Türkei im Abwärtsstrudel Lira-Krise wird zur Wirtschaftskrise

In Treue ergeben: Mitte August noch folgten türkische Geschäftsleute vor laufender Kamera dem Aufruf von Präsident Erdogan und tauschten demonstrativ Dollar in türkische Lira. Tatsächlich aber fließt immer mehr Geld aus der Türkei ab

In Treue ergeben: Mitte August noch folgten türkische Geschäftsleute vor laufender Kamera dem Aufruf von Präsident Erdogan und tauschten demonstrativ Dollar in türkische Lira. Tatsächlich aber fließt immer mehr Geld aus der Türkei ab

Foto: REUTERS

Auch wenn die türkische Lira in dieser Woche ein wenig Boden gut gemacht hat - immer noch beträgt der Verlust zum Dollar  oder Euro  gut 40 Prozent seit Jahresbeginn. Die türkische Währungskrise - losgetreten durch politische Spannungen und die wachsenden Zweifel an der Unabhängigkeit der türkischen Notenbank - wird zusehends zur Wirtschaftskrise in dem 82-Millionen-Einwohner-Land.

Die Menschen in der Türkei mussten allein im August eine Preissteigerung von 18 Prozent hinnehmen. Die schwache türkische Lira verteuert importierte Waren erheblich. Artikel des täglichen Bedarfs in türkischen Supermärkten werden nahezu täglich umetikettiert, schreibt der österreichische "Standard". Klammheimlich verringern Produzenten mittlerweile den Packungsinhalt beliebter Waren um bis zu 20 Prozent, damit die Preissteigerung optisch nicht ganz so drastisch ausfällt.

Doch türkische Konsumenten sind wachsam, entlarven derlei Tricksereien sofort über Twitter oder andere soziale Kanäle.

Strom wiederum verteuerte sich Anfang September um rund 10 Prozent, Gewerbe und Industrie mussten sogar 14 Prozent mehr zahlen. Gas verteuerte sich ebenfalls um rund 14 Prozent.

Die enormen Preissteigerungen für Energie, Benzin oder Lebensmittel treiben die Menschen mittlerweile auf die Straße - jedenfalls da, wo sich trauen: In der Hauptstadt Nikosia zum Beispiel demonstrierten am Donnerstag hunderte türkische Zyprioten gegen die Preisexplosion. Auf der seit 1974 faktisch geteilten Mittelmeerinsel müssen die Menschen noch mehr importieren als anderswo: Die Preise für importierte Waren hätten sich in den vergangenen sechs Monaten fast verdoppelt, schreibt AP. Die türkische Lira ist hier offizielle Währung, denn die türkische Republik Nordzypern hängt am Tropf von Ankara.

Unternehmen leiden, Banken werden zum Risiko

Der Währungsverfall trifft schon längst auch die Unternehmen. In Dollar aufgenommene Kredite können sie kaum noch begleichen. Darunter leiden nicht zuletzt die türkischen Banken. Die Bonitätswächter von Moody's stuften wegen der finanziellen Risiken kürzlich sage und schreibe 20 Geldinstitute in der Türkei ab, manche Großbanken gleich um zwei Stufen. Ein wichtiger Grund ist ihr hoher Anteil der Auslandsschulden. Sollte der Dollar auf 7,10 Lira steigen, hätten die Institute keinerlei Sicherheitspolster mehr, warnte Goldman Sachs.

Wahl zwischen Rezession und Kollaps

Laut JP Morgan muss die Türkei bis Mitte nächsten Jahres Schulden in Höhe von umgerechnet 153 Milliarden Euro bei ausländischen Geldgebern begleichen. Das entspricht fast einem Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung. Der Großteil der Schulden entfällt dabei auf die Banken. Umgerechnet 93 Milliarden Euro davon müssen die Institute begleichen. Der Finanzierungsbedarf ist also riesig, der Zugang zu den Märkten allerdings problematisch geworden, warnte JP Morgan.

Widersetzt sich die Zentralbank Erdogan?

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan könnte den Lira-Absturz und die Preissteigerungen bremsen: Schon zur nächsten Sitzung am 13. September könnte die von ihm dominierte Zentralbank die Leitzinsen drastisch anheben, raten Ökonomen. Doch der erklärte "Gegner der Zinssätze" lehnt das ab.

Lieber verpflichtet Erdogan die Exporteure des Landes, vier Fünftel ihrer Deviseneinnahmen in Lira umzuwandeln. Das verhängte Dekret dürfte Exporteure, die Rohstoffe oder Vorprodukte im Ausland beziehen oder Fremdwährungskredite tilgen müssen, erheblich in Bedrängnis bringen, warnen türkische Ökonomen.

Und statt Reformen auf den Weg zu bringen, versteigt sich Erdogan in anklagenden Tiraden gegen die USA, die Ratingagenturen, das ausländische Kapital schlechthin. Letzteres hatte lange Zeit das Wachstum in der Türkei mit befeuert. Ausländische Investoren aber ziehen sich seit geraumer Zeit aus der Türkei zurück, die steigenden Zinsen in den USA beschleunigen die Entwicklung nur noch. Das stärkt den Dollar zusätzlich und setzt türkische Dollar-Schuldnern noch stärker unter Druck.

Wahl zwischen Rezession und Kollaps

Lira-Absturz und Bankenschwäche werden die türkische Wirtschaft weiter schwächen, sagt Moody's voraus. Für das laufende Jahr erwarten die Experten eine dramatische Abschwächung des Wachstums auf 1,5 Prozent und für 2019 auf 1,0 Prozent. Die Rating-Experten Fitch sagen analog immerhin noch 3,8 Prozent (2018) und für 2019 nur noch 1,2 Prozent Wachstum voraus.

Clemens Fuest, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München, sieht für die türkische Wirtschaft mittlerweile schwarz: Das Rad ließe sich nicht mehr zurückdrehen. Erdogan habe nur noch die Wahl zwischen Rezession und unkontrollierten Kollaps, sagte der Wissenschaftler im Interview .