Jetzt droht der Kollaps der US-Wirtschaft Warum der Corona-Crash noch nicht vorbei ist

Die erste Corona-Welle scheint überstanden. Doch der US-Wirtschaft drohen weitere Rückschläge.
Von Daniel Pfändler
New York in Quarantäne: Die Wirtschaft steht still, die Börse stürzt

New York in Quarantäne: Die Wirtschaft steht still, die Börse stürzt

Foto: Marcus Santos/ dpa

Das Coronavirus bedroht die Funktionsfähigkeit der Gesundheitssysteme weltweit. In Ländern mit einem dysfunktionalen Gesundheitssystem steigt die Rate der tödlichen Krankheitsverläufe von Covid-19 erheblich an - gleichzeitig aber auch die der Todesfallzahlen jeder anderen Krankheit sowie von Unfällen. Alle Staaten werden, soweit nicht bereits geschehen, zu harten Social-Distancing-Maßnahmen greifen müssen, von denen bedeutende Teile aufrecht erhalten bleiben müssen, bis ein Impfstoff oder eine wirksame medikamentöse Behandlung gefunden worden ist.

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Die Folgen für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte werden massiv sein, ebenso wie die Reaktionen der Regierungen und Notenbanken weltweit. Die Unterstützungsprogramme, die bisher bereits angekündigt wurden, werden nicht die letzten gewesen sein, weitere müssen und werden beschlossen werden. Dieser Text soll einen Überblick über die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und der bereits beschlossenen Maßnahmen geben sowie über das, was voraussichtlich noch kommen wird: steigende Staatsverschuldung, weiterhin fallende Kurse sowie aller Voraussicht nach eine harte Rezession in den USA. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Eine Stabilisierung ist in Sicht - allerdings noch nicht so bald.

756 Milliarden Euro Nothilfe - und das ist erst der Anfang

Daniel Pfändler

Daniel Pfändler verfügt über langjährige Erfahrung in der makro-ökonomischen Analyse und Finanzmarktstrategie. Er ist Gründer der unabhängigen Research Firma Research Ahead.

Die Effekte der notwendigen und teilweise drastischen Social-Distancing-Maßnahmen, die über den Globus hinweg ergriffen werden, führen zu einem in diesem Ausmaß nie gesehenen Einbruch der Wirtschaftsaktivitäten und damit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) im zweistelligen Prozentbereich - und zwar über Monate. Die Staaten und Zentralbanken kündigen große Rettungspakete für die Wirtschaft an, wobei der Fokus darauf liegt, Unternehmen und Banken liquide zu halten. Zusätzlich kündigen die Staaten "klassische" Konjunkturprogramme an.

In Deutschland soll jetzt ein erster Nachtragshaushalt verabschiedet werden, weitere dürften folgen. Das Volumen beträgt 156 Milliarden Euro, das entspricht rund 4,6 Prozent des BIP. Des Weiteren soll ein Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) im Volumen von 500 Milliarden Euro aufgelegt werden, der für Garantien (400 Milliarden) und direkte Unternehmensbeteiligungen (100 Milliarden) gedacht ist. Und schließlich soll auch die staatliche Förderbank KfW zusätzliche 100 Milliarden Euro vom Bund für Kredithilfen an Unternehmen zur Verfügung gestellt bekommen. In der Summe wird die Nettoneuverschuldung somit um 356 Milliarden Euro erhöht, zusammen mit den 400 Milliarden an Garantien entspricht dies einem Gesamtvolumen von 756 Milliarden oder 22 Prozent des BIP.

Weil die Europäische Union den Stabilitätspakt vor dem Hintergrund der Notsituation außer Kraft gesetzt hat, dürften sämtliche EU-Länder mit großen Fiskalpaketen ihre Wirtschaft unterstützen. Die Länder, die schon Maßnahmen angekündigt haben, werden sie noch ausweiten. Zu guter Letzt dürfte auch der European Stability Mechanism (ESM) aktiviert werden, der noch 410 Milliarden Euro an freiem Kreditpotential umfasst, um einzelnen Staaten zusätzliche Kreditlinien zu gewähren. Dies wiederum würde es der Europäischen Zentralbank ermöglichen, Outright Monetary Transactions durchzuführen - wenn das betroffene Land darum ersucht - und zusätzliche Staatsanleihen einzelner Eurozonen-Länder zu erwerben.

