Die Networking-Plattformen der Finanz-Elite: Teil 3 Die Treffen des IWF: Vordergründig trocken, hinter den Kulissen mitunter feuchtfröhlich

In ihrem Buch "Super Hubs" beschreibt Sandra Navidi zum Teil aus eigener Erfahrung, wie aus ihrer Sicht die Finanzelite und deren Netzwerke die Welt regieren. In insgesamt fünf Teilen veröffentlichen wir eine von der Autorin leicht überarbeitete Fassung des Kapitel 7 "Members Only: Die exklusiven Networking-Plattformen der globalen Super-Elite". Dies ist Teil 3.
Von Sandra Navidi
Fröhliche Männer, zornige Männer: Türkeis damaliger Premier Recep Tayyip Erdogan (M.) mit dem damaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (r.) und Welt-Bank-Präsident Robert Zoellick vor dem Start des Treffens in Istanbul 2009.

Fröhliche Männer, zornige Männer: Türkeis damaliger Premier Recep Tayyip Erdogan (M.) mit dem damaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (r.) und Welt-Bank-Präsident Robert Zoellick vor dem Start des Treffens in Istanbul 2009.

Foto: Getty Images

Der Internationale Währungsfonds . . . gähn. Klingt langweilig, oder? In der Tat handelte es sich beim IWF lange Zeit um eine relativ trockene Angelegenheit. Dies änderte sich allerdings mit der Finanzkrise, was nicht nur an seinem neuen schillernden Chef Dominique Strauss-Kahn lag. Gegründet wurde der IWF zusammen mit der Weltbank 1944 von 44 Ländern in Bretton Woods, New Hampshire. 64 Jahre später, zum Zeitpunkt der Finanzkrise 2008, war der IWF auf 188 Mitgliedsländer angewachsen, und umfasste damit fast alle Länder der Welt.

Sandra Navidi
Foto: Dirk Eusterbrock

Sandra Navidi ist Gründerin der Unternehmensberatung Beyond Global. Zuvor arbeitete sie als Research Director mit Starökonom Nouriel Roubini, war Investmentbankerin und Chefjustiziarin. Sie ist in Deutschland und den USA als Rechtsanwältin zugelassen. Als Finanzexpertin hat sie über 500 Interviews in internationalen Medien gegeben und Vorträge auf zahlreichen Fachveranstaltungen gehalten.

Wegen seiner politischen Meta-Ebene, seinen hoch qualifizierten Mitarbeitern aus aller Welt und seinen formalisierten Entscheidungsprozessen, ist der IWF in Krisen bestens dafür geeignet, eine Führungsrolle zu übernehmen und Rettungsmaßnahmen zu entwerfen, zu koordinieren und umzusetzen. Er hat sich als eine Plattform für internationale Finanzpolitiker etabliert, die effizient genug ist, um Entscheidungen zu treffen und zu realisieren, aber gleichzeitig flexibel genug, um auch kurzfristig reagieren zu können. An seinen Treffen nehmen neben seinem Personal auch Zentralbankchefs, Finanzminister, Banker, Ökonomen sowie Chefs von Rating Agenturen, Finanzbehörden, internationalen Institutionen und Think Tanks (Denkfabriken) teil.

Washington D.C.: Die etwas andere Finanzhauptstadt

Der IWF hält zwei Hauptversammlungen im Jahr ab, die Frühlingstreffen mit rund 4000 Teilnehmern und die Herbsttreffen mit bis zu 12.000. Während die Frühlingstreffen hauptsächlich von Finanzpolitikern besucht werden, kommen zu den Herbsttreffen auch Repräsentanten des Privatsektors wie Banker, Fondsmanager und andere Finanziers. Viele Finanzfirmen, Denkfabriken und andere Institutionen halten "Schattenkonferenzen" ab, was bedeutet, dass sie nicht offiziell Teil des IWF-Treffens sind, sondern sich durch parallele Kundenveranstaltungen die Tatsache zunutze machen, dass so viele einflussreiche Spitzenvertreter aus dem Finanzsektor an einem Ort versammelt sind. Das Hauptquartier des IWF, das 2500 Angestellte aus 150 Ländern beherbergt, ist in zwei riesigen unscheinbaren Betonbauten in der Nähe von Georgetown in Washington D.C. untergebracht.

