Die Networking-Plattformen der Finanz-Elite: Teil 4 Das Große Mysterium: Die Bilderberg-Konferenz

In ihrem Buch "Super Hubs" beschreibt Sandra Navidi zum Teil aus eigener Erfahrung, wie aus ihrer Sicht die Finanzelite und deren Netzwerke die Welt regieren. In insgesamt fünf Teilen veröffentlichen wir eine von der Autorin leicht überarbeitete Fassung des Kapitel 7 "Members Only: Die exklusiven Networking-Plattformen der globalen Super-Elite". Dies ist Teil 4.
Von Sandra Navidi
Treffpunkt für die Bilderberger 2015: Das Interalpen-Hotel Tirol

Treffpunkt für die Bilderberger 2015: Das Interalpen-Hotel Tirol

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Sandra Navidi
Foto: Dirk Eusterbrock

Sandra Navidi ist Gründerin der Unternehmensberatung Beyond Global. Zuvor arbeitete sie als Research Director mit Starökonom Nouriel Roubini, war Investmentbankerin und Chefjustiziarin. Sie ist in Deutschland und den USA als Rechtsanwältin zugelassen. Als Finanzexpertin hat sie über 500 Interviews in internationalen Medien gegeben und Vorträge auf zahlreichen Fachveranstaltungen gehalten.

Die vermutlich exklusivste aller exklusiven Zusammenkünfte der Weltelite und das Lieblingsthema von Verschwörungstheoretikern ist die Bilderberg-Konferenz. Sie wurde 1954 zum Zwecke des transatlantischen Dialoges gegründet und nach ihrem ersten Tagungsort, dem Hotel de Bilderberg im niederländischen Oosterbeek, benannt. Zu der dreitägigen Zusammenkunft sind nur rund 150 der mächtigsten Menschen der Welt eingeladen, viele davon aus dem Finanzsektor. Staats- und Regierungschefs treffen auf Diplomaten, Generäle, CEOs, Finanzpolitiker, Adelige, Vordenker und Journalisten. Zu den Gästen gehören Zentralbankgouverneure wie Mario Draghi und Ben Bernanke, Finanzminister wie George Osborne, Jeroen Dijsselbloem, Hank Paulson, Timothy Geithner, Larry Summers und Robert Rubin und Bankchefs wie Lloyd Blankfein und Robert Zoellick von Goldman Sachs, Paul Achleitner von der Deutschen Bank  , Ana Botin von Banco Santander und Vertreter von Großinvestoren wie Philipp Hildebrand (BlackRock), Peter Thiel (Thiel Capital), Ken Griffin (Citadel), Roger Altman (Evercore) sowie Henry Kravis und General David Petraeus (beide KKR  ).

Die Teilnehmer der vertraulichen Treffen verpflichten sich den Chatham House Rules, nach denen sie Informationen zwar nutzen, aber keiner bestimmten Person zuordnen dürfen. Es ist ihnen nicht gestattet, Partner oder Assistenten mitzubringen und Sicherheitskräfte müssen gebührenden Abstand halten. Da die Anwesenden diesen Treffen nicht in ihrer offiziellen Funktion beiwohnen, haben sie die Möglichkeit, sich freier als gewöhnlich zu äußern. Die Geheimhaltung erlaubt es ihnen, sich in entspannter Atmosphäre offen über die geopolitische Lage, bevorstehende Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft auszutauschen. Für Menschen, die normalerweise im Zentrum der Öffentlichkeit stehen, ist es ansonsten fast unmöglich, einfach zu brainstormen oder sich unbedacht zu äußern. Ständig müssen sie vorsichtig sein und sich selbst zensieren, da ihre Äußerungen weitreichende Konsequenzen haben können. Bilderberg-Teilnehmer betonen immer wieder, dass die Treffen wesentlich weniger aufregend seien als ihr Ruf. Obwohl sie ihre Verschwiegenheitspflicht überraschend ernst nehmen, sickern vereinzelt doch Informationen durch, und wenn man diese zusammensetzt, scheint der um die Konferenz gemachte Wirbel tatsächlich eher weniger gerechtfertigt.