Tiefe Rezession in den USA wahrscheinlich

Tiefe Rezession in den USA

In den USA zeichnet sich ein im Vergleich zu Europa noch stärkerer Einbruch der Wirtschaft ab. Einerseits haben die USA später Social-Distancing-Maßnahmen angeordnet und dürften daher länger unter stark steigenden Infektionszahlen leiden. Andererseits sind sowohl das Sozialsystem als auch der Kündigungsschutz nur schwach ausgeprägt. In der Folge entlassen die Unternehmen ihre Mitarbeiter, statt wie In Europa oft auf Kurzarbeit zurückzugreifen. Und die Beschäftigten bekommen nur einen relativ geringen Ausgleich für ihre Einkommensverluste vom Staat. Trotz der in der vergangenen Woche beschlossenen, die Wirtschaft einschränkenden Maßnahmen mehren sich die Anzeichen für einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit in nie dagewesener Geschwindigkeit.

Daten des US-Unternehmens Homebase, dessen Software zur Arbeitszeiterfassung von mehr als 100.000 Kunden eingesetzt wird, zeigt, dass schon jetzt die Zahl geleisteten Arbeitsstunden bei den nach Stunden bezahlten Mitarbeitern im Vergleich zum Januar um 44 Prozent gefallen ist. Die Anzahl dieser Mitarbeiter ging um 48 Prozent zurück, 33 Prozent Homebase-Kunden haben ihre Unternehmen bereits geschlossen.

Die wöchentliche Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen am Donnerstag dürfte zu einem neuen Rekord führen. Allein im US-Bundesstaat Ohio sind zwischen dem 15. bis 19. März 2020 die Anträge auf Arbeitslosenunterstützung von 7051 für die gesamte Vorwoche auf 139.468 gestiegen. Das entspricht 2,9 Prozent aller Stellen im Privatsektor - weggewischt in nur fünf Tagen. Auf das gesamte Land übertragen würde dies 3,8 Millionen Arbeitslosen entsprechen.

Den Vereinigten Staaten droht Massenarbeitslosigkeit

Gut möglich also, dass die wöchentlichen "Jobless Claims" schon am kommenden Donnerstag auf mehr als 3,0 Millionen ansteigen - sofern die Onlinesysteme für die Bearbeitung der Anträge dieser Belastung standhalten. In einigen Bundesstaaten sind die Systeme offenbar bereits zusammengebrochen. Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass die meisten Bundesstaaten erst Ende vergangener Woche harte Social-Distancing-Maßnahmen ergriffen haben, ist zu erwarten, dass in den kommenden Wochen in der US-Wirtschaft Arbeitsstellen in zweistelliger Millionenhöhe wegfallen werden.

Vor diesem Hintergrund dürfte das Konjunkturprogramm im Umfang von 1,0 bis 1,3 Billionen US-Dollar, das derzeit im Gespräch ist, bei Weitem nicht ausreichen. In den USA ist die Gefahr einer Pleitewelle vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen sehr akut. Aufgrund fehlender Gegenmaßnahmen dürfte diese schon in den nächsten Wochen ins Rollen kommen. Es mag sein, dass die US-Wirtschaft generell flexibler ist als die europäischen Volkswirtschaften und daher auch schneller zurück in den Wachstumsmodus finden kann. Aber erstens ist eine solche Erholung abhängig von der Entwicklung der Infektionszahlen und der Belastung des Gesundheitssystems - und hier geben die USA bisher keine gute Figur ab. Dies bedeutet, dass das Land erheblich länger unter dem Virus leiden und seine Wirtschaft infolgedessen deutlich später wird wieder hochfahren können als die europäischen Staaten. Zweitens ist davon auszugehen, dass mit einem derartigen Einbruch der Wirtschaft auch Strukturen nachhaltig zerstört werden, die sich nicht so schnell wieder aufbauen lassen.