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Davos bis Bilderberg: Die Netzwerke der Finanz-Elite

Foto: © Brendan McDermid / Reuters/ REUTERS

Im Oktober 2008, drei Wochen nach dem Lehman-Debakel und auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, besuchte ich zum ersten Mal eine IWF-Hauptversammlung. Über die Dauer von drei Tagen nahm ich an mehreren Veranstaltungen des IWF, des International Institute of Finance, der Group of Thirty und anderer Denkfabriken teil. Ich kannte praktisch niemanden außer den bekanntesten Gesichtern aus den Medien, wie Dominique Strauss-Kahn, Jean-Claude Trichet und einige der Bankchefs wie Joe Ackermann von der Deutschen Bank  . Es war unmöglich, sich an alle der über 200 Menschen, die ich im Laufe der Meetings traf, zu erinnern. Oft war ich nicht einmal mit den Institutionen, für die sie arbeiteten, vertraut, sodass mir der Kontext fehlte, um ihr Zusammenwirken einordnen zu können. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich die meisten Teile dieses Puzzles - die Organisationen, die einzelnen Menschen aus denen sie bestehen und ihre Netzwerke - kannte.

Angesichts der sich zuspitzenden Finanzkrise hatte ich erwartet, dass die Verantwortlichen nun Kompetenz und Führungsstärke demonstrieren und entschlossen Stabilisierungsmaßnahmen ergreifen würden. Diese Hoffnung schwand allerdings recht schnell, als ich die Finanzpolitiker bei ihren Diskussionen hinter den Kulissen beobachtete. Sie strahlten nicht die Gelassenheit von Eltern aus, die es schon richten würden. Sie verfügten über keinerlei überlegenes Wissen. Sie hatten keinen Masterplan zur Überwindung der Krise. Ich war regelrecht schockiert über ihr geringes Verständnis, ihre fehlende Kontrolle und völlige Überforderung. Meine tief sitzende Angst vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems wandelte sich nunmehr in ein Gefühl aufkeimender Panik.

IWF-Meeting in Istanbul: Tanz auf der Titanic

Die Tatsache, dass die IWF-Treffen meist an reizvollen Orten stattfinden, aufwendig organisiert sind und zu festlichen Empfängen und Dinnern laden, tröstet ein wenig über die durchgearbeiteten Wochenenden hinweg, an denen sie stattfinden (wie viele andere Konferenzen übrigens auch). Zwei Jahre in Folge lädt der IWF in sein Hauptquartier in Washington D.C. ein und danach einmal an einen internationalen Ort. Inmitten der Finanzkrise im Oktober 2009, fand die Konferenz in Istanbul statt.

Trotz der düsteren Aussichten hatten die Banken ganze Etagen für Meetings und große Zimmerkontigente in den teuersten Hotels angemietet, unter anderem auch in dem am malerischen Bosporus Ufer gelegenen Ciragan Palace. Der prächtige ottomanische Palast aus dem 19. Jahrhundert wirkte mit seinen barocken Marmorsäulen, Mosaik- und Intarsienarbeiten, dem vergoldeten Mobiliar und den gewaltigen Kronleuchtern wie aus 1001 Nacht. Die Vertreter der Hochfinanz flogen auf dem angrenzenden Helikopter-Landeplatz ein und versammelten sich in den sonnendurchfluteten Konferenzräumen und der eleganten Terrasse mit Blick auf den Bosporus.

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Griechenland - die Bilder des Tages: Juncker bettelt, Tsipras trickst, Lagarde wartet

Foto: Socrates Baltagiannis/ dpa

Viele der Anwesenden tuschelten hinter hervorgehaltener Hand über die hohen Veranstaltungskosten, die angesichts des fragilen Finanzsystems und der Tatsache, dass einige Banken eine Rettung durch den Steuerzahler benötigen würden, unangemessen schienen. Allerdings war die neue Realität trotz eines Anflugs von schlechtem Gewissen in den meisten Köpfen noch nicht ganz angekommen. Außerdem waren die extravaganten Tagungsorte weit im Voraus gebucht worden und es gab nur begrenzte Alternativen an Hotels und Konferenzräumen. Davon abgesehen standen die Banken in Konkurrenz zueinander und unter dem Druck, ein finanzstarkes Image zu projizieren.

Alle Banken befanden sich in demselben Dilemma, und es wäre unvorstellbar gewesen, dass eine von ihnen mit gutem Beispiel vorangegangen und freiwillig in ein bescheidenes Quartier gezogen wäre, da dies als Offenbarungseid hätte ausgelegt werden können. Außerdem ließen sich die Sorgen über den möglichen Zusammenbruch des Finanzsystems und des eigenen Unternehmens wesentlich besser in luxuriöser Umgebung mit Champagner und Kaviar ertragen.

