Wende am US-Zinsmarkt Top-Indikator sendet Alarmsignal - erstmals seit 10 Jahren

Händler an der US-Börse: Negative Zeichen von der Zinsfront.

Händler an der US-Börse: Negative Zeichen von der Zinsfront.

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Es ist einer der am meisten beachteten Rezessions-Vorboten überhaupt, und in den USA hat er zu Beginn dieser Woche zumindest zum Teil erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder deutlich in den Alarmmodus gewechselt.

Die Rede ist von der so genannten Zinsstrukturkurve, die das Verhältnis zwischen Zinsen auf Anlagen mit kurzer Laufzeit zu Zinsen auf Anlagen mit längerer Laufzeit anzeigt.

In der grafischen Darstellung verläuft diese Zinsstrukturkurve gewöhnlich von links unten nach rechts oben. Das heißt: Kapitalanlagen - beispielsweise Staatsanleihen - mit kurzer Laufzeit werfen in der Regel niedrigere Zinsen ab, als solche mit längerer Laufzeit. Schließlich ist bei längerer Frist auch das Risiko des Geldgebers höher.

Obacht ist dagegen geboten, wenn sich dieses Verhältnis umkehrt: Steigen die kurzfristigen Zinsen über die langfristigen, so gilt dies als einer der sichersten Indikatoren für einen anstehenden konjunkturellen Abschwung oder eine Rezession (eine ausführliche Erläuterung der Gründe und Hintergründe für diesen Zusammenhang finden Sie hier sowie im zweiten Teil dieses Textes). Der Fachmann spricht in dem Fall von einer "inversen Zinsstrukturkurve".

Papiere mit zehn Jahren Laufzeit im Fokus

Genau dieses ist zu Beginn dieser Woche am US-Finanzmarkt passiert. Dort sank am Montag der Spread zwischen der US-Staatsanleihe mit drei Jahren Laufzeit und jener mit fünf Jahren Laufzeit auf minus 1,4 Basispunkte. Laut Nachrichtendienst Bloomberg  war es das erste Mal seit 2007, dass dieser Wert in den negativen Bereich rutschte. Kurz darauf folgte auch der Spread zwischen der zwei Jahre laufenden US-Anleihe und dem fünf Jahre laufenden Papier - auch er wechselte in die rote Zone.

Die in diesem Zusammenhang deutlich stärker beachtete Kennzahl ist indes der Spread zwischen der zweijährigen und der zehnjährigen US-Staatsanleihe. Dieser Wert befindet sich zwar wie die anderen genannten ebenfalls seit geraumer Zeit auf Talfahrt. Derzeit hält er sich aber noch knapp im grünen Bereich, so Bloomberg.

Für Fachleute ist letzteres gegenwärtig noch ein Grund zur Entwarnung. "Ich denke nicht, dass die Inversion der Dreijährigen zu den Fünfjährigen allein in nächster Zeit große Auswirkungen auf die übrigen Asset-Klassen haben wird", sagt beispielsweise John Iborg, Portfoliomanager bei QS Investors. Ähnliche Bewegungen bei der Zwei-/Zehnjährigen- sowie der Zehn-/Dreißigjährigen-Kurve dagegen würden seiner Ansicht nach größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und hätte daher wohl auch größere Auswirkungen auf die Märkte, so Iborg.

Das letzte Mal, dass sich alle genannten Spreads in den USA im Minus befanden und somit eine vollständig inverse Zinsstruktur gegeben war, war 2006/2007 - unmittelbar vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise.

Beobachter werten die aktuelle Entwicklung laut Bloomberg nicht zuletzt deshalb vor allem als Signal an die US-Notenbank Fed, mit weiteren Zinssteigerungen vorsichtig zu sein. Denn diese könnten tatsächlich zu übermäßigen Einschränkungen für die Wirtschaft und damit zu der befürchteten konjunkturellen Abkühlung oder gar einem Abschwung führen.

