Automatischer Vertragswechsel für Strom und Gas Dieses Start-up will sich selbst disrupten

Switchup-Team mit Gründer Arik Meyer in der Bildmitte

Switchup-Team mit Gründer Arik Meyer in der Bildmitte

Foto: Switchup

Es ist wieder Wechselzeit. Aufgeschreckt von der Nachricht, dass die Strompreise zum Jahreswechsel bei hunderten Versorgern um durchschnittlich 5 Prozent steigen, suchen etliche Kunden hektisch nach einem neuen Tarif.

Der klassische Weg führt über eines der großen Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox, die den aktuellen Wettbewerb übersichtlich in Preisranglisten sortieren und zum günstigsten Angebot führen. Doch dieses Geschäftsmodell steht schon vor der nächsten Disruption. Die aktuelle Welle könnte radikalen Herausforderern den endgültigen Durchbruch bringen, deren Versprechen noch weiter reicht: nicht nur einmalig zu sparen, sondern dauerhaft automatisch das jeweils günstigste Angebot zu bekommen - ohne selbst noch aufpassen zu müssen.

Das Berliner Start-up Switchup bekam in dieser Woche tausende Anfragen täglich und gewann so viele Neukunden wie sonst in einem Monat. "Ich kann ganz gelassen damit umgehen", sagt Gründer Arik Meyer (45). Denn dieses Wachstum sei nachhaltig, er habe "das Gefühl, etwas Gutes zu tun". Switchup gilt als klarer Marktführer unter den so genannten Tarifaufpassern.

Diese Dienste, auch von Wettbewerbern wie Esave, Wechselpilot oder Wechselstrom, wurden im Frühjahr von einer Empfehlung der Stiftung Warentest geadelt. Der langfristige Test habe gezeigt, dass man in jedem Fall damit spare, manche Testpersonen mehrere hundert Euro jährlich.

Meyer, der früher die inzwischen von Amazon  übernommene Hörbuchplattform Audible aufbaute, sieht sich in seinem Gründerleben als ethischer Revolutionär - quasi der kommerzielle Arm der Verbraucherzentralen. Das "Freundschaftsprinzip" hat er zum Kern der Marke ausgerufen. "Warum sind so viele Geschäfte noch immer bewusst auf die Trägheit der Menschen ausgerichtet?", empört sich Meyer. Das betreffe nicht nur die teuren Grundtarife der örtlichen Versorger, in denen auch 20 Jahre nach der Liberalisierung noch ein Viertel der Haushalte hängt.

Wer einmalig zum Discounter wechsle, laufe oft in eine Falle: Der Bonus, der das Lockangebot günstig machte, ist nach dem ersten Vertragsjahr aufgebraucht, und dann springe der Preis nicht selten auch noch um 80 oder 100 Prozent. "Einige der unabhängigen Billiganbieter sind dadurch erstaunlich profitabel", erklärt Meyer. Um das Problem zu lösen, müsste man jährlich neu vergleichen. Das aber sei kaum beliebter als die Steuererklärung zu machen.

Er selbst sei "in den Markt gestolpert", als Opfer: Auf der Suche nach einem günstigen Ökostromtarif landete Meyer bei Löwenzahn, einer Tochter des meist auf Vorkasse operierenden Discounters Flexstrom - die Geschichte endete in der nach Zahl der Gläubiger größten Insolvenz der deutschen Geschichte. In diesem Jahr kam mit der Insolvenz der BEV Energie ein weiterer großer Reinfall für sparwillige Verbraucher hinzu.

Switchup, 2014 in die Welt der Strom- und Gastarife gestartet, verspricht "fragwürdige Anbieter" gleich auszusortieren. "Was wir tun, tut den seriösen Anbietern im Markt gut", meint Arik Meyer. Denn der reine Preiswettbewerb wirke oft ruinös. "Strom oder Gas ist eine Commodity. Hier sollten keine riesigen Margen möglich sein."

"Ich wünsche mir, dass wir überflüssig werden"

Sein Geschäft finanziert Switchup über Provisionen, die von den Versorgern für Vertragsabschlüsse gezahlt werden. Nach eigenen Angaben empfiehlt der Tarifaufpasser auch öffentlich verfügbare Angebote von Firmen, die nicht mit ihm kooperieren, falls diese für die Kunden günstiger sind. Dann verdient Switchup selbst daran gar nichts.

"Wir treffen häufig Geschäftsentscheidungen, die kurzfristig wenig sinnvoll erscheinen, aber sich richtig anfühlen", sagt Meyer. Er sei "fest überzeugt, dass sich diese Vorgehensweise mittel- bis langfristig auch wirtschaftlich auszahlt".

Wagniskapital von Investoren lehnt er ausdrücklich ab. Sein Antrieb sei, "eine Beziehung aufzubauen, die auch langfristig hält". Nach fünf Jahren seien 96 Prozent der Switchup-Kunden noch dabei. Das Unternehmen wachse vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda. "Uns gäbe es schon nicht mehr, wenn wir nicht wahnsinnig oft weiterempfohlen würden", sagt Meyer.

Wirklich profitabel würde das Geschäft aber wohl erst, wenn es auch auf andere Märkte wie DSL- oder Mobilfunkverträge übertragen wird. Das ist seit Langem geplant, "aber eher behutsam, ein Schritt nach dem anderen".

Andere sind da deutlich forscher. Inzwischen gibt es eine neue Generation von Fintechs, die gleich alle Verträge ihrer Kunden auf einmal im Blick zu haben versprechen. Im vergangenen Jahr startete die Finanzguru-App, bekannt aus der TV-Sendung "Die Höhle der Löwen" und mit Kapital der Deutschen Bank. Ähnlich funktioniert Aboalarm, inzwischen von Verivox übernommen. Auch Mobilbanken wie Monzo sehen ihre Zukunft darin, gleich sämtliche finanziellen Verhältnisse ihrer Kunden zu regeln.

Arik Meyer ist skeptisch, ob das gelingen kann. Allein bei Strom- und Gasverträgen gebe es so viele Fallstricke, "da lernen wir nach fünf Jahren noch dazu". Wer das beherrscht und zugleich die technische Plattform quer über verschiedene Tarifwelten optimiert, "dem möge der Markt gehören".

Und was, wenn sich die Fairness im Energiemarkt tatsächlich durchsetzt, die von Meyer kritisierten Margen verschwinden und damit auch die Provisionen für Vertragswechsel? "Dann wären wir überflüssig", räumt der Gründer ein. Nur um gleich nachzuschieben: "Ich wünsche mir, dass es so kommt. Dann hat sich unser Einsatz gelohnt."

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