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Die Entscheider der Fed: Diese Zentralbanker drehen das größte Rad der Weltwirtschaft

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Die üblichen Verdächtigen wie Finanzpolitiker, Zentralbankchefs, Banker und Fondsmanager waren zur Gala des International Institute of Finance im festlichen Ballsaal des Ciragan Palace versammelt und lauschten der Begrüßungsrede des Premierministers Erdogan. Der Chef der türkischen Zentralbank Durmus Yilmaz und der stellvertretende Premier Ali Babacan eilten nonstop kreuz und quer durch Istanbul von einem Treffen zum nächstem. Die Commerzbank  lud zu einem der eindrucksvollsten Empfänge in dem spektakulären Esma Sultan Palace ein. Der antike, am Flussufer liegende Palast war aufwendig instandgesetzt worden und kunstvolle Lichteffekte schafften ein unwirklich schönes Ambiente. Obwohl der Palast in einem nur schwer zu erreichenden, entlegenen Teil der Altstadt lag, war dort alles zusammengekommen, was Rang und Namen hatte. Die Commerzbank hatte weder Kosten noch Mühen gespart und verwöhnte ihre Gäste mit Haute Cuisine und teuren Weinen.

Die höchste Konzentration hochkarätiger Gäste war auf dem Empfang der Deutschen Bank anzutreffen, was zumindest zum Teil Joe Ackermanns einflussreichem Netzwerk geschuldet war. Unter ihnen befand sich auch der türkische Geschäftsmann Kahraman Sadikoglu, der Ackermann, Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Caio Koch-Weser, Bundesbankpräsident Axel Weber, ihre Gattinnen, einige andere Gäste und "lucky me" auf Atatürks Jacht, die Savarona, eingeladen hatte.

Dort erhielten wir eine private Besichtigungstour einer der größten Jachten der Welt, die Sadikoglu auf eigene Kosten hatte überholen lassen. Schließlich ließen wir uns im Salon nieder und diskutierten im Zigarrennebel die Lage der Finanzwirtschaft, während einer der Gäste sein konzertreifes Repertoire auf dem Klavier darbot. Ich war völlig erschöpft, aber eine Flucht war unmöglich, da das Ufer nur per Boot zu erreichen war. So ging ein weiterer langer Tag um drei Uhr morgens zu Ende, aber oftmals werden engere persönliche Bande in diesen einmaligen, privaten Zusammenkünften geknüpft und vertieft. Um neun Uhr morgens fanden sich dann wieder alle in alter Frische bei der Sitzung der Group of Thirty ein.

IWF-Treffen in Tokio: Lost in Translation

Ein weiteres Treffen des IWF fand in Tokio statt. Ich sah der Reise mit Spannung entgegen, obwohl sie aus meiner nordamerikanischen Perspektive zeitaufwendig und umständlich war. Im Rahmen der Globalisierung ist die Welt geschrumpft und viele vormals als entlegen erachtete Orte sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung ins globale Zentrum gerückt. Aus Respekt, aber auch aus legitimen Geschäftsinteressen, können sie nicht länger ignoriert werden. Deshalb haben Langstreckenreisen in der Finanzwelt stark zugenommen, denn auch in unserer Hightech-Welt sind persönlich gepflegte Beziehungen nach wie vor unersetzbar. Diese globalen Meetings sind der Zement, der die Finanzelite zusammenhält.

Mein Kalender war mit Diskussionsrunden, Treffen, Empfängen und Dinnern gefüllt. Nach der Ankunft am Narita International Airport am frühen Nachmittag wurden IWF-Teilnehmer gleich zu einem für sie reservierten Schnellabfertigungsschalter geführt. Ein alter Bekannter, der Aufsichtsratsvorsitzende einer großen amerikanischen Bank, bot mir eine Mitfahrgelegenheit in die Stadt an, die ich höflich ausschlug. Ich hatte meinen eigenen Fahrer, um in Ruhe Telefonate und E-Mails erledigen zu können. Als ich mich am Gepäckband umschaute, erschien mir die Szene völlig unwirklich. Überall erschienen die gleichen Teilnehmer aus der ganzen Welt zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Mein uniformierter Fahrer führte mich zu dem mit weißen Spitzenvorhängen und passenden Sitzbezügen dekorierten Wagen, und brachte mich zum Four-Seasons-Hotel in dem Geschäftsbezirk Marunouchi . Mir kam der Film Lost in Translation in den Sinn, weil dies meine erste Reise nach Tokio war und ich mich fremder fühlte, als ich es erwartet hätte.

