieu in einem atemberaubenden Tempo wuchs. Bis heute wird Binance nicht von Finanzaufsichtsbehörden reguliert, im Gegenteil: die Aufseher in den USA und Europa warnen sogar. Zhao lässt auf seiner Plattform mehr als 400 Kryptowährungen handeln, mehr als dreimal so viel wie etwa bei der börsennotierten US-Plattform Coinbase. Zudem bietet Zhao extrem wilde Handelsmanöver mit Hebel und auf Marge an: Wer als Zocker mit viel Risiko ein richtig großes Rad drehen wollte, kam in sein Reich. So wurde Binance zur größten Kryptoplattform der Welt, die mehr Umsatz erzielt als die drei nachfolgenden Konkurrenten zusammen.

Was also ist zu halten vom Wechsel auf dem Kryptothron? Und wie glaubwürdig ist die Wandlung von CZ, der jahrelang gegen jede Regulierung wetterte und nun als weißer Ritter der Kryptowelt auftritt? Denn so selbstlos, wie er sich derzeit gibt, handelt der Unternehmer im schwarzen T-Shirt nicht. Einige Beobachter sehen in ihm sogar eher einen Räuber als einen Retter.

Ein vergifteter Deal

SBF und CZ verband zunächst eine Partnerschaft. Als Bankman-Fried 2019 seine Handelsplattform FTX gründete, beteiligte sich Zhao mit 100 Millionen Dollar an dem Konkurrenten. Die Welt mit Kryptodeals zu beglücken und dabei selbst dabei reich werden, war die gemeinsame Mission. Doch die Spannungen der beiden aufstrebenden Milliardäre verschärften sich: Während Bankman-Fried die Nähe zur Politik in Washington suchte, fühlte sich CZ vom Konkurrenten schlechtgemacht.

Sam Bankman Fried (links), Changpeng Zhao: Einst Partner, dann Erzrivalen - und ein Sieger

Sam Bankman Fried (links), Changpeng Zhao: Einst Partner, dann Erzrivalen - und ein Sieger

Foto: Craig Barritt / Getty Images for CARE For Special Children ; Darrin Zammit Lupi / REUTERS

Für seinen Ruf als Dark Knight der Szene hat Zhao, der selbst die meiste Zeit in Dubai lebt, jedoch auch selbst viel getan. Mehrfach zog sein Unternehmen um; bis heute ist unklar, wo der Weltmarktführer Binance eigentlich seinen Hauptsitz hat. Die Sticheleien zwischen SBF und CZ wurden inzwischen öffentlich auf Twitter ausgetragen. Im Sommer 2021, zu Hochzeiten des Booms, hatte SBF genug und zahlte seinen ungeliebten Anteilseigner aus.

Die Trennung war ein glänzendes Geschäft für Zhao. Laut Reuters flossen dem chinesisch-kanadischen Binance-Chef dadurch rund zwei Milliarden Dollar zu. SBF zahlte teils in Cash, teils im FTX-eigenen Token FTT – und sollte diesen Deal später bitter bereuen.

"Gut gespielt, du hast gewonnen"

Das Finale der Fehde ist filmreif. Anfang November kündigte CZ auf Twitter an, die FTX-Token im Wert von rund 600 Millionen Dollar von der Plattform abzuziehen und zu verkaufen. Eine solch öffentliche Ankündigung ist in der Finanzwelt höchst ungewöhnlich. Ob gewollt oder nicht – sie löste einen digitalen Bankrun auf die FTX-Plattform aus: Binnen 72 Stunden zogen Anleger rund 5 Milliarden Dollar ab, FTX geriet in akute Liquiditätsnot, der Wert der FTT-Token kollabierte. Für einen vergänglichen Augenblick bot Zhao dem taumelnden Rivalen noch an, FTX zu übernehmen und damit vor der Pleite zu retten – und zog die helfende Hand kurz darauf wieder zurück. "Wir haben von Unregelmäßigkeiten und Ermittlungen bei FTX erfahren", begründete Zhao geschäftsmäßig-nüchtern den Rückzug. "Also: Hands off."

"Nur ein Psychopath kann so einen Tweet schreiben"

Changpeng Zhao über Sam Bankman-Fried

Wenig später war FTX pleite – doch der Konflikt ging weiter. "Eines Tages werde ich mehr über meinen Sparringspartner erzählen", drohte SBF nach dem Crash auf Twitter. "Aber ich sitze im Glashaus. Darum bleibt mir jetzt nur zu sagen: Gut gespielt, Du hast gewonnen." CZ reagierte scharf: Nur ein "Psychopath" könne so einen Tweet schreiben, kommentierte er wenig später  während einer Investorenkonferenz in Dubai. Jemand, dessen Haus in Flammen stehe, sollte sich auf andere Dinge konzentrieren, als Schuldzuweisungen per Twitter zu verbreiten.

"Es gab keinen Masterplan"

Bei dieser Erzählung bleibt der kühl kalkulierende CZ bis heute. Es habe keinen "Masterplan" gegeben, um das eigene Reich inmitten des Krypto-Crashs gewaltig auszubauen, betonte Zhao in einem Interview mit dem Wirtschaftsdienst Bloomberg in dieser Woche.  FTX sei aus eigener Schuld untergegangen. "Das Einzige, was ich mir vorwerfen muss: Ich habe die kritischen Fragen zu FTX viel zu spät gestellt."

