Samstag, 17. August 2019

8,5 Jahre Haft für Ex-Wölbern-Chef Hoeneß, Middelhoff - der Schulte-Krimi stellt alles in den Schatten

Verurteilt: Wird das Urteil rechtskräftig, dann muss Heinrich Maria Schulte noch einige Jahre in Haft bleiben

2. Teil: Dunkle Gestalten, Romantik und ein Goldraub in der Schweiz - der pralle Wölbern-Krimi

Über Schultes Vorgehen an der Wölbern-Spitze, über seinen mondänen Lebensstil sowie die Art, wie er vor Gericht versuchte, die allzu offensichtlichen Vorwürfe zu entkräften, hat das manager magazin immer wieder detailliert berichtet. Heute steht fest: Es ist bester Stoff für einen Wirtschaftskrimi, mit allem, was dazu gehört.

  • Viel, viel Geld: Gemessen am Schadensvolumen spielt Schulte in der "Champions-League". Zum Vergleich: Beim Prozess gegen Uli Hoeneß im vergangenen Jahr vor dem Landgericht München ging es um Steuerschulden von 28,5 Millionen Euro. Der ebenfalls öffentlich sehr aufmerksam verfolgte Fall des Ex-Topmanagers Thomas Middelhoff vor dem Landgericht Essen drehte sich sogar "nur" um Untreuevorwürfe von weniger als einer Million Euro.
  • Erbitterte Gegner: Ohne extrem kritische und engagierte Leute unter den Wölbern-Anlegern wären Schultes Aktivitäten kaum in dieser Weise aufgeklärt und geahndet worden. Zu nennen sind insbesondere der umtriebige Netzwerker Christoph Schmidt sowie der frühere Bankchef und Ex-CDU-Bürgerschaftsabgeordnete von Hamburg, Ove Franz. Diese Männer haben den Widerstand organisiert, und in den vergangenen Jahren zusammen mehrere Dutzend Zivilprozesse gegen den Ex-Wölbern-Chef geführt oder begleitet.
  • Dunkle Gestalten: Die Anwälte der internationalen Kanzlei Bird & Bird berieten das Wölbern-Management in den entscheidenden Jahren auf das Engste. Doch welche Verantwortung tragen sie? Was wurde hinter verschlossenen Türen im Wölbern-Sitz am Hamburger Grasbrook wirklich besprochen? Auch Richter Rühle ging darauf in seiner Urteilsbegründung nicht im Detail ein. Als Zeugen im Gericht schwiegen die Bird & Bird-Leute beharrlich. Doch das wird sich vielleicht bald ändern: Bird & Bird sieht sich mit einer 130-Millionen-Euro-Schadensersatzklage von Wölbern-Fonds konfrontiert, über die es irgendwann in Zukunft zu verhandeln gilt.
  • Internationales Flair: Unvergessen die Räuberpistole, die Professor Schulte im Gerichtssaal am 4. September 2014 erzählte. Irgendwann 2012 sei er mit dem Auto in die Schweiz gefahren, um einen Geschäftspartner zu treffen. Im Kofferraum mit dabei: Goldbarren im Wert von etwa einer Million Euro. Es kommt wie es kommen muss, als Schulte nach einer Rast zum Auto zurückkehrt, traut er seinen Augen nicht, so sagt er: Der Wagen geknackt, das Gold - entwendet! Zeugen gibt es dafür allerdings keine ...
  • True Romance: Schultes deutlich jüngere Lebensgefährtin saß an den Prozesstagen stets im Publikum und fieberte mit. Ein Lächeln hier, ein Zwinkern da. Hin und wieder auch, und stets mit einem zugriffsbereiten Justizbeamten in nächster Nähe, ein Küsschen. Tränen flossen regelmäßig.
  • Und Action! Dutzende Beamte stürmen die Wölbern Büros in der Hamburger Hafencity, der Chef kommt in Haft: Die Razzia am Montag, den 23. September 2013 ist zweifellos der spektakulärste Teil des Wölbern-Plots. Rund 100 Kisten mit Unterlagen schleppen die Ermittler in ihre Autos, elektronisch werden gigantische Datenmengen gesichert. Das meiste davon dürfte sich bis heute kaum jemand angeschaut haben.

Einer der bemerkenswertesten Aspekte dieses 147-Millionen-Euro-Justizspektakels, bei dem die Fakten nun so klar und eindeutig auf dem Tisch liegen, wie das Urteil sagt, wurde bislang indes kaum beleuchtet: Nachdem die Behörden den Fall nach Anzeigen aus dem Investorenkreis im Jahr 2012 zum ersten Mal geprüft hatten, wollten sie ihn eigentlich schon zu den Akten legen. Dumm nur für den früheren Wölbern-Chef Schulte, dass sich auch ein ehemaliger Hamburger Richter unter seinen Anlegern befand.

Christoph Rottwilm auf Twitter
Der Jurist im Ruhestand, einst vorsitzender Richter für Handelssachen am Landgericht Hamburg, reichte bei dem Justizapparat, für den er jahrelang tätig gewesen war, eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein - und die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen.

Das Ergebnis ist das Urteil gegen Schulte vom heutigen Tage. Es ist ein hübsches Gedankenspiel, was wohl passiert wäre, wenn jener Richter, der die Beschwerde einreichte, sich vor Jahren nicht für ein Investment in einen Wölbern-Fonds entschieden hätte.



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