Am Nachmittag holte ich meinen Konferenzausweis ab und sammelte erste Eindrücke in der Stadt. Die Japaner waren extrem höflich, aber nicht alle sprachen Englisch, und da ich kein Japanisch spreche, gestaltete sich die Kommunikation mitunter etwas schwierig. Am nächsten Morgen begab ich mich direkt zu dem nur Minuten entfernten futuristischen wirkenden Konferenzzentrum, dem Tokio International Forum.

Bei Konferenzen in unvertrauten Orten ist es nicht einfach, sich zurechtzufinden. In Washington hätte ich blind zwischen dem IWF und anderen Veranstaltungsgebäuden hin und her schweben können. Insofern sind diese Treffen an internationalen Orten sehr ineffizient. Aber diese Ineffizienz beweist sich häufig als die ultimative Effizienz, weil die Teilnehmer so viel Zeit und Mühen in ihre Reise investieren, dass sie sich ganz besonders auf die Treffen konzentrieren. Die fremde Umgebung bewirkt auch, dass man offener auf andere Menschen zugeht. Darüber hinaus werden außerhalb der Routine liegende Erfahrungen eher als etwas Besonderes empfunden. Vor diesem Hintergrund haben die Treffen eine größere Bindungswirkung und die hier gepflegten Kontakte münden mit der Zeit oftmals in Freundschaften.

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Wenn sie sprechen, hört die Weltwirtschaft zu: Das sind die einflussreichsten Wirtschaftslenker der Welt

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Im Konferenzzentrum angekommen, machte ich mich durch die verschlungenen Hallen auf die Suche nach der BBC World Debate, in der es um die Rettung der Weltwirtschaft ging. Unter den Diskussionsteilnehmern befanden sich IWF-Chefin Christine Lagarde, Finanzminister Wolfgang Schäuble, der stellvertretende Vorsitzende von Citigroup Global Banking Peter Orszag und der Chefberater des indischen Finanzministeriums Raghuram Rajan. Kurz nach Beginn der Diskussion, machte sich ein unangenehmes klapperndes Geräusch breit, das schnell näher zu kommen schien und bedrohlich laut wurde. Plötzlich fing alles an zu wackeln und es dauerte ein paar Sekunden bis wir realisierten, dass es sich um ein Erdbeben handelte. Die Sprecher auf der Bühne hielten überrascht und hilflos inne, während die großen schweren Lampen über uns hin- und herschwangen. Gerade in dem Moment, als Panik auszubrechen drohte, hörte das Klappern und Wackeln mit einem Schlag auf. Dies war mein erstes Erdbeben und eine IWF-Veranstaltung, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde.

Der Fokus der Treffen lag auf Europa, Afrika, der US-Wirtschaftspolitik und dem globalen Wachstum. Fast alle Veranstaltungen wurden live per Webcast im Internet übertragen und die zahlreich vertretenen Medien berichteten weltweit. Nach einer Weile gesellte sich zu der körperlichen die geistige Erschöpfung. Normalerweise habe ich eine "Konferenzkurve": am ersten Tag bin ich noch etwas zurückhaltend und damit beschäftigt, die vielen Eindrücke aufzunehmen. Am zweiten und dritten Tag laufe ich zu Hochform auf und am vierten Tag bin ich dann meist erschöpft.

Wie immer hielten auch diesmal internationale Organisationen wie Denkfabriken und Finanzinstitute Schattenkonferenzen mit hochkalibrigen Vortragenden ab. Die Banken übertrafen sich mit ihren extravaganten Cocktailpartys. Der Empfang von JPMorgan gehört immer zu meinen Favoriten, weil dort viele meiner Freunde und Geschäftskontakte zusammenkommen. Auch der Cocktailempfang von Morgan Stanley bietet meist eine gute Gelegenheit für tiefergehenden Unterhaltungen. Dieses Mal lud UBS unter ihrem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Axel Weber, vormals Bundesbankchef, zu der spektakulärsten Party.

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Ein weiteres Highlight war die Party, die die KfW zusammen mit dem deutschen Botschafter in dessen von japanischen Gärten umgebener Residenz ausrichtete. Das ständige Hin und Her zu den verschiedenen Konferenzorten war etwas chaotisch, aber natürlich dienten die Partys im Endeffekt Geschäftszwecken. Die meisten Gäste sind Männer, die sich überwiegend von ihrer besten Seite zeigen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen offensichtlich alkoholisierten Gast gesehen zu haben. Schließlich stehen alle Banker untereinander im Wettbewerb und unter Druck, die von ihnen verursachten Kosten durch Business zu rechtfertigen. Und in dem relativ begrenzten Finanzuniversum ist die Reputation eines der wertvollsten Güter, die wohl behütet sein will.

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