Schlüsselzeuge im Wölbern-Prozess "Ich kann auf chinesisch Kaffee bestellen"

Um diesen wichtigen Zeugen haben die Verteidiger im Untreueprozess gegen Ex-Wölbern-Chef Heinrich Maria Schulte lange gekämpft. Umso enttäuschter dürfte der Angeklagte nach dem heutigen Verhandlungstag sein.
Fühlt sich von seinen Ex-Beratern im Stich gelassen: Ex-Wölbern-Chef Schulte in Hamburg vor Gericht

Fühlt sich von seinen Ex-Beratern im Stich gelassen: Ex-Wölbern-Chef Schulte in Hamburg vor Gericht

Foto: DPA

Hamburg - "Deutsch, englisch und spanisch", sagt der Zeuge auf die Frage nach seinen Fremdsprachenkenntnissen. Und: "Ich kann auf chinesisch einen Kaffee bestellen, das war's."

Ja, das war's. Nicht ein Wort mehr war von Ole B., Rechtsanwalt bei der internationalen Kanzlei Bird & Bird, am heutigen Donnerstag im Gerichtssaal des Hamburger Landgerichts zu hören. B. war geladen, weil er Fragen im Prozess gegen Heinrich Maria Schulte beantworten sollte. Schulte steht seit Monaten wegen des Vorwurfs der gewerblichen Untreue vor Gericht. 147 Millionen Euro soll er zwischen August 2011 und September 2013 als seinerzeitiger Chef des Fondshauses Wölbern Invest aus geschlossenen Fonds des Unternehmens zweckentfremdet haben, was der gelernte Mediziner bestreitet.

Zeuge B. gilt als wichtige Figur im Wölbern-Komplex. Als Anwalt von Bird & Bird stand er Firmenchef Schulte in der fraglichen Zeit beratend zur Seite. Sein Name fiel bereits in vielen Zeugenbefragungen vor Gericht. Im Zusammenhang mit dem umstrittenen Liquiditätsmanagementsystem, das im Zentrum der Vorwürfe gegen Schulte steht, sowie mit Anleihen, Darlehensverträgen und einem angeblich existierenden Sicherheiten-Pool soll der Jurist verschiedene Schriftstücke - Briefe, Gutachten und ähnliches - verfasst haben.

Vor allem für Schultes Verteidiger war der heutige Auftritt Bs. daher ein wichtiger Termin. Seit Beginn des Prozesses versuchen sie, das Gericht davon zu überzeugen, dass nicht Schulte alleine, sondern auch seine Berater für den umstrittenen Umgang mit den Fondsgeldern verantwortlich seien. Dabei geht es vor allem um die Anwälte von Bird & Bird, namentlich also Ole B. sowie den seinerzeit ebenfalls für die Kanzlei in Sachen Wölbern aktive Anwalt Frank M..

Zeuge verweigert die Aussagen

Doch alle Versuche, die ehemaligen Rechtsberater Schultes zum Reden zu bringen, liefen bislang ins Leere. Ex-Bird & Bird-Mann M., der bei der Kanzlei inzwischen ausgeschieden ist, hatte bereits vor Wochen vor Gericht die Aussage verweigert, aus Angst, er könne sich selbst belasten.

Gleiches tat am heutigen Verhandlungstag auch Ole B.. Weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen möglicher Beihilfe ermittelt, berief der sich auf Paragraf 55 der Strafprozessordnung: das Auskunftsverweigerungsrecht (Anm. d. Red.: Das Verfahren gegen Ole B. wurde inzwischen nach Paragraf 153a StPO eingestellt).

Überraschend war das nicht. Bs. Anwalt Nikolai Venn von der Berliner Kanzlei Freyschmidt, Frings, Pananis, Venn hatte das Gericht bereits vor Wochen über die Entscheidung seines Mandanten informiert, lieber nichts zu sagen. Die logische Folge hätte also sein können, dass der Zeuge samt Rechtsbeistand gar nicht erst hätte anreisen müssen, zumal das Ermittlungsverfahren gegen B. als Argument für eine Auskunftsverweigerung schwer genug wiegt.

Doch es kam anders: Nach einigem Hin und Her mit Schultes Anwälten entschied im Oktober der seinerzeit vorsitzende Richter Hartmut Loth, der den Vorsitz im Schulte-Prozess ruhestandsbedingt inzwischen an Richter Peter Rühle abgegeben hat, Ole B. müsse dennoch erscheinen. Schließlich gebe es bestimmte Fragen zu B. "berufstypischen, neutralen Handlungen" als Anwalt, die nicht unter das Auskunftsverweigerungsrecht fielen und möglicherweise beantwortet werden müssten.

Schulte: "Verstehe nicht, warum Sie mich im Stich lassen"

Deshalb also der Auftritt des Bird & Bird-Juristen vor Gericht, und deshalb auch die hartnäckigen Versuche von Schultes Anwälten, den Zeugen zur Beantwortung ihrer Fragen zu bewegen. Zwei lange Schriftstücke trägt Verteidiger Wolf Römmig vor, die angeblich von B. verfasst worden sein sollen. Dann Römmigs Frage: Kennen Sie die Papiere? Und die Antwort: Keine Auskunft.

Nächster Versuch: Verteidiger Arne Timmermann ruft noch einmal die Auffassung des Gerichts in Erinnerung, dass der Zeuge zu bestimmten berufstypischen, neutralen Handlungen doch durchaus Auskunft erteilen müsse. Dann stellt Timmermann einen Katalog von zehn Fragen zusammen, auf die er gerne Antworten hätte.

Die einzige Information, zu der sich B. und sein Anwalt Venn durchringen können, ist jedoch jene zu den Fremdsprachenkenntnissen. Die neun übrigen Fragen streicht Richter Rühle von der Liste: Sie fallen unter das Auskunftsverweigerungsrecht, so dessen Einschätzung.

Das hatten sich Schulte und seine Verteidiger zweifellos anders vorgestellt. Selbst der Versuch des Angeklagten, seinen früheren Berater zu guter Letzt mit persönlichen Worten doch noch zum Reden zu bringen ("Verstehe nicht, warum Sie mich im Stich lassen"), läuft ins Leere. Nach deutlich mehr als einer Stunde verlässt Zeuge B. den Saal. Und die Anwesenden wissen kaum mehr über ihn, als dass er deutsch, englisch und spanisch spricht und auf chinesisch einen Kaffee bestellen kann.

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