Samstag, 14. Dezember 2019

Nach Thomas-Cook-Pleite bisher 250 Millionen Euro Schaden gemeldet "Wenn sich nichts ändert, sind große Reiseveranstalter nicht mehr versicherbar"

Thomas Cook und Neckermann: Der insolvente Reiseveranstalter war unterversichert. Die Bafin sah keinen Handlungsbedarf. Urlauber bleiben jetzt auf Kosten sitzen - falls nicht doch noch der Steuerzahler einspringen muss
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Thomas Cook und Neckermann: Der insolvente Reiseveranstalter war unterversichert. Die Bafin sah keinen Handlungsbedarf. Urlauber bleiben jetzt auf Kosten sitzen - falls nicht doch noch der Steuerzahler einspringen muss

Die Zurich Gruppe Deutschland mahnt die Bundesregierung zur Eile bei einer Reform der Kundengeldabsicherung für Reiseveranstalter. "Wir können nicht warten, bis wir Rechtssicherheit vor Gericht bekommen werden", sagte Schadensvorstand Horst Nussbaumer dem Touristik-Fachmagazin fvw in seinem ersten Interview zur Insolvenz von Thomas Cook Deutschland.

Horst Nussbaumer, Schadensvorstand bei Zurich: Schadensforderungen schon jetzt bei mehr als 250 Millionen Euro
Zurich Gruppe Deutschland
Horst Nussbaumer, Schadensvorstand bei Zurich: Schadensforderungen schon jetzt bei mehr als 250 Millionen Euro

Laut Nussbaumer, dem zuständigen Chief Operations & Claims Officer der Zurich Gruppe Deutschland, hat sich ein Großteil der Thomas-Cook-Betroffenen mit Abreisedatum noch in diesem Jahr bereits bei dem Versicherer gemeldet. Bis zum 1. November waren Schadensmeldungen für mehr als 150.000 Reisebuchungen in einem Volumen von mehr als 250 Millionen Euro eingegangen.

Nach der Absage aller Thomas-Cook-Reisen ab 1. Januar 2020 kämen nun weitere Forderungen in noch nicht bekannter Höhe hinzu, erklärte Nussbaumer in dem Interview mit fww. "Wir gehen davon aus, dass es sich um bis zu 40.000 Buchungen mit überwiegend kleineren Beträgen handelt", sagte der Versicherungsmanager.

Belastbare Zahlen zum Gesamtschaden will Zurich ab Anfang Dezember nennen. "Gleichzeitig werden wir dann mit der anteiligen Erstattung berechtigter Ansprüche beginnen", versprach Nussbaumer. Die Cook-Geschädigten werden nur einen Bruchteil ihrer Auslagen für gebuchte, vom Veranstalter aber nach seiner Insolvenz aber nicht mehr erbrachte Pauschalreisen zurückerhalten.

110 Millionen Euro reichen nicht - EU fordert Vollschutz der Reisenden

Nussbaumer äußert sich in dem Interview auch zur Debatte um die Insolvenzabsicherung von Reiseveranstaltern, die mit der Thomas-Cook-Insolvenz entbrannt ist. So gestattet der deutsche Gesetzgeber Kundengeldabsicherern, die Haftungssumme für Veranstalter-Pleiten auf 110 Millionen Euro pro Jahr zu begrenzen. Die EU dagegen fordert von ihren Mitgliedsstaaten einen Vollschutz der Pauschalreisenden.

Thomas Cook war unterversichert - jetzt soll der Steuerzahler einspringen

Weil bereits absehbar ist, dass die 110 Mio. Euro laut Zurich "bei Weitem" nicht ausreichen werden, um die Cook-Betroffenen zu entschädigen, fordern Verbraucheranwälte, der Verband unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR) und die Allianz selbständiger Reiseunternehmen (ASR), dass der Bund für die Unterdeckung einspringen soll.

Nussbaumer machte in dem Interview zudem deutlich, dass der Versicherer die Kosten der Rückholung der Reisenden ebenfalls aus dem 110-Millionen-Euro-Topf und nicht extra zahlen wird. Letzteres hatten das Bundesjustizministerium und einige Reiserechtler ins Gespräch gebracht. "Das empfinden wir eher als befremdlich", so Nussbaumer zu den Forderungen aus Berlin. Künftig sollte "die Rückholung nicht länger beim Versicherer liegen", erklärte der Versicherungsmanager weiter und meldete "große Zweifel an der bestehenden Regelung" an.

Die Bundesregierung forderte der Manager auf, zügig Rechtssicherheit zu schaffen. Das für Reiseveranstalter gewünschte Absicherungsniveau müsse verbindlich festgelegt und geklärt werden, wie große Veranstalter, die im Falle einer Insolvenz auch große Schäden verursachen würden, abgesichert werden können. "Es besteht akuter Handlungsbedarf. Wenn wir im ersten Quartal 2020 keine Rechtssicherheit erhalten, wird es schwierig werden für manchen Versicherer und Veranstalter", so Nussbaumer.

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