Montag, 21. Oktober 2019

Verfehlte Geldpolitik 10.000 Euro für jeden Bürger!

 Mehr Geld für alle: Das "frische Geld" der Notenbanken fließt eben nicht in die Realwirtschaft, sondern in die Finanzmärkte, wo es die Vermögenspreise treibt - und die ungleiche Vermögensverteilung begünstigt
AFP / ANP-Nieuwsuur
Mehr Geld für alle: Das "frische Geld" der Notenbanken fließt eben nicht in die Realwirtschaft, sondern in die Finanzmärkte, wo es die Vermögenspreise treibt - und die ungleiche Vermögensverteilung begünstigt

Schluss mit der verfehlten Geldpolitik der EZB. Gebt das Geld lieber den Bürgern direkt, statt jene zu begünstigen, die zuerst an das frisch geschaffene Geld kommen. Bei den Bürgern ist es auch besser aufgehoben als bei der Politik.

Daniel Stelter

Vor fünf Jahren habe ich an dieser Stelle gefordert, die EZB solle, statt ein milliardenschweres Wertpapierkaufprogramm aufzulegen, besser das Geld an die Bürger überweisen. Die Forderung von "10.000 Euro für jeden Bürger" basierte auf der schlichten Erkenntnis, dass der Aufkauf vorhandener Vermögenswerte nicht zu mehr Nachfrage und Inflation führen würde. Zu hoch die Verschuldung in der Eurozone, zu unsicher die Zukunftsaussichten, zu geschwächt das Bankensystem.

Heute muss man feststellen, dass diese Einschätzung richtig war. Fünf Jahre und 2,6 Billionen Euro Schulden weiter, steht die Eurozone genauso schlecht da wie 2015. Mit noch höherer Verschuldung, einem faktisch insolventen Bankensystem, schwachem Wachstum und geringer Inflation ist Europa höchst anfällig für externe Schocks aus Handelskriegen, Brexit und Rezession in China.

Geldpolitik verpufft

Schon 2015 war klar: Billiges Geld hilft nur dann, wenn die potenziellen Schuldner noch über beleihbares Eigentum verfügen und auch bereit sind, dieses Eigentum zu beleihen, weil sie attraktive Investitionsmöglichkeiten sehen. Im Umfeld der Eurozone sehen Unternehmen dies nicht, und private Haushalte werden sich ebenfalls mit neuen Schulden zurückhalten, wenn Arbeitslosigkeit droht und die Preissteigerung gering ist.

Wenn nun aber alle sparen, also versuchen, bestehende Schulden abzutragen, fließt das "frische Geld" der Notenbanken eben nicht in die Realwirtschaft, sondern in die Finanzmärkte, wo es die Vermögenspreise treibt. Da naturgemäß nur jene, die über Vermögen verfügen, davon profitieren, kommt es zu einer zunehmend ungleichen Vermögensverteilung, was dann bei Ökonomen wie Thomas Piketty und Politikern aller Couleur den Ruf nach mehr Umverteilung verstärkt. Die Realwirtschaft jedenfalls hat nichts davon.

Wie sehr diese Erwartung zutraf, kann man in Deutschland sehr schön beobachten. Während die normalen Sparer keine Zinsen mehr auf Sparbuch und Lebensversicherung erhalten und in den Pensionsfonds der Unternehmen immer größere Lücken klaffen - Flossbach von Storch beziffert die Lücke alleine bei den Dax-Werten auf 146 Milliarden Euro - steigen die Preise für Immobilien immer weiter.

Nach der jüngsten Studie der Schweizer Bank UBS ist nirgendwo das Risiko einer Blase am Immobilienmarkt so hoch wie in München. Die Stadt belegt damit den ersten Platz vor Toronto und Hongkong und Amsterdam. Auf Platz fünf folgt bereits Frankfurt. Wir haben das billige Geld also vor allem dazu genutzt, uns vorhandene Vermögenswerte zu immer höheren Preisen zu verkaufen. Kein Wunder, dass es mit der Eurozone nicht weiter vorangeht.

Frisches Geld nutzt jenen am meisten, die es als Erste bekommen. Diesen Effekt hat der irische Ökonom Richard Cantillon bereits im Jahre 1734 beschrieben. Zurzeit profitieren die Akteure an den Finanzmärkten von dem Cantillon-Effekt: Sie können früher als andere Finanz-Assets nachfragen und auf diese Weise relativ risikolose Erträge erwirtschaften. Die Realwirtschaft profitiert davon nicht und der normale Bürger bleibt der Dumme, wie wir beobachten können. Er spürt die Entwertung seiner Einkommen täglich, wenn er die Immobilienpreisentwicklung sieht. Klassische Umverteilung von unten nach oben also.

Direkte Staatsfinanzierung als nächstes

In verschiedenen Kommentaren habe ich mich an dieser Stelle mit den Aussichten für Geld- und Fiskalpolitik beschäftigt. Da die Akteure wissen, dass das mit der Geldpolitik eben nicht funktioniert, werden die Rufe immer lauter, in die mehr oder weniger direkte Finanzierung der Staaten einzusteigen. Ob nun Mario Draghi in seinem Abschiedsinterview mit der "Financial Times", der IWF, BlackRock oder auch die Deutsche Bank in einer neuen Studie.

Alle sind sich einig, dass die Staaten - vor allem die gering verschuldeten wie Deutschland, aber faktisch alle - mehr ausgeben sollen, um die ökonomische Eiszeit zu bekämpfen. Idealerweise von den Notenbanken finanziert, ungeachtet der erheblichen Nebenwirkungen, bedeutet es doch nichts anderes als den Weg in eine von den Notenbanken gesteuerte Planwirtschaft. Notenbanksozialismus eben.

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