Aktuell haben die Zinsbewegungen den Beobachtern zufolge demnach verschiedene Gründe. Die Entspannung im Handelskrieg zwischen den USA und China beispielsweise hatte am Montag zu einem regelrechten Run auf die Aktienmärkte geführt. Dies dürfte die Kurse kurzlaufender Anleihen belastet und damit deren Renditen in die Höhe getrieben haben, heißt es.

Auf der anderen Seite gab es eine große Nachfrage nach Papieren mit langer Laufzeit, so Bloomberg. Die Rendite der zehnjährigen US-Anleihe beispielsweise sei dadurch unter ihre viel beachtete 200-Tage-Durchschnittslinie gefallen.

Der Hintergrund: Deshalb wird die Zinsstruktur so viel beachtet - und so ist sie zu lesen

Zum Hintergrund: Die Zinsstrukturkurve zeigt an, welches Niveau die Zinsen von Anlagen wie beispielsweise Staatsanleihen mit zunehmenden Laufzeiten haben. Der Chart steigt normalerweise von links nach rechts an, weil die Zinsen für Anlagen mit kurzer Laufzeit in der Regel niedriger sind als jene mit langer Laufzeit, allein schon aufgrund des bereits erwähnten höheren Risikos für Geldgeber bei längerer Frist.

Als wichtiges Warnsignal gilt es, wenn die Zinsstrukturkurve flacher wird, wenn sich kurzfristige und langfristige Zinsen also zunehmend annähern, oder wenn die Kurve gar komplett kippt. Im letzteren Fall, wenn also die kurzfristigen Zinsen sogar höher sind als die langfristigen, spricht die Fachwelt von einer "inversen Zinsstrukturkurve".

Diese Entwicklung gilt vielen als Alarmzeichen für eine kommende Rezession, und tatsächlich zeigt die Erfahrung: In der Vergangenheit gingen zwar nicht allen, aber doch vielen wirtschaftlichen Abschwüngen Phasen mit inversen Zinsstrukturkurven voraus.

Warum ist das so? Dazu muss zunächst klargestellt werden, dass für das Zinsniveau, das der Zinskurve zugrunde liegt, ähnlich wie bei Aktienkursen an der Börse vor allem entscheidend ist, welche Erwartungen die Investoren an künftige Entwicklungen haben. Denn danach richten sie sich bei ihrer aktuellen Positionierung am Markt.

Wenn also Investoren mehrheitlich sinkende Zinsen erwarten, dann kaufen sie verstärkt langlaufende Anleihen mit vergleichsweise noch hoher Verzinsung, solange es diese noch gibt. Es steigt also die Nachfrage nach langlaufenden Anleihen und es sinkt im Umkehrschluss das Interesse an Kurzläufern. In der Folge steigen auch die Kurse der Anleihen mit langer Laufzeit - und deren Rendite sinkt. Ebenso dürften die Kurse der Papiere mit kürzerer Laufzeit sinken, woraufhin deren Rendite steigt. Wenn diese Entwicklung lange genug anhält, rutschen irgendwann die langfristigen Zinsen unter das Niveau der kurzfristigen und die Zinsstrukturkurve ist invers.

Und warum sollten Anleger plötzlich sinkende Zinsen erwarten? An der Stelle wird die Eignung der Zinsstrukturkurve als früher Rezessions-Indikator deutlich: Wenn die Akteure am Finanzmarkt davon ausgehen, dass es mit dem Zinsniveau künftig abwärts gehen wird, dann tun sie das meist, weil sie einen konjunkturellen Abschwung erwarten. Denn vor allem in solchen Fällen versuchen Zentralbanken die Wirtschaft mit niedrigen Zinsen und lockerer Geldpolitik in Gang zu halten.

Soweit die Theorie. Tatsächlich mutet es aktuell eher irritierend an, von der Erwartung an sinkende Zinsen zu sprechen. Schließlich befindet sich die US-Notenbank Fed eigentlich in einem Zyklus steigender Zinsen. In der Praxis kann es allerdings selbstverständlich vor allem kurzfristig auch andere Gründe als die genannten geben, die die Anleihekurse und -renditen bewegen.

Deshalb ist die Zinsstrukturkurve auch lediglich ein sehr guter Indikator für eine Rezession - aber selbstverständlich kein absolut sicherer.