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Davos bis Bilderberg: Die Netzwerke der Finanz-Elite

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Aber Geheimhaltung erweckt Misstrauen, und Verschwörungstheoretiker sehen Bilderberg als eine von globalen Unternehmen kontrollierte Schattenregierung, die dort über das Schicksal der Menschheit entscheidet. Das ist etwas weit hergeholt, insbesondere auch angesichts der verschiedenartigen Teilnehmer und ihrer zum Teil gegenläufigen Interessen. Dessen ungeachtet kann der direkte Kontakt von Zentralbankern, Finanzpolitikern und Finanzministern mit Investoren und Chefs großer Unternehmen hinter verschlossenen Türen ohne jegliche Kontrollmechanismen problematisch sein, weil dies einigen wenigen möglicherweise Zugang zu privilegierten Informationen und damit Geschäftsmöglichkeiten verschafft. Auch von einer, wenn auch meist eher unbewussten, Beeinflussung ist auszugehen.

Allerdings findet das gefährlichste Zusammenwirken zum Nachteil der Allgemeinheit vermutlich nicht im Geheimen, sondern in aller Öffentlichkeit statt, wie zum Beispiel durch Lobbyismus. Die Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz haben es nicht nötig, weit zu reisen, um Gespräche zu führen, zu denen sie ansonsten nicht in der Lage wären. Da sie sich kennen, oder zumindest direkten Zugang zueinander haben, können sie die gleichen Treffen und Gespräche in ihren Büros, Lieblingsrestaurants, oder in ihren Ferienvillen führen, ohne sich der kritischen Medienaufmerksamkeit, die Bilderberg mit sich bringt, auszusetzen. Für die Teilnehmer ist neben der Vertiefung ihrer persönlichen Beziehungen vermutlich einer der attraktivsten Aspekte der Konferenz die Bestätigung ihrer "Stammes-Zugehörigkeit", ihres elitären Status und ihrer "Wichtigkeit".

Die Finanzpatriarchen: Family-Office-Zusammenkünfte

Das Swiss Re Center am Zürichsee ist mit seinen weitläufigen Gärten und dem Panoramablick auf die Alpenlandschaft schlichtweg beeindruckend. Die streng minimalistische Architektur des modernen Konferenzzentrums ist die perfekte Kulisse für die sie schmückende eigenwillige Kunstsammlung. Eine mit

altehrwürdigen Linden gesäumte Allee führt direkt zum neobarocken Bodmer Herrenhaus an der dem See zugeneigten Seite des Anwesens, das ein Schweizer Industrieller in den Zwanzigerjahren hat erbauen lassen.

Dies war der Schauplatz der Family-Office-Zusammenkünfte, die ich dort regelmäßig besucht habe. Bei meiner ersten Teilnahme, fielen mir zunächst die zahlreichen schwarz gekleideten, in ihre versteckten Mikrofone flüsternden Bodyguards ins Auge, deren Aufgabe es war, die Familienoberhäupter und Chefs ihrer Vermögensverwaltungsgesellschaften zu beschützen. Alles in allem befanden sich circa 150 Milliarden Dollar unter einem Dach. Ursprünglich hatte mich der Chef eines Family Offices eines IT-Milliardärs wegen meiner guten persönlichen Kontakte gebeten, ihn beim Aufbau einer Plattform für Familien mit einem liquiden Vermögen von über einer Milliarde Dollar zu unterstützen. Der Vorteil einer solchen Plattform für Family Offices besteht in der Möglichkeit, unter Gleichgesinnten Ansichten auszutauschen und ohne Einbeziehung von Banken oder sonstigen Finanzfirmen miteinander zu kooperieren. Diese Treffen gehören mit zu den exklusivsten, weil man nur Zugang bekommt, wenn man einer von ihnen ist.