Wie schnell ein solcher Effekt ein Land überrollen kann, zeigt das Beispiel Israels. Dort haben sich seit Monatsanfang 512.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Binnen drei Wochen stieg die Arbeitslosenquote von 4,6 auf 16,5 Prozent.

Auch die Notenbanken können die Wall Street nicht beruhigen

Die Gefahr an den Finanzmärkten bleibt

Aufgrund der Maßnahmen der Zentralbanken hat sich die Lage an den Finanzmärkten in den vergangenen Tagen etwas beruhigt, so konnte der Stoxx-600 gegenüber seinem Tiefststand bis zum Ende vergangener Woche rund zehn Prozent zulegen.

Auch die Kreditmärkte in der Eurozone haben sich stabilisiert, der Spread der 10-jährigen Bundesanleihe ging nach der Ankündigung der EZB, ein 750 Milliarden Euro schweres Anleihekaufprogramm aufzulegen, von 280 auf 195 Basispunkte zurück.

In den USA hingegen lagen die Aktienmärkte zum Wochenschluss nahe an ihren Tiefstständen, auch die Kreditmärkte konnten sich nicht erholen. So sind sowohl die Spreads für High-Yield- als auch für Investment-Grade-Anleihen auf neue Höchststände gestiegen, während die Preise für ETFs weiter zurückgefallen sind.

Ich sehe die Gründe für die gerade einsetzende US-Underperformance darin, dass die Vereinigten Staaten erst jetzt die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten reduzieren und das BIP daher zumindest kurzfristig stärker fallen und die Arbeitslosigkeit kräftiger steigen wird als andernorts. Im High-Yield-Bereich kommt der hohe Anteil der Fracking-Unternehmen erschwerend hinzu, die unter dem stark gefallenen Ölpreis leiden. Zudem dürften die Unternehmen ihre Aktienrückkäufe zunehmend einstellen - damit fällt der wichtigste Käufer von US-Aktien der vergangenen Jahre in naher Zukunft aus. Das waren nämlich die Unternehmen selbst.

Stabilisierung erst nach der nächsten Welle

Ich sehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es an den Märkten für risikobehaftete Aktiva zu einer weiteren Abverkaufswelle kommt, weil die Investoren die verschärften Wirtschaftsbeschränkungen in Europa, den zu erwartenden Kollaps der US-Wirtschaft sowie die epidemische Virusausbreitung weltweit noch verdauen müssen. Zudem setzt langsam die Erkenntnis ein, dass zumindest ein Teil der einschränkenden Maßnahmen für einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden muss. Dabei dürften US-Aktien und -Unternehmensanleihen underperformen. Die peripheren Staatsanleihen der Eurozone hingegen erscheinen aus einer mittelfristigen Perspektive aufgrund der schon ergriffenen Maßnahmen der EZB und des wahrscheinlichen Einsatzes des ESM relativ attraktiv.

Länger laufende Bundesanleihen, aber auch US-Treasuries könnten zwar kurzfristig von erneut deutlich schwächeren Aktienmärkten profitieren, die Renditen dürften aber aufgrund des kräftig steigenden Angebots sowie der langfristig zunehmenden (Inflations-)Risiken danach ansteigen. Entsprechend bieten sich bald Short-Positionen an. Nach dieser wahrscheinlichen Welle von Positionsliquidierungen könnte bei rückläufigen Neuinfektionszahlen in Europa eine Stabilisierung beziehungsweise Erholung bei risikobehafteten Aktiva einsetzen. In dieser Phase sollte dann zum Beispiel Gold auch wieder performen können.

Daniel Pfändler verfügt über langjährige Erfahrung in der makroökonomischen Analyse und Finanzmarktstrategie. Er ist Gründer der unabhängigen Research Firma Research Ahead und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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