In der Tat ist die Implosion von FTX eine Folge eigener Verfehlungen. Insolvenzverwalter John Ray III. – Spitzname "Pit Bull" – stellte der Plattform FTX und dem eng verbundenen Hedgefonds Alameda ein vernichtendes Zeugnis aus. Das Fehlen jeglicher Kontrollmechanismen sei erschütternd, erklärte er laut Gerichtsunterlagen. Für viele der mehr als 130 insolventen Firmen des Reichs habe es nie irgendwelche Bilanzen oder Boardmeetings gegeben, eine Truppe unerfahrener Kids habe das Imperium geführt.

Kurzfristig jedenfalls litt auch Zhaos Vermögen unter dem jüngsten Verwerfungen in der Kryptowelt. Von einst 80 Milliarden Dollar bleiben nach Schätzungen von Forbes derzeit nur noch rund 15 Milliarden Dollar. Auch die Umsätze des Handelsriesen Binance mit Kryptowährungen und Krypto-Derivaten, die laut "FT" noch im Oktober fast 3 Milliarden Dollar betrugen, sind seitdem eingebrochen. Langfristig jedoch – sollte der Kryptomarkt nicht unwiderruflich schaden genommen haben – könnte Zhao vom Untergang profitieren: Einer der schärfsten Rivalen ist schließlich verschwunden.

CZ hat Appetit auf Übernahmen

Zhao hat aktuell so viel Macht wie nie zuvor über die Szene – und er setzt sie ein. Im Interview mit Bloomberg bekräftigte Zhao erneut sein Interesse, den insolventen Krypto-Kreditgeber Voyager Digital zu kaufen – um das Unternehmen hatte er sich seinerzeit mit Bankman-Fried einen erbitterten Übernahmekampf geliefert. Auch der Krypto-Broker Genesis Global, dem die Insolvenz droht, steht auf der Wunschliste von CZ . Ein Wal bleibt ein Wal, auch wenn alle Fische im Ozean gleichzeitig schrumpfen und die kleineren Fische zu appetitlichen Schnäppchen werden.

Zhao bestreitet die Misere der anderen für sich nutzen zu wollen. Es gehe jetzt vor allem darum, den gesamten Kryptomarkt zu stabilisieren – und in Not geratene Unternehmen zu stützen, erklärte er gegenüber Bloomberg. Nach dieser Logik war in den vergangenen Monaten auch der gestürzte Bankman-Fried aufgetreten, nun übernimmt der ehemalige Dark Knight die Rolle des weißen Krypto-Ritters  – und gefällt sich in der glänzenden Rüstung.

"Jedes Mal, wenn ein Spieler fällt, wird es schmerzhaft"

Binance-Chef Zhao über den Zustand des Kryptomarkts

Passend dazu rief Zhang dazu auf, so rasch wie möglich eine Art Rettungsfonds (Industry Recovery Fund) zu gründen, zu dem Binance bis zu eine Milliarde Dollar beisteuern wolle. Der Fonds soll den größeren Spielern des Kryptomarktes ermöglichen, in Not geratene Unternehmen zu stützen: "Im Moment gibt es viele Unternehmen da draußen, die in Schwierigkeiten sind", so CZ. Es gelte, noch "einige kritische Monate" zu überstehen. Mit weiteren Pleiten rechnet er nämlich durchaus. "Jedes Mal, wenn ein Spieler fällt, wird es schmerzhaft", sagt Zhao gegenüber Bloomberg . "Aber die Schäden, die davon ausgehen, werden von Mal zu Mal kleiner." Und er lässt keinen Zweifel daran, dass Binance unter den Überlebenden sein werde.

"Eine Firmenjäger-Geschichte"

Kritiker allerdings nehmen CZ diese neue Rolle nicht ab. "Dass Zhao auf einen Schlag all seine FTX-Token verkauft hat, wird sich am Ende als einer der größten Raubzüge der Unternehmensgeschichte herausstellen", schimpfte etwa Jon de Wet, Leiter der Anlagestrategie beim Vermögensverwalter Zerocap, gegenüber der "Financial Times" . "Das ist eine lupenreine Firmenjäger-Geschichte."

Und Zhang zündelte bereits weiter. Auch gegen die börsennotierte US-Firma Coinbase und deren Chef Brian Armstrong (39), nach dem Aus von FTX einer der verbliebenen großen Rivalen, verbreitete er Gerüchte. Per Tweet äußerte er Zweifel über die angebliche Höhe der Bitcoin-Reserven bei Coinbase. Kurz darauf löschte Zhao den Tweet wieder und sprach von einem "Missverständnis".

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Doch ganz lässt er das Sticheln nicht. "Als börsennotiertes Unternehmen hat Coinbase sicherlich geprüfte Finanzen vorzuweisen", sagte Zhao gegenüber Bloomberg. "Aber wir würden diese Informationen auch gerne in der Blockchain sehen. Wir wollen mehr Transparenz."

Ist er nun ein Retter oder doch ein Räuber? Frühere Binance-Mitarbeiter bescheinigen ihrem Chef überragende analytische Fähigkeiten, Zielstrebigkeit – und den unbedingten Willen, um jeden Preis weiter zu wachsen. Transparenz und Compliance, die CZ jetzt bei jeder Gelegenheit fordert, seien in der Vergangenheit bei dieser Wachstumsrally eher als Hindernisse angesehen worden, berichtet die "FT ".

Das Gespür von CZ für strategisch wichtige Allianzen ist zudem legendär: Als Elon Musk (51) sich zum Kauf von Twitter gezwungen sah, stieg der Binance-Chef mit der überschaubaren Summe von 500 Millionen Dollar mit ein – und sicherte sich damit einen kurzen Draht zum neuen Twitter-Herrscher.

Welch schlagkräftige Waffe die Tweets in Händen des neuen Kryptoritters sind, dürfte inzwischen jedem in der Branche klar sein. CZ kann sie einsetzen, um andere Könige vom Thron zu stoßen.

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