Family Offices sind die Vermögensverwaltungsgesellschaften hoch vermögender Familien. Banken, Finanzdienstleister und Multi Family Offices verwalten Familienvermögen von bis zu 500 Millionen Dollar. Für Familien, die über ein größeres liquides Vermögen verfügen, rechtfertigen die Kosten die Einrichtung einer eigenen Investmentfirma, was ihnen den Vorteil der Kontrolle, Vertraulichkeit und Effizienz verschafft. Das Konzept des Family Offices hat sich über einen langen Zeitraum entwickelt. John D. Rockefeller hat sein Family Office im 19. Jahrhundert gegründet. Oftmals kommen Familien zu bedeutendem Reichtum, wenn sie große Unternehmen aufbauen. Darunter befinden sich alte Industriedynastien, aber auch Nouveau Industrielle und High-Tech-Milliardäre.

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Einige Familien zählen weniger als ein Dutzend Mitglieder, andere mehrere Hundert, und sie alle wollen am Familienvermögen teilhaben. Generell liegt die Priorität der Family Offices darin, das Vermögen zu erhalten, denn es heißt, dass ein Vermögen im Allgemeinen lediglich drei Generationen überdauere: Die erste Generation verdient es, die zweite lebt davon und die dritte verliert es. Bei den meisten Familienoberhäuptern handelt es sich nicht um Finanztitanen im klassischen Sinne, weil sie ihr Geld nicht in der Finanzindustrie erwirtschaftet haben. Mit dem Geld, das sie anlegen, beeinflussen sie Finanzwelt und Wirtschaft. 2016 gab es weltweit 1820 Milliardäre 1 , von denen 540 in den USA lebten. Auch Finanztitanen wie George Soros, Stanley Druckenmiller, Steve Cohen, Steve Schwarzman und Leon Black haben ihre eigenen Family Offices.

Am wichtigsten ist den Familienoberhäuptern ihre Privatsphäre. Aufgrund ihres Reichtums werden sie ständig von zahllosen Menschen bedrängt, die etwas von ihnen wollen. Aus diesem Grunde etablieren sie besonders hohe Zugangsbarrieren, an deren Grenzen sie "Gatekeeper" einsetzen, die als menschliche Schlagbäume fungieren und Anfragen filtern. Typischerweise sind solche Familienoberhäupter meist arbeitsam, bodenständig und konservativ.

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Industriepatriarchen mit den dazugehörenden Family Offices sind mächtig, weil sie Arbeitsplätze schaffen, hohe Steuern zahlen, wohltätige Spenden geben und einflussreiche Stimmen in ihren Gemeinden sind. Daher sind auch hochrangige Politiker meist unseren Einladungen gefolgt. Eine informelle Plattform für Family Offices ermöglicht es, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Investitionen zu tätigen und für größere Deals günstigere Konditionen auszuhandeln. Eine Familie aus Saudi-Arabien kann ihre Einblicke in das Ölgeschäft mit einer deutschen Industriellenfamilie teilen, die ihrerseits Informationen über potenzielle Mittelstandsfirmen als Übernahmeziele in Deutschland geben kann.

Ein britischer Milliardär kann andere Familien zur Teilnahme an sozial verantwortungsvollen Strukturinvestments einladen, während ein indischer Unternehmer möglicherweise Co-Investoren für eine Transaktion auf dem Telekomsektor sucht. Der Punkt ist, dass man originäre Informationen direkt von der Quelle erlangt und nicht verwässerte Informationen über mehrere Ecken von jemandem, der ein völlig anders gelagertes Eigeninteresse hat. Family Offices sind ein weiteres Beispiel dafür, dass Menschen die Nähe anderer suchen, mit denen sie Gemeinsamkeiten haben. Ihr gebündelter Zugang zu Opportunitäten und die Möglichkeit, diese gewinnbringend umzusetzen, verstärkt ihre Netzwerk-Macht noch weiter.

Lesen Sie hier Teil 1, Teil 2 und Teil 3 unserer kleinen Serie.


1 The Worlds Billionaires  , Forbes, 20. April 2016.